Konjunkturexperte: «Es wird zunächst schlimmer werden»

Von Andreas Fischer

25.8.2020 - 16:09

Hiobsbotschaften auf dem Schweizer Stellenmarkt: Der Trend wird noch einige Zeit anhalten, doch der Konjunkturforscher Dr. Michael Siegenthaler sieht Licht am Ende des Tunnels.
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Das Coronavirus lässt den Schweizer Stellenmarkt schrumpfen. Was ihm Hoffnung macht und welche langfristigen Folgen die Krise hat, erklärt Konjunkturforscher Dr. Michael Siegenthaler im Interview.

Jetzt also auch die Credit Suisse. Nachdem zahlreiche Firmen zuletzt im Wochentakt teils gravierende Stellenstreichungen ankündigten, plant nun auch die Schweizer Grossbank radikale Sparmassnahmen. 37 der 146 Filialen werden geschlossen, 500 Jobs könnten wegfallen.

Die Massnahmen der Credit Suisse haben zwar nur mittelbar mit der Coronakrise zu tun, aber sie fügen sich nahtlos in das Gesamtbild ein. Laut der aktuellen Beschäftigungsstatistik des Bundesamtes für Statistik (BfS) gibt es im Vergleich zum Vorjahresquartal weniger Stellen (-0,6 Prozent) und viel weniger offene Stellen (-26,9 Prozent). Wichtiger noch: Mehr Firmen planen einen Stellenabbau (7 statt 3,1 Prozent).

Angesichts dieser Prognosen, ist es gerechtfertigt, dass sich viele Schweizer und Schweizerinnen fragen, ob sie Weihnachten noch einen Arbeitsplatz haben, findet Dr. Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) im Interview mit «Bluewin».

Kann man angesichts der derzeitigen Nachrichtenlage auf dem Stellenmarkt von Hiobsbotschaften sprechen?

Dr. Michael Siegenthaler: Die Zahlen sind auf jeden Fall historisch schlecht. Selbst während der Finanzkrise war es nicht so schlimm, was den Beschäftigungsrückgang angeht. Vor allem die Branchen, die wegen des Lockdowns schliessen mussten und temporär Beschäftigte haben im zweiten Quartal enorm gelitten.

Zur Person
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Dr. Michael Siegenthaler ist Arbeitsmarktspezialist an der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Was bedeutet der derzeitige Beschäftigungsrückgang für die Schweiz?

Es war ein schlechtes Halbjahr für den Arbeitsmarkt, aber man muss auch festhalten: Zu Beginn des Lockdowns haben wir mit einer noch schlimmeren Entwicklung gerechnet. Der Stellenmarkt ist nicht ganz so heftig eingebrochen, wie wir im April befürchten mussten. Insbesondere ging die Erholung bislang relativ gut voran, und es wurde weniger Kurzarbeit abgerechnet, als wir aufgrund der ersten Prognosen kalkulieren mussten.

Es gibt also Licht am Ende des Tunnels?

Es sieht schlecht aus, und es wird noch schlechter werden: Wir rechnen mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit. Aber wie gesagt: Es hätte noch schlimmer kommen können, wie man in einigen anderen Ländern sieht.

Können Sie eine Prognose abgeben, wie sich die Zahlen entwickeln: Wie viele Schweizer und Schweizerinnen müssen aktuell befürchten, Ende des Jahres keinen Arbeitsplatz mehr zu haben?

Im Moment ist es so, dass zwischen 60'000 und 100'000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben wegen der Covid-Krise. Wir gehen davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte insgesamt nicht mehr viel schlimmer werden wird. In einigen Branchen macht sich schon jetzt ein Aufholeffekt bemerkbar. In anderen wird es hingegen wohl noch prekärer, vor allem in der Industrie oder im exportorientierten Dienstleistungssektor. Sie sind von der weiterhin schlechten Weltkonjunktur betroffen, sodass Entlassungen, Betriebsschliessungen und Konkurse nicht auszuschliessen sind. Wir schätzen, dass wir im Moment vielleicht drei Viertel des negativen Beschäftigungseffektes erreicht haben.

In welchen Branchen gibt es denn Hoffnung?

Die Branchen, die von einem gewissen Aufholeffekt profitieren dürften, sind die, die auch direkt vom Lockdown betroffen waren und schlicht nicht operieren durften. Sprich: das Gastgewerbe oder auch persönliche Dienstleistungen wie das Coiffeur-Gewerbe. Es gibt schliesslich wenige Gründe, dass sich die Menschen nicht mehr die Haare schneiden lassen. Wo der Rebound schwächer sein wird, ist in den Branchen, in denen man mit einer strukturellen Konsumanpassung rechnen muss. Zum Beispiel im Luftverkehr oder bei Reisebüros. Da wird die Nachfrage weiterhin rückläufig sein, wobei sich noch nicht abschätzen lässt, ob Reisen nur aufgeschoben oder ganz aufgehoben werden.

«Auch im öffentlichen Verkehr könnte es zu längerfristigen Effekten kommen: Die Menschen fahren wegen der Coronakrise wieder vermehrt mit dem eigenen Auto. Die Frage ist, ob sie in Züge und Busse zurückkehren, wenn das Virus nicht mehr grassiert», sagt Dr. Michael Siegenthaler.
Keystone

Zu den strukturellen Anpassungen im Konsumverhalten gehört auch die beschleunigte Digitalisierung, die erst heute von der Credit Suisse als Grund für umfassende Restrukturierungsmassnahmen und einen geplanten umfassenden Stellenabbau genannt wurden.

Es gibt zwei grosse Phänomene, die wichtig werden dürften. Zum einen zwingt die Coronakrise viele Branchen zu massiven Sparmassnahmen. Kosten lassen sich zum Beispiel dadurch senken, indem man – gezwungenermassen – digitalisiert. Der Detailhandel wird sich Onlineshops gönnen, Hotels werden sich forciert digitalisieren. Die Banken sind auch ein gutes Beispiel: Sie waren eigentlich gar nicht stark betroffen von der Coronakrise, aber jetzt haben die Leute im Homeoffice gelernt, ihre Bankgeschäfte von zu Hause aus zu erledigen. Entsprechend tun sie das auch, und man braucht weniger stationäre Beschäftigte in den Filialen, die für die Kunden die Bankgeschäfte abwickeln. Man baut also Stellen ab, die es ohne die Krise wahrscheinlich weiterhin gegeben hätte.

Und das andere Phänomen?

Es hat einen Durchbruch bezüglich des Homeoffice gegeben und sich gezeigt, dass viele Tätigkeiten ganz oder teilweise von zu Hause erledigt werden können. Dadurch besteht natürlich die Gefahr, dass sie künftig auch ins Ausland ausgelagert werden. Es könnte also zu zusätzlichem Offshoring kommen, weil die Firmen merken, dass sie die Arbeiten auch von Personen zum Beispiel in Deutschland erledigen lassen können. Durch die Coronakrise sind nun auch einige Dienstleistungsberufe und administrative Jobs in den Fokus geraten, bei denen man bislang nicht dachte, dass sie ins Ausland verlagert werden können. Dazu zählen übrigens auch hoch qualifizierte Jobs wie beispielsweise die medizinische oder psychologische Beratung.

Welche Art von Jobs sind denn vom allgemeinen Beschäftigungsrückgang am stärksten betroffen? Sind es nur die temporär Beschäftigten und Ungelernten oder auch Facharbeiter und Kader?

In der ersten Phase sind natürlich diejenigen Jobs betroffen, die nur saisonal oder zu Spitzenzeiten gebraucht werden. Etwa im Baugewerbe oder in der Gastronomie. Diese Spitze ist weggebrochen, deswegen braucht man sie im Moment nicht. Mittlerweile sind aber auch Fachkräfte betroffen, zum Beispiel in der Industrie. Da lief es Ende letzten Jahres schon nicht besonders gut, und nun noch viel schlechter, sodass man anfangen musste, systematisch Beschäftigung abzubauen. Da trifft es nicht nur Berufseinsteiger und Hilfskräfte, sondern alle – und vermehrt natürlich die älteren Leute. Führungskräfte werden zunächst eher weniger betroffen sein: Für Restrukturierungsmassnahmen benötigt man das Management. In dem Bereich dürfte eher das Lohnniveau betroffen sein.

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Wann rechnen Sie mit dem Höhepunkt der coronabedingten Entlassungswellen?

Wir gehen zurzeit davon aus, dass der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit Anfang des nächsten Jahres erreicht wird. Dies unter der Annahme, dass es in der Wirtschaft insgesamt besser laufen wird, etwa weil wir uns an das Virus gewöhnt haben und irgendwann sogar zur Normalität zurückkehren können. Wenn die Pandemie natürlich noch länger dauert, als wir im Moment annehmen, wird sich der Beschäftigungsrückgang noch länger hinziehen.

Die Entwicklung ist also ans Infektionsgeschehen gekoppelt?

Genau, in vielen Ländern kommt es bereits zu einer zweiten Welle. Je einschneidender die Massnahmen sind, um die zweite Welle in den Griff zu bekommen, umso mehr wird die wirtschaftliche Entwicklung leiden und damit die Beschäftigung.

Welche langfristigen Folgen haben die Entlassungswellen auf den Arbeitsmarkt: Wird er auf niedrigem Niveau verharren oder rechnen Sie mit einem Stellenzuwachs nach der Coronakrise?

Grundsätzlich sind die Aussichten in der Weltwirtschaft schlechter als vorher. Wir werden nicht mehr die Wachstumsraten haben, die wir gewöhnt waren, unter anderem weil sich die Globalisierung verlangsamen dürfte. Für exportorientierte Länder wie die Schweiz gibt es dadurch weniger Wachstumspotential. Aber: Auch wenn er nicht mehr so steil sein wird, werden wir trotzdem auf einen Wachstumspfad zurückkehren. Zudem werden sich die Beschäftigungszahlen von ihrem massiven Einbruch in diesem Jahr erholen, wenn auch nicht sehr schnell. Wir rechnen damit, dass es bis Ende 2021 dauert, bis die 60‘000 bis 100'000 Stellen aufgeholt sind, die die Coronakrise bislang gekostet hat.

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