Das Bernbiet als Sozialisten-Mekka – als Lenin und Trotzki Zimmerwald besuchten

Philipp Dahm

5.9.2020 - 10:00

Stalin, Lenin und Trotzki: Die beiden Letztgenannten lebten im Schweizer Exil.
Bild: Gemeinfrei

Im September 1915 begeben sich namhafte Sozialisten wie Lenin und Trotzki ins Bernbiet: Der Schweizer Robert Grimm hat alle Hände voll zu tun, auf der Zimmerwalder Konferenz die Genossen zu einen.

Robert Grimm muss stolz auf sich sein, als er am Morgen des 5. September 1915 die Gruppe im Berner Volkshaus, dessen Neubau ein Jahr zuvor mit ermöglicht hat, zusammenruft. Der Schweizer hat geschafft, was der sozialistischen Bewegung nicht mehr gelungen ist, seit der Krieg ausgebrochen ist: Er hat die Sozialistische Internationale wieder international gemacht.

Die Arbeiterbewegung, die sich eigentlich der Kooperation und dem Pazifismus verschrieben hat, ist in ganz Europa in den Taumel von Militarismus und Nationalismus geraten. Im Deutschen Reich etwa sagt Kaiser Wilhelm II. nach Ausbruch des Krieges am 1. August 1914: «Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur noch Deutsche.» Die Sozialdemokraten schliessen danach einen «Burgfrieden» mit ihrem Monarchen und winken bald darauf Kriegsanleihen durch. In den anderen Kapitalen des Kontinents wiederholt sich dieses Spiel.

Propaganda-Karte aus dem Deutschen Kaiserreich von 1914: «Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur Deutsche». Darunter die Wappen der damals 25 deutschen Staaten.
Bild: Gemeinfrei

Die Sozialdemokratenin der neutralen Staaten Schweiz und Italien wollen das nicht hinnehmen. Während sich Genossen, die die Achsenmächte mit Deutschland und Österreich-Ungarn unterstützen, ab 1914 treffen und auch jene, die auf alliierter Seite stehen, schaffen Sozialisten der neutralen Staaten nicht, sich zu einigen. 

Grimms Ziel ist es, die Arbeiterbewegung wieder zu ihren pazifistischen Ursprungszielen zurückzuführen, doch aus dem Internationalen Sozialistenbüro kommen bloss hinhaltende Antworten. Die Bewegung ist erfasst vom nationalen Rausch: Früher haben Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest erklärt: «Der Arbeiter hat kein Vaterland.» Am Vorabend des Krieges widerspricht ihnen Jean Jaurés, Anführer von Frankreichs Sozialisten: Dieses «aufgeblasene und obskure Detail» sei eine «sarkastische Verneinung der Geschichte höchstselbst».

Lenin – schon vor Ort

Es ist also nicht mehr weit her mit der Brüderlichkeit über Landesgrenzen hinweg, doch Robert Grimm mag das nicht hinnehmen. Auch unter deutschen Sozialdemokraten oder den französischen Genossen muss es Kräfte geben, die am alten Friedensideal der Arbeiterschaft festhalten. Nach Rücksprache mit Grimm macht sich der Abgeordnete Oddino Morgari von der Sozialistischen Partei Italiens auf eine Tour durch Europa, um die Bereitschaft zu einer internationalen Konferenz der Linken in der Schweiz auszuloten.

Nationalrat Robert Grimm, circa 1930.
Bild: Berner Stadtarchiv

Von September 1914 bis Januar 1915 finden drei Vorbereitungstreffen statt: in Lugano, im schwedischen Stockholm und im dänischen Kopenhagen. Erst am 19. August 1915 terminiert Grimm den 5. September als Beginn der Konferenz, die in Bern abgehalten werden soll. Die Schweiz bietet sich nicht nur als Austragungsort, weil das Land neutral ist, sondern auch, weil diverse Sozialisten hier im Asyl leben. Der bekannteste ist Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin.

Schon im Jahr 1900 besucht er erstmal Genf, acht Jahre später zügelt er in die Romandie, lebt in London und kommt 1913 nach Bern, weil seine Frau an der Schilddrüse operiert werden muss. Am Vortag der von Grimm organisierten Konferenz trifft sich der spätere sowjetische Führer mit Gleichgesinnten.

Wenn Ornithologen Revolutionen planen

Er gehört zur Minderheit der radikalen Linken, die aus dem Krieg heraus einen gewalttätigen Umsturz der Arbeiter machen wollen. Die Gruppe arbeitet ein eigenes Thesenpapier aus. Und auch deutsche und französische Genossen treffen sich vorab, um auf der eigentlichen Konferenz nicht aus der Rolle zu fallen.

Unter Führung von Grimm macht sich dann eine Gruppe von 38 Personen von der Zeughausgasse auf zum Eiglerplatz, wo vier Kutschen warten. Um der bernischen Polizei aus dem Weg zu gehen, hat Grimm im zehn Kilometer entfernten Dorf Zimmerwald das in die Jahre gekommene Hotel Beau Séjour angemietet. Den Besitzern erzählt der Mann aus Wald im Zürcher Oberland, es handele sich um eine Gruppe von Ornithologen, die da absteigt.

Postkarte aus Zimmerwald mit Werbung für die Pension Beau Séjour – damals stehen nur etwas mehr als 20 Häuser in dem Dorf.
Bild: Gemeinfrei

Die Fahrt dauert zwei Stunden, und die Kutschen müssen zweimal fahren. Leo Trotzki, der von Stalin 1929 ins Exil geschickt werden wird, beschreibt später, wie die Delegierten auf der Fahrt scherzen, dass «ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Ersten Internationale es immer noch möglich ist, dass alle Internationalisten in Europa in vier Kutschen passen». Am Ziel angekommen eröffnet Grimm um 16 Uhr die Zimmerwalder Konferenz, die in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Konferenz mit Geheimhaltung

Der 34-Jährige ist ein eloquenter, ambitionierter Politiker, der in seiner Eröffnungsrede das Internationale Sozialistenbüro für seine Untätigkeit scharf angreift. Das ihm auch seine Schweizer Sozialdemokraten nicht offiziell den Rücken stärken wollten, lässt er unter den Tisch fallen. Grimm liest einen des Deutschen Karl Liebknecht vor, den seine Frau Sophie in die Schweiz gebracht hat: Dass aus den «Ruinen des Alten» die Internationale neu auferstehen müssen, wird mit Applaus quittiert.

Am 6. September setzen die Pazifisten aus Frankreich und dem Deutschen Reich ein Zeichen, die unisono einen Frieden ohne Forderungen und die Wiederherstellung Belgiens fordern. Die Konferenz beschliesst, ein Exekutivbüro einzurechnen, das Grimm und zwei weitere Teilnehmer besetzen sollen. Briefe schreiben oder Nachrichten lesen dürfen die Zimmerwalder Sozialisten übrigens nicht, um das Treffen geheimzuhalten. Grimm unterhält seine Gäste abends mit Jodeln, während Wiktor Tschernow russische Volkslieder vorträgt.

1864 sah das Hotel noch deutlich besser aus.
Bild: Gemeinfrei

Erst am 7. September kommt die Konferenz zum Kern der Sache. Als Erster spricht der Deutsch-Pole Karl Radek, der die Resolution präsentiert, auf die sich Lenin und der Rest der Zimmerwalder Linken zuvor geeinigt haben. Sie wollen eine Dritte Internationale ausrufen, die sich zwischen «leeren Phrasen» und «wahrem revolutionärem Kampf» entscheiden müsse.

Grimm einigt – nur Lenin mag ihn nicht

Grimm findet diesen Aktionismus «unpassend»: «Brauchen wir ein Manifest für Parteigenossen oder eines für die breite Masse der Arbeiter?», fragt er Radek. Auch die Italiener sorgen sich darum, dass derlei Militarismus die Sozialisten eher spalten als einen würde. Deutsche und Franzosen lassen Lenin und Co. ebenfalls abprallen. Die Diskussionen gehen bis in die Nacht: Am Ende kann Lenin nicht einmal durchdrücken, dass sich ein Manifest gegen die Genehmigung von Kriegsanleihen ausspricht, weil die deutsche Delegation in diesem Fall mit Abreise droht.

Als über das von Trotzki verfasste Manifest am 8. September diskutiert werden soll, ermahnt Grimm Lenin, er solle die Konferenz nicht gefährden. Der Russe und der Schweizer mögen sich nicht: Der moderate Grimm sei «ein unverschämter Lump», giftet Lenin später mit Blick auf den «Schweizer Sozialpazifisten». Als die Gruppe das Dokument schliesslich unterzeichnet, brechen alle in Jubel aus und stimmen die «Internationale» an.

100 Jahre später: das ehemalige Hotel Beau Séjour im Juli 2015.
Bild: KEYSTONE

Um 2:30 Uhr am Morgen des 9. September endet die Konferenz, die «den bis dato unbekannten Namen Zimmerwald in die Welt widerhallen liess», wird Trotzki 1930 sagen. Grimm erinnert vor der Abreise die Delegierten daran, keine Aufzeichnungen mit über die Grenze zu nehmen und erst nach zwei Wochen über das Treffen zu sprechen, wenn alle wieder zu Hause sind. Er selber berichtet im Blatt «Berner Tagwacht» über den «Beginn einer neuen Epoche».

Nicht neutral

Für Lenin und Co. war das Treffen eine Niederlage, doch dass der russische Dissident damals auch noch nicht seine spätere Grösse erreicht hatte, zeigt die nächste Begegnung zwischen ihm und Grimm. Zwei Jahre später fragt das Deutsche Kaiserreich nach, ob man den potenziellen Unruhestifter Lenin nicht per Bahn aus der Schweiz nach Russland transportieren könne, um Kriegsgegner Russland zu schwächen.

Der Schweizer Kommunist Fritz Platten schrieb ein Buch über Lenins Reise im plombierten Wagen von Zürich nach Petrograd.
Bild: Gemeinfrei

Weil Lenin Grimm nicht traut, reist der Schweizer Sozialist Fritz Platten mit Lenin, der von Petrograd aus für die Schweizer überraschend die Zügel in Russland in die Hand nimmt. Und dennoch stolpert der Schweizer Grimm über den Revolutionsführer, als er 1917 mit dem Segen von Bundesrat Aussenminister Arthur Hoffmann einen Frieden zwischen Deutschen und den Bolschewiken vermitteln will.

Robert Grimm spricht 1912 von einem Balkon zu streikenden Arbeitern in Zürich. 
KEYSTONE

Dieser in der Romandie heftig kritisierte Bruch der Neutralität kostet Grimm seinen Status in der Arbeiterbewegung Europas, obwohl er in der Schweiz mit dem Landesstreik von 1918 noch einmal Wirkung erzielt. Grimm spricht sich 1920 gegen den Beitritt der SP zur Dritten Internationalen aus, was die Gründung der Kommunistischen Partei der Schweiz auslöst. Der «Volkstribun» sitzt von 1920 bis 1955 im Nationalrat, wird aber nie in den Bundesrat gewählt. Er stirbt 1958 in Bern.

Zurück zur Startseite