Menschen mit Blutgruppe 0 haben die besten Karten

Andreas Fischer

19.6.2021

Für das medizinische Versorgungssystem sind Blutspenden unverzichtbar.
Forschende auf der ganzen Welt vermuten, dass die Blutgruppe der Menschen einen Einfluss auf die Infektionshäufigkeit mit dem Coronavirus hat und sich auch auf die Schwere einer Erkrankung auswirkt.
Bild: dpa

Immer mehr Studien liefern Hinweise darauf, dass die Blutgruppe den Krankheitsverlauf von Covid-19-Patienten beeinflussen könnte. Ein Überblick über den Stand der Forschung.

Andreas Fischer

19.6.2021

Eindeutig geklärt ist noch immer nicht, warum manche Patienten einen besonders schweren Verlauf von Covid-19 haben oder gar an der Krankheit sterben, und andere wiederum nur leichte oder gar keine Symptome spüren. Einige Faktoren sind bekannt, wie etwa das Alter oder Vorerkrankungen. Andere hingegen noch nicht.

Warum also verlaufen manche Corona-Erkrankungen schwer und andere nicht? Forschungen weisen darauf hin, dass die Blutgruppe den Verlauf von Covid-19 beeinflussen könnte.

Nicht erst seit Corona ist bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Blutgruppen und Infektionen gibt, wie die bekannte deutsche Virologen Sandra Ciesek in einem Podcast erklärt. Malaria etwa verlaufe bei Blutgruppe 0 leichter: Diese Blutgruppe kommt in Afrika am häufigsten vor. «Es gibt also sozusagen einen Vorteil für die Menschen, die Blutgruppe 0 haben. Das ist einer der Gründe, warum das dort eine sehr häufige Blutgruppe ist», so Ciesek.

In der Schweiz ist laut Schweizerischem Roten Kreuz die Blutgruppe A am häufigsten vertreten. Etwa 45 Prozent der Menschen haben sie. Blutgruppe 0 haben etwa 41 Prozent, die Blutgruppen B (9 Prozent) und AB (5 Prozent) kommen deutlich weniger häufig vor.

Kein Grund, unvorsichtig zu sein

Schon früh in der Pandemie gab es Hinweise, dass die Blutgruppe der Erkrankten eine Rolle spielen könnte. So lieferte eine im Juni als Preprint und im Oktober 2020 ordentlich veröffentlichte gemeinsame Studie der Universitäten im deutschen Kiel und im norwegischen Oslo den Beleg, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf aufwiesen und jene mit der Blutgruppe 0 ein um 50 Prozent geringeres.

Die Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen von Studien in anderen Ländern. Forschungen in Kanada und Dänemark liefern Hinweise auf einen Zusammenhang der Infektionswahrscheinlichkeit mit der Blutgruppe der Patienten.

Dr. Eva Maria Matzhold von der Medizinischen Universität Graz bestätigte im März dieses Jahres: «Unsere Studienergebnisse zeigen, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 eine statistisch signifikant geringere Wahrscheinlichkeit haben, an Covid-19 zu erkranken, als Menschen mit anderen AB0-Phänotypen (Blutgruppe A, B oder AB).» Dass sich Menschen mit der Blutgruppe 0 weniger Sorgen vor einem schweren Verlauf machen müssten, wäre laut Matzhold allerdings eine «falsche Botschaft».

Überraschend deutlicher Effekt

Auch am Kantonsspital St. Gallen wurde der Einfluss der Blutgruppe auf die Infektionswahrscheinlichkeit untersucht. In einer Studie mit 4500 Mitarbeitenden von 17 Gesundheitsinstitutionen sei der Blutgruppen-Effekt statistisch überraschend deutlich messbar gewesen, sagte Infektiologe Dr. Philipp Kohler zu SRF: «Personen mit Blutgruppe 0 haben ein nur rund halb so grosses Risiko, sich mit SARS-Cov-2 anzustecken.»

Die Gründe dafür sind nun Gegenstand der Forschung. In Graz arbeitet man mit der Hypothese, dass die verschiedenen Antikörper, mit der fremde Blutgruppen abgewehrt werden, einen Einfluss haben. Zur Erklärung: Die roten Blutkörperchen haben je nach Blutgruppe unterschiedliche Oberflächenstrukturen aus Eiweiss- und Zuckerverbindungen. Diese werden Antigene genannt. Blutgruppe A hat nur das Antigen A, Blutgruppe B nur das Antigen B, Blutgruppe AB hat beide Antigene und Blutgruppe 0 keines.

Die spezifischen Antikörper der Blutgruppen reagieren auf fremde Antigene und bekämpfen sie. Konkret: Blutgruppe A bekämpft Antigen B und umgekehrt. Weil AB beide Antigene aufweist, hat diese Blutgruppe keine Antikörper. Blutgruppe 0 hingegen hat keines der Antigene. Ihr sind also beide fremd: Deswegen werden sie mit Antikörpern gegen A und B angegriffen.

Immunantwort bei Blutgruppe 0 wohl stärker

Weil die Antikörper auch hilfreich gegen Bakterien oder Viren sein können, vermuten die Forschenden in Graz nun einen Zusammenhang zwischen der Infektionswahrscheinlichkeit und dem Coronavirus. Ihre Annahme: Die Antikörper der Blutgruppe 0 reagieren stärker auf das Coronavirus.

Für Dr. Günther Körmöczi von der Medizinischen Universität Wien macht diese Theorie Sinn. Weil Menschen mit der Blutgruppe 0 bereits Antikörper gegen Zellen der Blutgruppen A und B besitzen, komme das Immunsystem «möglicherweise besser mit Coronaviren zurecht, die von Infizierten mit der Blutgruppe A oder B ausgehustet werden, weil die Viren dann eben auch A oder B tragen dürften», sagt der Transfusionsmediziner.