Experten warnten vor Gletscher-Katastrophe im Himalaya

Von Aniruddha Ghosal, AP/uri

10.2.2021 - 16:56

Nach der Gletscher-Katastrophe im Himalaya forschen Wissenschaftler nach der konkreten Ursache. Die Vermutung liegt nahe, dass der Klimawandel eine Rolle spielte. Entsprechende Warnungen gab es genug.

Ravi Chopra war entsetzt, aber nicht überrascht, als er die vom Himalaya-Gletscher Nanda Devi entfesselte Flut von Wasser, Geröll und Schutt flussabwärts stürzen sah. Denn das war genau das Szenario, vor dem sein Team die indische Regierung 2014 gewarnt hatte.

Chopra und andere Experten waren vom Obersten Gericht des Landes beauftragt worden, die Auswirkungen zurückgehender Gletscher auf Staudämme zu studieren. Sie hatten darauf aufmerksam gemacht, dass wärmere Temperaturen aufgrund des Klimawandels das Gletschereis im Himalaya schmelzen liessen und dies zu Lawinen und Erdrutschen führen könne – und dass es gefährlich sei, Staudämme in diesem fragilen Ökosystem zu bauen. «Sie waren klar gewarnt, aber sie haben es trotzdem gemacht», sagt Chopra.

Zunächst wurde ein geborstener Gletschersee vermutet

Nach der Katastrophe am Sonntag im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand wurden 31 Tote geborgen, 165 Menschen wurden am Dienstag noch vermisst. Die Sturzflut traf zunächst mit voller Wucht auf einen kleineren Damm, sammelte auf ihrem weiteren Weg Schutt ein und gewann damit an Schwere und Energie. Dann prallte sie auf einen noch im Bau befindlichen grösseren Damm und nahm noch mehr Fahrt auf.

Wissenschaftler hatten zunächst vermutet, dass ein Gletschersee geborsten war, aber nach der Untersuchung von Satellitenbildern glauben sie jetzt, dass wahrscheinlich ein Erdrutsch und eine Lawine die Katastrophe verursachten. Noch unklar ist, ob der Erdrutsch die Lawine von Eis und Schutt auslöste oder ob fallendes Eis zum Erdrutsch führte, wie Gletscher-Experte Mohammad Farooq Azam vom Indischen Institut für Technologie in Indore sagt.

Was man weiss, ist, dass Massen von Gestein, Fels, Eis und Schnee einen zwei Kilometer langen, fast vertikalen Bergabhang herabstürzten. Und nun versuchen Wissenschaftler Azam zufolge herauszufinden, ob durch Reibung entstandene Hitze während dieses Sturzes ausreichen würde, den Schnee und das Eis zu schmelzen und damit die Wasserflut zu verursachen.

Himalaya-Gletscher schmelzen drastisch

Auf jeden Fall unterstreicht die Katastrophe die Verwundbarkeit der Berge im Himalaya und die möglichen Gefahren durch den Klimawandel. Auch dann, wenn die Welt ihre ehrgeizigsten Klimaziele erreichen sollte, würden steigende Temperaturen bis zum Ende dieses Jahrhunderts ein Drittel der Gletscher im Himalaya dahinschmelzen lassen, wie aus einer 2019 veröffentlichten Studie des zwischenstaatlichen Instituts International Centre for Integrated Mountain Development hervorgeht.

Laut einem Bericht in der Wissenschaftszeitschrift «Science Advances» vom selben Jahr schmelzen Gletscher in dem Gebirge aufgrund der Klimaerwärmung seit 2000 doppelt so schnell wie in den 25 Jahren davor.

Ob die Katastrophe in Nordindien durch den Klimawandel ausgelöst wurde, ist nicht gesichert. Aber er kann häufigere Erdrutsche und Lawinen verursachen. Wenn Gletscher schmelzen, öffnen sich Täler, die vorher mit Eis gefüllt waren, und damit kann Erde hineinrutschen. An anderen Stellen sind steile Berghänge vielleicht durch festes Eis in ihren Spalten sozusagen zusammengeklebt. «Wenn es eine Erwärmung gibt und das Eis schmilzt, können sich die Teile leichter abwärts bewegen, geschmiert durch das Wasser», erklärt Richard B. Alley, ein Professor für Erdwissenschaften an der Pennsylvania State University.

Energie «mehrerer Atombomben»

Bei steigenden Temperaturen ist Eis auch weniger fest gefroren, statt früher minus 6 Grad Celsius bis minus 20 Grad sind es jetzt minus 2 Grad, wie Azam sagt. Das gefrorene Eis sei somit dem Schmelzpunkt näher, und folglich bedürfe es weniger Wärme als früher, um eine Lawine auszulösen.

Erwärmung kann auch Gletscherseen bersten lassen – eine Gefahr, die nicht zu übersehen sei, sagt der auf Himalaya-Gletscher spezialisierte Klimaforscher Joerg Michael Schaefer von der Columbia University. Die Energie des Wassers, das die Seen in die Flüsse entliessen, entspreche der «mehrerer Atombomben» und könne mithilfe von Wasserkraftwerken saubere Energie liefern. Aber solche Kraftwerke zu bauen, ohne bergauf zu blicken und zur Kontrolle des Pegels Wasser von den Seen abzuleiten, sei gefährlich, so der Experte.

HANDOUT - Diese Satellitenaufnahme von Maxar Technologies zeigt das im Bau befindliche Wasserkraftwerksprojekt in Tapovan. Rettungskräfte setzen ihre Suche nach den im Tunnel eingeschlossenen Arbeitern fort. Ein riesiger Gletscher war am 07. Februar von einem Berg in den Himalayas abgebrochen und in einen Fluss gestürzt und schloss mindestens 34 Arbeiter eines Kraftwerks in einem Tunnel ein. Foto: Uncredited/Maxar Technologies/AP/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits
Diese Satellitenaufnahme von Maxar Technologies zeigt das im Bau befindliche Wasserkraftwerksprojekt in Tapovan. Rettungskräfte setzen ihre Suche nach den im Tunnel eingeschlossenen Arbeitern fort.
Bild: Uncredited/Maxar Technologies/AP/dpa

«Die brutale Gewalt dieser Dinge ist wirklich unglaublich», sagt Schaefer. Das gelte insbesondere, wenn es – etwa aufgrund zusätzlichen Schmelzwassers – zu Rissen in den Rändern um diese Seen komme. «Du kannst diesen Tiger nicht zähmen. Du musst dem vorbeugen.»

«Der Klimawandel ist hier und jetzt»

Die Regierung des Staates Uttarakhand betont, dass sie ständig mit «akutem Mangel an Elektrizität» konfrontiert und gezwungen sei, jedes Jahr viel Geld für den Kauf von Strom aufzuwenden. Der Staat verfügt über ein besonders grosses Potenzial für das Generieren von Wasserkraft, aber Experten meinen, dass Solar- und Windenergie langfristig nachhaltigere und weniger riskante Alternativen darstellen. Und sei Entwicklung angesichts der Armut in der Region auch nötig, müssten die Fragilität der Berge und die Risiken durch den Klimawandel bei Projekten ins Kalkül gezogen werden.

Beim Bau des zweiten Dammes, der am Sonntag von der Sturzflut getroffen wurde, hatten Arbeiter versehentlich in eine Grundwasserschicht gestochen. Wasser, das für 2 bis 3 Millionen Menschen zum Trinken ausgereicht hätte, floss aus – 60 bis 70 Millionen Liter am Tag, und das einen Monat lang.

Entwicklungspläne müssten «Hand in Hand mit der Umwelt gehen» und nicht gegen sie, mahnt Anjal Pradesh von der Indian School of Business, der sich mit den Auswirkungen des Klimawandels im Himalaya beschäftigt hat. «Der Klimawandel ist hier und jetzt. Es nicht etwas, das später stattfinden wird.» 

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Von Aniruddha Ghosal, AP/uri