Karl Ernst Krafft, der Basler Nazi-Okkultist

Philipp Dahm

10.5.2020 - 14:00

Der Basler Karl Ernst Krafft, vor 120 Jahren geboren, sagt im November 1939 ein Bombenattentat auf Adolf Hitler voraus und lässt sich von den Nazis anwerben – er stirbt 1945 im Konzentrationslager.

Als Basel seiner Stadtmauern überdrüssig wird, entstehen in der Stadt neue Räume – und Ernst Krafft weiss, diese zu nutzen: Der Teilhaber einer Schuhfabrik in Fahrnau, rund 25 Kilometer hinter der Deutsch-Schweizer Grenze, baut auf Kleinbasler Seite des Rheins in zentraler Lage das «Hotel Krafft».

Eingeweiht 1873 wird es das Schicksal seiner Familie fortan mit der Schweiz verknüpfen. Sohn Carl wird es bis zum Direktor einer Brauerei in Fribourg bringen, und Enkel Karl Ernst – am 10. Mai 1900 in Basel geboren – wird okkulter Berater der deutschen Nazis. 1945 wird er im KZ Buchenwald sterben.

Seine Geschichte ist diese:

Die Familie zügelt erst in die Rhein-Stadt, als er zehn Jahre alt ist. Seine Mutter stammt aus dem Kreis Schopfheim gleich hinter der Grenze, doch seit 1910 lebt der Knabe definitiv in der Schweiz.

Tod der Schwester als Weichenstellung

1919 wird für sein Leben eine Weiche: Er verliert seine Schwester Anneliese, er selbst schliesst am Humanistischen Gymnasium Basel die Matura ab.

Karl Ernst Kraffts Schule: das Gymnasium am Münsterplatz in Basel.
Bild: WikiCommons/Taxiarchos228

In den nächsten fünf Jahren fährt er zweigleisig: Zum einen studiert er in Basel, Genf und London Mathematik, Physik, Chemie und Statistik. Zum anderen wendet er sich nach dem Ableben der Schwester dem Okkultismus zu – dieser boomt seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Der neue «Spiritismus» ist Thema in allen Gesellschaftsschichten.

Eine Welle westlicher Esoterik wirft Diskussionen um Aspekte wie Gnosis, Hermetik und Kabbala auf. Karl Ernst Krafft jedoch redet nicht nur oder veranstaltet Séancen, sondern trifft auch geistliche Grössen wie Hazrat Inayat Khan in Genf, der als Wegbereiter der islamischen Mystik im Westen gilt und ab 1920 zwischen Paris und der Schweiz hin- und herpendelte.

Wandel zum Wahrsager

Karl Ernst verschreibt sich der Mission, seinen Glauben mit Statistik zu beweisen. Von 1921 bis 1923 vergleicht er Genfer Todesanzeigen mit astrologischen Konstellationen, um Zusammenhänge abzuleiten. Der Student beginnt ausserdem, Horoskope von Musikern zu erstellen. Er will herausfinden, wie sehr das Geburtsdatum die Berufswahl beeinflusst.

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm «Dr Mabuse, der Spieler» von 1921/1922.
Bild: Gemeinfrei

Doch 1924 drehen ihm die Eltern offenbar den Geldhahn zu. Der junge Krafft verlässt die Uni, eröffnet 1925 die esoterische Buchhandlung «Quo Vadis» – seine Eltern zügeln damals notabene nach Coppet VD.

Ab 1926 arbeitet Krafft als astrologischer Wirtschaftsberater und steigt zum Protegé des Thurgauer Bankiers Oscar Guhl auf ­– seines Zeichens Hauptaktionär von Orell Füssli, Immobilienbesitzer, Globus-Teilhaber. Auch das Pariser Printemps-Kaufhaus setzt auf dessen Dienste.

Ein Gesicht der «Hellseher»-Welle der 20er und 30er: Der Österreicher Erik Jan Hanussen beschwor Geister und suchte trotz jüdischer Herkunft die Nähe des Nazi-Regimes. Er starb 1933.
Bild: G Gemeinfrei

Der Esoteriker erfindet die «Kosmobiologie«, die «Typokosmie» und schreibt in der Schweiz Bücher über «Astro-Physiologie» (1929) oder «Fragmente planetarischer Harmonik» (1931). Krafft hält Kurse und Vorträge in der Schweiz und in Deutschland.

Hitler-Attentat vorhergesagt

1937 heiratet Krafft in Zürich seine Frau Anna und zügelt mit der Tochter eines niederländischen Kaufmanns über die Grenze nach Urberg in Baden-Württemberg – offenbar aus Begeisterung für die grossdeutsche Sache.

Eine Prophezeiung bringt ihn dann mit dem Regime in Kontakt: Er sagt in einem Brief an dem regimetreuen Dr. Heinrich Fesel vom 2. November voraus, dass auf den Führer zwischen dem 7. und 10. November 1939 ein Anschlag mit einer Bombe verübt werde.

München, Bürgerbräukeller, am 9. November 1939: Beamte inspizieren den Ort, an dem der Handwerker Georg Elser Adolf Hitler mit einer Bombe töten wollte.
Bild: Deutsches Bundesarchiv

Fesel beschliesst, den Brief zu ignorieren. Als Adolf Hitler am 8. November einem Bombenattentat in München nur knapp entgeht, wird die Staatsmacht auf die Vorhersage aufmerksam – aber nur, weil Krafft Rudolf Hess mit der Nase drauf stösst und am 9. November in die Berliner Reichskanzlei telegrafiert. Erst dann steht im kleinen Urberg die Gestapo Nazis vor der Tür.

In Berlin gelingt es dem Schweizer nicht nur, die Deutschen davon zu überzeugen, mit dem Anschlag des Widerstandskämpfers Georg Elsers nichts zu tun zu haben – sondern er lässt sich hiernach auch noch anwerben. Er wird vom Reichssicherheitshauptamt abgesegnet, das Heinrich Himmler unterstellt ist – dieser ist wie Rudolf Hess auch der Esoterik zugetan.

Horoskope für die Nazis

Krafft schreibt nun in Jopseph Goebbels Propagandaministerium Horoskope über Freund und Feind. Er gilt als Nostradamus-Experte, dessen Aussagen aus propagandistischen Zwecken auf Deutschlands Politik umgemünzt werden sollen, um dem Regime Legitimation zu verleihen.

Typokosmie nach Krafft: kaum nachvollziehbare Geisterwelt.
Bild: Gemeinfrei

Die moderne Esoterik wiederum macht Krafft zum Nostradamus, der einen Siegeszug bis 1942 vorausgesagt habe – das Blatt wendet sich für die Deutschen bekanntlich nach dem Stalingrad-Desaster Anfang 1943. Hinreichend belegt werden derlei Aussagen aber nicht.

Eineinhalb Jahre scheint alles für Krafft zu laufen – doch dann bringt ihn ein Vorgesetzter um sein Leben: Am 10. Mai 1941 fliegt Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess eigenmächtig nach England, um einen Frieden auszuhandeln. Der Führer tobt.

Säuberung vom Esoterischen

Hess soll bei seinem Tun von einem Horoskop bestärkt worden sein, dass jenes Datum als «erfolgsversprechenden Tag» empfohlen habe. Den 10. Mai als Flugdatum einer «Reise im Interesse des Friedens» lässt sich Hess im März über seinen Stabsmitarbeiter Ernst Schulte Strathaus bei einer Münchner Astrologin gar noch einmal versichern.

Reichsmarschall Hermann Göring 1938 in Nürnberg im Gespräch mit Rudolf Hess (rechts stehend).
Bild: Deutsches Bundesarchiv

Stabsmann Strathau wird vier Tage nach dem Flug von der Gestapo abgeholt und überlebt den Krieg im KZ Sachsenhausen: Eine Verhaftungswelle durchzieht nach Hess’ Bruchlandung das Deutsche Reich, das Esoteriker im Fadenkreuz hat. Bei der folgenden «Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften» werden zwischen 300 und 1'000 Personen verhaftet und interniert.

Während die deutsche Propaganda dem Volk 1941 verkauft, Partei-Grösse Hess sei «Opfer von Wahnvorstellungen» geworden, wird am 12. Juni 1941 auch Karl Ernst Krafft verhaftet.

Aber der Schweizer erstellt angeblich für das NS-Kulturdezernat Amt Rosenberg weiter Horoskope, bis er aber 1942 im Gefängnis einen Nervenzusammenbruch erleidet. 1943 erkrankt er dann an Typhus, wird ins KZ Sachsenhausen und am 27. November 1944 ins KZ Buchenwald verlegt. Dort stirbt Karl Ernst Krafft am 8. Januar 1945.

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