Alles wird teurer, doch für Alarmismus ist es zu früh

#Von Tobias Bühlmann

19.5.2021

Detail view of the nineth Swiss banknote series: ten, twenty and fifty, hundred, two hundred and thousand Swiss franc note, photographed on November 7, 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Detailansicht der neunten Schweizer Banknoten-Serie: zehn, zwanzig, fuenfzig, hundert, zweihundert und tausend Franken, aufgenommen am 7. November 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Die Preise in der Schweiz ziehen an – doch bis das Geld deutlich an Wert verliert, braucht es noch mehr.
Bild: Keystone/Gaetan Bally

Das Benzin wird teurer, Ferien und Baumaterialien ebenso. Das ruft ein fast schon vergessenes Thema in Erinnerung – die Inflation. Die steigenden Preise schüren Ängste. Doch einiges deutet darauf hin, dass das Phänomen diesmal nur von kurzer Dauer ist.

#Von Tobias Bühlmann

19.5.2021

Am Montag verschickte der Verband der Schweizer Fenster- und Fassadenbauer einen Hilferuf: Zwar sei die Auftragslage gut, doch die «überhitzte Nachfrage» führe zu steigenden Rohstoffpreisen, was wiederum die Materialpreise stark in die Höhe treibe. Und weil man die höheren Preise nicht einfach an die Kunden weitergeben könne, stehe das Überleben vieler Betriebe mit Hunderten von Arbeitsplätzen infrage, heisst es weiter.

Die Meldung betrifft eine vergleichsweise kleine Brache, doch vielen geht es derzeit gleich. Die Wirtschaft läuft nach einem verlorenen Jahr mit Corona-Krise wieder an – und wie: Die Menschen und Firmen haben grossen Nachholbedarf. Darum zieht die Nachfrage gerade so stark an, dass es auf einmal zu wenig hat von allem: zu wenig Holz, zu wenig Computerchips, zu wenig Autos.

Als Folge dieser Knappheit werden nun viele Güter teuer, zum Teil deutlich. Und so geht auf einmal wieder die Angst um, dass sich eine Spirale mit Preis- und Lohnsteigerungen in Gang setzt und das Geld an Wert verliert – kurz: es zu einer Inflation kommt.

Was bitte ist Inflation?

Dabei ist das Wort Inflation schon beinahe aus unserem Sprachgebrauch und unserem Bewusstsein verschwunden. Die letzte Phase mit einer nennenswerten Inflation liegt in der Schweiz bereits Jahrzehnte zurück. Anfang der 80er- und 90er-Jahre lag der Wert zum letzten Mal deutlich über 2 Prozent, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigen.

In den letzten Jahren schienen nur noch autoritär gelenkte Staaten mit maroder Wirtschaft wie Venezuela oder die Türkei mit einer hohen Geldentwertung zu kämpfen zu haben.

Die Schweiz hatte es in den letzten Jahren eher mit dem Gegenteil zu tun: einer Deflation, also mit sinkenden statt steigenden Preisen. Doch im April sind die Güter und Dienstleistungen erstmals seit 14 Monaten wieder teurer geworden – wenn auch nur um 0,2 Prozent.

Offen ist allerdings, ob das die ersten Anzeichen einer Trendwende sind, oder ob die Preise nur vorübergehend steigen. Denn wegen der Corona-Krise brach die Nachfrage im letzten Jahr drastisch ein, weshalb auch die Kapazitäten für Herstellung und Transport gesenkt wurden. Und nun, da die Nachfrage wieder sprunghaft wächst, können die Anbieter nicht Schritt halten.

Erst eine tiefe Arbeitslosenquote kann gefährlich werden

Die Teuerung wegen dieser Engpässe dürfte aber nicht allzu lange dauern, prophezeit Matthias Geissbühler, Investment-Chef von Raiffeisen Schweiz, im Gespräch mit «20 Minuten». Seine Bank rechne damit, dass die Lieferketten bald wieder besser funktionierten. Darum sollten die Preise nicht dauerhaft hoch bleiben, sondern sich spätestens im kommenden Jahr wieder einpendeln. Geissbühler rechnet darum mit keiner starken Inflation.

Christoph Schenk, Anlage-Chef der Zürcher Kantonalbank, sieht die derzeitige Teuerung sogar als gutes Zeichen: «Das ist gut, weil das zeigt, dass die Wirtschaft zu boomen beginnt», sagt er zu SRF. Das bestätige, dass der Wirtschaft für eine Erholung nach der Corona-Krise nichts mehr im Wege stehe.

Damit es zu einer lang anhaltenden und hohen Inflation kommt, braucht es mehr als nur vorübergehend steigende Preise für Waren und Dienstleistungen. Es müssten auch die Löhne steigen. Denn erst dann setzt sich die gefürchtete Preisspirale in Gang. Dieser Mechanismus kommt aber erst in Gang, wenn die Arbeitslosenzahlen tief sind und die Angestellten darum überhaupt höhere Löhne fordern können. Das ist derzeit nicht absehbar, denn die Quote der Stellenlosen liegt derzeit bei 3,3 Prozent – immer noch ein ganzer Prozentpunkt über dem Wert vor der Corona-Krise.

Für die Schweiz ist die Gefahr klein

Der Schweiz dürfte vorerst also keine galoppierende Teuerung mit ihren schädlichen Folgen drohen. Das heisst aber nicht, dass wir die höheren Preise nicht trotzdem spüren werden. Doch immerhin können wir uns damit trösten, dass der Spuk nur von kurzer Dauer sein könnte.

Schwieriger ist die Lage für Länder, deren Bevölkerung schon vor der Corona-Krise unter grossem wirtschaftlichem Druck standen. Denn steigen die Preise für Grundnahrungsmittel stark an, bedeutet das für die Schwachen bald einmal Mangel und Hunger – da scheint die angespannte Lage in der Schweizer Bauwirtschaft im Vergleich ein Problem zu sein, das sich leichter in den Griff kriegen lässt.