Massaker unter der roten Sonne

Joel Bedetti

6.8.2020 - 06:30

Bereits im Jahr 1937 marschieren Japans Truppen in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking ein und richten ein Massaker an.
Bild: Keystone/AP

Als die Nationalsozialisten in Europa ihren Blitzkrieg starten, hat Japan in Ostasien bereits einen ebenso blutigen Konflikt angezettelt. Er endet erst mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren.

Am 5. August 1937, gut zwei Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen, erlässt der japanische Kaiser Hirohito seinen Soldaten in China eine Direktive: Sie sollen, schreibt Hirohito, sich nicht an die Haager Kriegsregeln halten. Die Soldaten, die ihren Kaiser wie einen lebenden Gott verehren, gehorchen. Sie erschiessen die chinesischen Soldaten, auch wenn sich diese ergeben.

Im Dezember erreichen die japanischen Truppen, die im Juli in China eingefallen sind, dessen damalige Hauptstadt Nanking. Und richten ein Massaker an: Sie plündern, vergewaltigen und töten gemäss Schätzungen bei den Tokioter Kriegsverbrecherprozessen etwa 200’000 Soldaten und Zivilisten. Besonders grausam gehen zwei Offiziere vor, die sich einen Wettbewerb um die meisten Enthauptungen liefern. Tokioter Zeitungen berichten darüber wie über ein Sportereignis. Es ist die erste von vielen japanischen Gräueltaten, denen bis Kriegsende je nach Schätzung sechs bis zehn Millionen Menschen zum Opfer fallen.

Im kollektiven Gedächtnis Europas beginnt der Zweite Weltkrieg 1939 und endet mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945. Doch auf der anderen Seite der Erdhalbkugel beginnt er früher und endet später. Einige Historiker datieren seinen Beginn dort bereits auf 1931: Damals besetzt das expandierende Japan die chinesische Provinz Mandschurien, ohne dabei auf grossen Widerstand zu stossen.

So richtig entbrennt der Krieg, als die Japaner 1937 nach einer – vermutlich fingierten – Grenzschiesserei ins chinesische Kernland vordringen. Das Reich der Mitte befindet sich im Bürgerkrieg – und ist darum eine leichte Beute, hofft Japan. Vergeblich. In den nächsten acht Jahren sterben 15 Millionen Chinesen, über drei Millionen Japaner und gegen zwei Millionen Bewohner Südostasiens sowie der Pazifikregion. Auch wenn die Opferzahlen nicht an jene in Europa heranreichen: Geführt wird der Krieg in Ostasien mit derselben Menschenverachtung.

Von den Göttern beschützt

Wie in Europa gehen die Aggressionen weitgehend unprovoziert von einer Macht aus, die das Gefühl hat, in der bisherigen Weltgeschichte zu kurz gekommen zu sein. Japan industrialisiert sich als einziges asiatisches Land bereits Ende des 19. Jahrhunderts und baut eine moderne Armee samt Kriegsmarine auf.

1905 schlägt es mit diesen Mitteln Russland, das wie Japan Aspirationen auf Expansion in Nordostasien hat, auf dem Kriegsfeld. Russlands Niederlage ist eine Sensation: Zum ersten Mal hat ein nichteuropäisches Land eine Grossmacht in die Schranken gewiesen. Ein gewaltiger Schub fürs japanische Selbstbewusstsein.

In den Ersten Weltkrieg treten die Japaner aufseiten der von ihnen bewunderten Briten ein und sacken nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonien in der Südsee ein. Doch damit war der koloniale Appetit Nippons, das bereits das heutige Korea annektiert hatte, längst nicht gestillt.

Auch wenn Japan im 20. Jahrhundert gegen aussen modern wirkt, ist es tief im Innern ein archaisches Land geblieben. Es verfügt zwar über ein Parlament, doch die Japaner sehen sich als bedingungslose Untertanen ihres Kaisers. Seit ein Sturm im 13. Jahrhundert eine mongolische Invasionsflotte verwüstet hat, sind sie zudem auch davon überzeugt, unter besonderem Schutz ihrer Götter zu stehen.

Der Vormarsch gerät ins Stocken

Als Japan in den 1930ern wie der Rest der Welt unter der Grossen Depression leidet, übernimmt das Militär die Macht im Land und transformiert diesen Glauben in einen fanatischen Militarismus. Die 70 Millionen Japaner sehen sich nun als auserwähltes Herrenvolk, das auf seinen Inseln eingepfercht ist. In China wollen sie – ähnlich den Nazis im Osten – neuen Siedlungsraum finden.

Im Dezember überfällt Japan den US-Marinestützpunkt Pearl Harbour im Pazifik – doch der überraschende Angriff führt nicht zum gewünschten Resultat
Bild: Keystone/AP

Doch so erbarmungslos die Japaner ihren Eroberungskrieg führen: Nach Anfangserfolgen fährt er sich in der Weite des Raums und am zähen Widerstand der Chinesen fest. Diese erhalten zudem über die Burma-Strasse Militärhilfe westlicher Mächte. Da sich Japan konstant weigert, den Angriffskrieg abzubrechen, verhängt Pazifik-Rivale USA im August 1941 ein totales Handelsembargo.

Nun ist das Land vom lebenswichtigen Erdöl abgeschnitten – es droht der Rückfall in die vor-industrielle Zeit. Das Embargo zwingt die Japaner jedoch nicht an den Verhandlungstisch. Im Gegenteil. Der US-Botschafter in Tokio warnt seine Regierung in Washington: Für seinen Grossmachtstraum sei Japan bereit, Harakiri zu begehen – den traditionellen Selbstmord.

Brutales «Brudervolk»

Der Beweis folgt wenige Monate später: Japan überfällt die US-Marinebasis in Pearl Harbor auf Hawaii. Das waghalsige Kalkül der japanischen Generäle: Die USA niederzuringen, bevor sie ihre zehnmal grössere Industrie auf Rüstungsproduktion umstellen können.

Erst sieht es aus, als ob das japanische Hasardspiel aufgehen könnte. Nach Pearl Harbor entreissen die japanische Flotte und Armee den Amerikanern ihre Fast-Kolonie Philippinen, den geschlagenen Franzosen ihr Indochina (Vietnam, Laos und Kambodscha) und den im Krieg mit Deutschland beschäftigten Briten Malaysia – und sie erobern die Festung Singapur, die als uneinnehmbar galt.

Die Bevölkerung dieser Kolonien feiert die Japaner erst als Befreier. Diese lassen auch keine Gelegenheit aus, um sich als asiatisches «Brudervolk» anzubiedern. Doch die Begeisterung kippt schnell ins Gegenteil. Denn die «Brüder» führen sich weitaus brutaler auf als die vertriebene Kolonialherren.

Die japanischen Streitkräfte sind für ihre Grausamkeit bekannt – auf den Philippinen schicken sie 1942 Kriegsgefangene aus den USA und den Philippinen auf grausame Märsche, die etliche nicht überleben.
Bild: Keystone/AP

Die Japaner zwingen Frauen in Armeebordelle und Männer zur Zwangsarbeit. Beim Bau einer Eisenbahnbrücke am Kwai, einem Fluss zwischen Thailand und Burma, wo Japan gegen indische Truppen in britischen Diensten kämpft, sterben 85’000 Zwangsarbeiter sowie 12’000 alliierte Kriegsgefangene. Diese haben in japanischer Gefangenschaft deutlich geringere Überlebenschancen als in Kriegsgefangenenlagern der Nazis.

Bald verflüchtigt sich im Pazifik das anfängliche Kriegsglück der Japaner. Die US-Marines entreissen ihnen unter hohen eigenen Verlusten eine Insel nach der anderen. Die kriegsunerfahrenen Amerikaner betreten dabei tropische Höllen. Die japanischen Soldaten bewegen sich leichtfüssig durch den Dschungel, zudem erlaubt der traditionelle Bushido-Kriegerkodex den Japanern nur den Sieg oder den Tod. Haben sie keine Munition mehr, stürmen sie oft mit aufgepflanztem Bajonett in amerikanische Kugeln. So fanatisch kämpfen nicht einmal deutsche SS-Soldaten.

Mit Bambusspeeren gegen die Invasoren

Gemäss Historikern führt dieser Fanatismus sowie die schlechte Behandlung alliierter Gefangener durch die Japaner dazu, dass auch die US-Soldaten im Pazifik erbarmungsloser auftreten als in Europa. Auch sie sehen die Japaner in der Tendenz als unterlegene Rasse und machen so wenige Gefangene, dass das US-Kriegsministerium in der Truppenpropaganda betonen muss, dass Japaner lebend wertvoller seien als tot. Schliesslich könnten sie so noch kriegswichtige Informationen preisgeben.

Je länger der Krieg dauert, desto erdrückender wird die materielle Überlegenheit der USA. Amerikanische U-Boote versenken einen Grossteil des Nachschubs zwischen Japan und seinen Eroberungen. In Tokio wird das Essen so knapp, dass der Zoo die älteren Tiere einschläfert. Im Pazifik treten den Amerikanern oft halbverhungerte Feinde entgegen. Drei von fünf japanischen Gefallenen im Zweiten Weltkrieg, schätzen Historiker, sterben an Hunger und Krankheit.

Doch die Japaner denken nicht an Kapitulation. Im April 1945, wenige Tage bevor sich Adolf Hitler das Leben nimmt, erreichen die Amerikaner Okinawa, den südlichsten Ausläufer der japanische Mutterinseln. Anstatt nachzulassen, wird der Widerstand der Japaner noch zäher.

Während in Europa die Kirchenglocken läuten und die Menschen das Kriegsende feiern, sterben auf Okinawa immer noch Amerikaner und vor allem viele Japaner. Als die US-Marines die Insel eingenommen haben, stürzen sich Zivilisten lieber von Klippen ins Meer, anstatt sich den Eroberern zu ergeben. Auf den japanischen Hauptinseln bereitet das Militär nun die Zivilbevölkerung auf den Endkampf vor. Notfalls sollen sie den Invasoren mit Bambusstämmen auflauern.

Millionen Tote oder Atombombe

Angesichts des blutigen Widerstands auf Okinawa rechnen die US-Generäle aus, welche Verluste sie bei einer Eroberung von ganz Japan erwarten. Das Resultat ist erschreckend: Es sei mit 400’000 eigenen toten Soldaten zu rechnen. Das sind so viele, wie bisher im gesamten Krieg gefallen sind – und mehr, als das kriegsmüde Amerika ertragen würde. Dazu kämen zehn Millionen Tote aufseiten Japans; ein Siebtel der gesamten Bevölkerung. Also schieben die Generäle ihre – durchaus vorhandenen – Bedenken beiseite und geben den Befehl zum Abwurf der Atombombe.

Das «Haus zur Förderung der Industrie der Präfektur Hiroshima» kurz nach dem Abwurf der Atombombe. Weite Teile der Stadt wurden dabei komplett zerstört. Die Ruine erinnert bis heute an den Angriff vom 6. August 1945.
Bild: Keystone/AP

Die beiden amerikanischen Atombomben zerstören 6. und am 9. August 1945 die beiden noch weitgehend unbeschädigten Grossstädte Hiroshima und Nagasaki. 100’000 Menschen sterben gemäss Schätzungen sofort, Zehn- oder gar Hunderttausende in den Jahren darauf an Spätfolgen. Da das japanische Militär immer noch nicht aufgeben will, fliegen kurz danach 800 US-Bomber nochmals Angriffe auf japanische Städte. Aufgrund ihrer Leichtbauweise mit Holz und Papier sind diese bereits in einem Ausmass zerstört, dass selbst die im alliierten Bombenhagel schwer getroffenen Städte Hamburg oder Dresden keinen Vergleich dazu bieten.

Da endlich macht der japanische Kaiser Hirohito einen Schritt. Zumindest gegenüber dem eigenen Volk zeigt er schliesslich das Mitgefühl, das er chinesischen Kriegsgefangenen acht Jahre zuvor verwehrt hat. In einer Radioansprache befiehlt er seinen Soldaten, die Waffen niederzulegen – gegen den Willen vieler Generäle. Am 2. September 1945 unterschreibt der japanische Aussenminister auf dem US-Schlachtschiff Missouri die Kapitulation. Erst jetzt ist der Zweite Weltkrieg wirklich zu Ende.

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