Weltweites Artensterben: Schweiz besonders stark betroffen

SDA/tsha

6.5.2019 - 11:20

Der Weltbiodiversitätsrat schlägt Alarm: Das Artensterben schreitet mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit voran. Das hat auch Auswirkungen auf die Schweiz.

Mit der Natur geht es bergab wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Das Artensterben beschleunigt sich. Damit untergräbt der Mensch seine eigene Lebensgrundlage, so die eindringliche Botschaft des Weltbiodiversitätsberichts, der am Montag präsentiert wurde.

Rund eine Million von insgesamt schätzungsweise acht Millionen Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht; viele könnten bereits in den nächsten Jahrzehnten komplett verschwinden. Mehr als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, warnt der Weltbiodiversitätsrats IPBES am Montag in einer Mitteilung zum Zustandsbericht der weltweiten Artenvielfalt.

Das Artensterben beschleunigt sich und der Niedergang der Natur hat ein solches Ausmass erreicht, dass schwerwiegende Folgen für den Menschen wahrscheinlich sind, so die Botschaft des IPBES-Berichts, dessen Kernaussagen am Montag vorgestellt wurden. Drei Viertel der Landfläche und rund zwei Drittel der Meeresfläche der Erde sind demnach bereits signifikant durch den Menschen verändert.

Ursachen für den Verlust an Artenvielfalt und Ökosystemen sind dem Bericht zufolge eindeutig menschliche Aktivitäten. Als Hauptprobleme nennt der IPBES – in absteigender Abfolge – veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Nutzung von Pflanzen und Tieren, Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten.

Artensterben beschleunigt sich

Auwirkungen auf die Schweiz

Dem Verlust an biologischer Vielfalt liege die übermässige Nachfrage nach natürlichen Ressourcen, sowohl insgesamt als auch pro Kopf, zu Grunde, kommentierte Markus Fischer von der Universität Bern, der am Bericht beteiligt war. Dies führe zu einer Übernutzung lokaler Ökosysteme, und gleichzeitig zu immer umfangreicherem weltweiten Handel mit natürlichen Ressourcen, der allerdings derzeit weder nachhaltig sei noch die Vorteile gerecht verteile.

«Die Gesundheit der Ökosysteme, auf die wir und alle anderen Spezies angewiesen sind, verschlechtert sich schneller denn je», sagte IPBES-Vorsitzender Robert Watson gemäss der Mitteilung. «Wir unterhöhlen das Fundament unserer Volkswirtschaften, Existenzgrundlagen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität weltweit.»

Auch auf die Schweiz sei betroffen, so Markus Fischer gegenüber dem «Tagesanzeiger». «Die Schweiz hat den höchsten Anteil an gefährdeten Arten in Westeuropa», sagt der Experte. Seit 1990 seien die Bestände der insektenfressenden Vögel um 60 Prozent zurückgegangen, ausserdem würden in den Schweizer Flüssen viele Krebse und Muscheln aus Nordamerika und Asien leben und die einheimischen Arten verdrängen.

Schuld an der dramatischen Lage in der Schweiz sei die kleinräumige Struktur des Landes. «Wenn der Lebensraum klein ist und durch Land- und Wassernutzung und die Versiegelung der Landschaft noch kleiner wird, dann steigt das Risiko, dass eine Art ausstirbt», erklärt Fischer. Das Artensterben betreffe vor allem die Landwirtschaft: «Je monotoner die Natur, desto grösser ist das Risiko, dass sich in der Landwirtschaft Schädlinge ausbreiten. Desto mehr geht auch die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten zurück. Und desto stärker wird die Erosion der Böden und die Grundwasserbelastung.» Der Verlust der Artenvielfalt komme das Land «teuer zu stehen», warnt Fischer.

Um dem Artensterben Einhalt zu gebieten, müsse man vor allen in der Landwirtschaft ansetzen. «Intensive Landnutzung, der Einsatz von Pestiziden und die starke Stickstoffdüngung gehören weltweit und auch in der Schweiz neben dem Klimawandel zu den stärksten Treibern des Biodiversitätsverlustes.» Ausserdem müssten grössere Schutzgebiete ausgewiesen werden.

«Weitermachen wie bisher» keine Option

Der negative Trend bei Artenvielfalt und Ökosystemen untergrabe weltweit den Fortschritt bei 35 von 44 der nachhaltigen Entwicklungsziele der Uno, beispielsweise in den Bereichen Armuts- und Hungerbekämpfung, Gesundheit und Wasserversorgung, hiess es in dem IPBES-Bericht weiter.

Der Bericht macht aber auch Hoffnung: Das Ruder liesse sich herumreissen, wenn ein Richtungswechsel auf allen Ebenen stattfindet, hin zu einer nachhaltigen Nutzung der Natur. Klar sei, dass ein «Weitermachen wie bisher» keine Option sei, sagte Fischer.

Einer der Schlüssel, um die Ausbeutung der Natur aufzuhalten, wäre eine Weiterentwicklung der Wirtschaft und Finanzsysteme über das limitierte Dogma ständigen Wachstums hinaus – hin zu einer globalen, nachhaltigen Weltwirtschaft. Es brauche neue Visionen für eine gute Lebensqualität ohne ständig steigenden Materialverbrauch, sowie eine Senkung von Verbrauch und Verschwendung, erklärte Fischer.

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