Ist Donnerstag der neue Montag? – Die Zukunft des flexiblen Arbeitens

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12.7.2021

Die Rückkehr ihrer Angestellten aus dem Homeoffice erweist sich für einige Unternehmen als schwierig. (Symbolbild)
Bild: dpa

Von einem Tag auf den anderen haben im vergangenen Jahr viele Beschäftigte ins Homeoffice wechseln müssen und oft Gefallen daran gefunden. Mit sinkenden Corona-Zahlen passen Unternehmen in den USA nun ihre Arbeitsmodelle an – die einen mehr, die anderen weniger.

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12.7.2021

Wie in vielen Ländern weltweit haben in den USA im vergangenen Jahr Unternehmen hastig ihre Büros geschlossen und das Personal für das Arbeiten im Homeoffice ausgestattet. Angesichts rückläufiger Corona-Zahlen setzt nun die Gegenbewegung ein: Die Arbeitgeber mühen sich, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück ins Büro zu bekommen. Die meisten Firmen gehen vorsichtig vor – auch weil viele Beschäftigten nicht unbedingt zurückkommen wollen.

In einigen Betrieben haben die Arbeitnehmer Petitionen organisiert oder sind sogar in den Streik getreten, um gegen eine Zwangsrückkehr zur Präsenzarbeit zu protestieren. In stark nachgefragten Branchen wie der Tech-Industrie oder dem Kundendienst haben viele Alternativen, da in Stellenangeboten bereits mit der Möglichkeit zum dezentralen Arbeiten geworben wird – eine verlockende Aussicht für Menschen, die während der Pandemie umgezogen sind, um näher bei der Familie zu sein oder günstiger zu wohnen.



«Viele Leute haben den Wohnort gewechselt und wollen nicht zurückkommen», sagt Chris Riccobono, Gründer der Firma Untuckit LLC, die Freizeitmode für Männer herstellt. Er wolle seine 100 Beschäftigten aber möglichst schnell wieder im Büro in Manhattan sehen, da er überzeugt sei, dass Produktivität und Arbeitsmoral dort höher seien. Von September an soll das Personal montags, mittwochs und donnerstags wieder vor Ort arbeiten – in der Hoffnung, dass die Flexibilität eines hybriden Dienstplans beide Seiten zufriedenstellt.

Dauerhaftes Hybridmodell bei Amazon, Ford und Co.

Viele andere streben in ähnlicher Weise eine schrittweise Rückkehr an. Unternehmen wie Amazon und die Autobauer Ford und General Motors versprechen ihren Büroangestellten ein dauerhaftes Hybridmodell. Sie reagieren damit auf interne und öffentliche Umfragen, aus denen eine überwältigende Präferenz für das Homeoffice hervorging.

Doch die Einführung eines hybriden Arbeitsplatzes ist eine Herausforderung: So muss etwa geklärt werden, welche Tätigkeiten sich am besten für das Homeoffice eignen und an welchen Tagen Angestellte im Büro sein müssen. Auch Kundentermine müssen berücksichtigt werden, und die Einarbeitung von neuen Mitarbeitern oder Berufsanfängern funktioniert nach Ansicht einiger Unternehmer besser vor Ort.

Für Eltern kleiner Kinder war der Lockdown eine Herausforderung.
Für Eltern kleiner Kinder gerät die Arbeit im Home Office nicht selten zur Herausforderung. (Symbolbild)
Bild: Julian Stratenschulte/dpa

«Donnerstag ist der neue Montag», verkündete die Technologiefirma Salesforce aus San Francisco. Denn sie stellte bei der Wiederöffnung ihrer Büros in Sydney im August fest, dass bei den Mitarbeitern der Donnerstag der beliebteste Tag der Woche für Präsenzarbeit ist. Riccobono dagegen besteht darauf, dass seine Belegschaft für einen guten Start in die Woche montags erscheint. Wie viele Arbeitgeber räumt er aber ein, dass das Modell ein Test sei und im Januar auf den Prüfstand gestellt werden solle.

Mutter, Reinigungskraft und Angestellte in einem

Landesweit hatten die Büros in den wichtigsten zehn US-Städten Ende Juni eine Belegungsrate von durchschnittlich etwa 32 Prozent, wie die Sicherheitsfirma Kastle Systems schätzt, die bei etwa 2600 Gebäuden die Zugangskarten-Systeme verwaltet. In Manhattan waren einer Umfrage zufolge Ende Mai nur zwölf Prozent der Büroangestellten zurückgekehrt. Im September wird der Anteil demnach voraussichtlich auf etwa 60 Prozent steigen.

Die Managerin Romina Rugova hat gemischte Gefühle nach einem der wenigen Tage, die sie wegen eines wichtigen Termins mal wieder im Büro verbrachte. Die zweifache Mutter, die bei der Modemarke Mansur Gavriel in New York arbeitet, hat sich einerseits gefreut, ihre Kollegen persönlich wiederzusehen und Berufs- und Familienleben endlich wieder einmal klar trennen zu können.

Die Herausforderung im Homeoffice sei, alles unter einen Hut zu bringen, sagt sie: «Man muss eine Berufstätige sein, man muss eine Köchin sein, man muss eine Reinigungskraft sein, man muss eine Mutter sein. Nach einer Weile wieder im Büro zu sein, war so nett und erfrischend. Es ist eine komplett unterschiedliche Erfahrung.»

Investmentbanken wollen schnell normalen Bürobetrieb

Andererseits will sie die drei Stunden Zeit, die sie aufgrund der wegfallenden Pendelei gewinnt, nicht wieder ganz aufgeben. Vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen geht es genauso, deshalb wird Mansur Gavriel wohl ein flexibles Modell einführen, wenn die meisten der 40 Angestellten nach dem Labor Day im September wieder ins Büro zurückkommen.



Der Homeoffice-Trend hat die Sorge vor einer ungleichen wirtschaftlichen Erholung angefacht, da das dezentrale oder mobile Arbeiten noch für wenige Privilegierte eine Option ist. Laut US-Arbeitsministerium arbeiteten im Juni landesweit nur etwa 15 Prozent aller Beschäftigten von zuhause aus. Denn in etlichen Branchen wie der Gastronomie und dem Gesundheitswesen ist das nicht möglich.

Einige grosse Investmentbanken, die wichtige Arbeitgeber und Mieter von Büroflächen in New York sind, sind führend beim Bemühen, Mitarbeiter zurückzuholen – im Kontrast zu Tech-Giganten, die grosszügige Homeoffice-Möglichkeiten anbieten. Der Geschäftsführer von Morgan Stanley, James Gorman, sagte kürzlich, wer ein New Yorker Gehalt verdienen wolle, solle auch in der Stadt arbeiten. Ähnlich äusserten sich seine Kollegen von JPMorgan Chase und Goldman Sachs.