Das Raumschiff von Gretzenbach

David Eugster

26.7.2020 - 00:00

Vor 50 Jahren bauten junge Solothurner eine Apollo-Kapsel nach – zum Mond flog das «Team Apollo Switzerland America» damit zwar nicht, aber alles andere haben sie richtig gemacht. Und bei der Landung jubelten ihnen Tausende zu.

Andere suchten Ende der 1960er-Jahre Anschluss an Bands – aber Ruedi Fricker aus Aarau suchte jemanden, der mit ihm eine Raumkapsel baute. Warum? «Ich habe mich seit ich ungefähr zwölf, dreizehn Jahre alt war, für die bemannte Raumfahrt interessiert – da ging das Gemini-Programm los in den USA.»

Als dann Apollo kam, sei es erst richtig spannend geworden. Diese vier Jahre der Mondlandungen seien eine einmalige Zeit gewesen, erinnert sich Fricker im Gespräch mit «Bluewin»: «Da kam immer etwas Neues dazu – zuerst gingen sie in den Weltraum, dann um den Mond, dann landeten sie an immer spezielleren Orten.»

Der konkrete Auslöser dafür, dass er nach Mit-Astronauten suchte, war ein Artikel in der Zeitschrift «Hobby. Zeitschrift für Technik». Darin hatte Fricker von US-amerikanischen Schülern gelesen, die Raumkapseln nachbauten und darin elf Nächte verbracht hatten: Der Bericht liess Fricker nicht mehr los. Durch einen grossen Zufall erfuhr er von seinem Gymi-Klassenkameraden Peter Wiehl, dass in Gretzenbach eine Kapsel entstand.

«Wir wollten das richtig machen»

Die Brüder Herbert, Peter und Franz Wiehl, Hans von Weissenfluh und Klemens Schenker bauten seit einem Jahr, versteckt in einer Scheune, an einem Modell einer Apollo-Kapsel: «Die Kapsel war nicht ganz so gross wie das Originalraumschiff, weil die Werkstatt nicht breiter war. Der Basisdurchmesser war einen Meter schmaler als das Original.»

Die Raketenbauer des «Team Apollo Switzerland America», kurz TASA, verschalten ein massives Stahlgerüst mit Holz von einem Abbruchhaus. Das elektrische Zubehör besorgte Schenker, der Initiant und «Kommandant» der Gretzenbacher Astronauten, in seinem Lehrbetrieb: Oft ging sein ganzer Lohn für Kabel und Schalter drauf. Die Innenauskleidung aus gestepptem Stoff transportierten die TASA-Mitglieder per Autostopp aus der Ostschweiz nach Gretzenbach. Die Uniformen entwarf eine Näherin im Nachbarsdorf.

Die Mission war von grosser Ernsthaftigkeit geprägt: «Wir wollten nicht einfach eine Holzkiste basteln – wir wollten das richtig machen», meint Fricker. So wollten sie einerseits den Rekord von elf Tagen in einer Kapsel schlagen, andererseits sollte es nicht nur um das Ausharren gehen: Der dazu gestossene Fricker fand, man könnte doch einen echten Mondflug simulieren.

Echte Astronautennahrung und Flugplan

Herbert Wiehl, der älteste der Brüder bei TASA, hatte in den USA nicht nur Astronautennahrung besorgt, sondern auch einen originalen Flugplan der Apollo-13, an dem sich Fricker orientieren konnte: «Mit Informationen der NASA und meinen rudimentären Physikkenntnissen habe ich dann die Mondumlaufbahn berechnet und in nächtelanger Arbeit einen Flugplan erstellt. Nicht dass der wirklich funktioniert hätte für ein echtes Raumschiff!», erinnert er sich lachend.

In 3'500 Arbeitsstunden nahm die Kapsel Form an – nicht nur die Aussenform, auch die 100 Schalter und 70 Kontrolllämpchen im Innern wirkten äusserst realitätsnah und liessen sich auch bedienen. Nun wollte es TASA wagen: «Dieser ‹Flug› war unsere Apollo-6-Mission, das heisst, es gab vorher fünf kürzere Vorbereitungsmissionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die bis zu drei Tage gedauert hatten», sagt Fricker.

Mit einem Lastwagen transportierte man die Kapsel zum Parkplatz neben der Gretzenbacher Bäckerei. «Dann haben wir bei der Gemeinde nachgefragt, ob wir einen kleinen Betonsockel bauen dürfen – heute ginge das nicht mehr, da bräuchte es eine Baubewilligung.»

Kontrollzentrum über der Bäckerei

Am 26. Juli 1970 war es so weit: Die drei Astronauten Klemens Schenker, Peter Wiehl und Hans von Weissenfluh bestiegen die Kapsel. Der Vizeammann von Gretzenbach plombierte die Tür –, «damit niemand sagen konnte, die gehen in der Nacht raus und am Morgen wieder rein», so Fricker.

Der Rest des Teams begleitete das Experiment im Kontrollzentrum im ersten Stock der Bäckerei. Während laut Fricker die Stimmung im Raumschiff meist recht gut war, seien sie «in der Bodenkontrolle fast etwas gestresster» gewesen.

Sie arbeiteten nach Schichtplänen, einer war immer am Kontrollpult, ein anderer war auf Pikett abgestellt – «der Eingeteilte musste in einer Minute bereitstehen». Alle vier Tage hatte jeder der Verwalter an den Schaltern eine ganze Nacht frei: «Für die Bodenmannschaft war es schon auch sehr anstrengend!» Im Kontrollzentrum konnte man die Funktionen der Kapsel überwachen und steuern.

Tägliche Liveschaltung

Die Crew im Raumschiff kommunizierte auch regelmässig mit der Aussenwelt. Trotz Raumknappheit befand sich an Bord auch eine Fernsehkamera «gross wie ein Drucker», zur Verfügung gestellt vom lokalen Radiohändler. «Fast jeden Abend haben wir eine Direktübertragung nach aussen gemacht, in der die in der Kapsel erklärten, was sie darin taten.»

Gewisse Passanten nahmen das Projekt etwas sehr ernst und meinten, die Kapsel würde tatsächlich ins All geschickt. Eine Frau rügte die TASA-Mannschaft, das sei doch leichtsinnig, die Rakete so nahe am Haus zu zünden, das sei gefährlich: Beim Start würde die Bäckerei sicher niederbrennen!

Tausende kamen zur Landung

Das Projekt wurde auch von den Medien interessiert verfolgt: «Wir füllten mit dem Experiment für die Medien natürlich auch ein wenig das Sommerloch. Die haben uns fast die Tür eingerannt.» Begann alles mit Lokalzeitungen, kam bald auch das Schweizer Fernsehen und das Radio vorbei. Entsprechend interessierten sich auch immer mehr Menschen für TASA: Den Einstieg beobachteten bereits etwa 700 Leute. «Doch als sie zwei Wochen später wieder rauskamen, musste die Polizei die Strasse sperren. Ich schätze, da waren zwischen 2’500 bis 3’000 Leute.»

Für Fricker blieb die Raumfahrt ein Leben lang eine Faszination – erst vor zwei Jahren war er mit Claude Nicollier in den USA, hat Charlie Duke, den zehnten und mit Eugene Cernan den letzten Menschen, der auf dem Mond war, getroffen. «Wenn die erzählen, da bleibt einem der Mund schon offen stehen.» Das TASA-Team ist bis heute befreundet und trifft sich regelmässig – zum Beispiel diesen Sonntag zum 50. Jahrestag des Missionsbeginns.

Doch was passierte mit der Kapsel? Die stand lange in einem Lagerraum, wurde dann von Vandalen heimgesucht. Die Apparaturen wurden ausgebaut und danach übernahm sie ein Schulhausabwart für seine Kinder, zum Spielen –  bis sie irgendwann niederbrannte und als Rauch doch noch zum Himmel stieg.

Zurück zur Startseite