Nie wieder Hunger? Leider nein – was wir tun können

Von Philipp Dahm

21.12.2020

Das Welternährungsprogramm warnt davor, dass 2021 in Sachen Hunger schlimmer werden könnte als dieses Jahr. Während oft genug die Politik handeln müsste, gibt es auch Dinge, die der Einzelne tun kann.

«Globale Herausforderungen»

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Doch warum eigentlich? 2019 waren fast 690 Millionen Menschen unterernährt – und diese Zahl könnte in zehn Jahren sogar auf 840 Millionen steigen. Ihr Ziel, den Hunger bis 2030 auszurotten, werden die UN wohl verfehlen. Welche Faktoren ausschlaggebend sind, beleuchtet unsere vierteilige Serie. Im ersten Teil ging es um den Faktor Bevölkerung, im zweiten um das Klima und im dritten um den Faktor Mensch.

Zum Auftakt dieser Serie ging es um die weltweite Bevölkerungsentwicklung. Sie kann im Zusammenhang mit Klimawandel für lokale Hungerkrisen sorgen, aber im Grossen und Ganzen muss man sich wegen der Demografie eigentlich gar keine Sorgen machen.

Wie dort beschrieben wird, durchlaufen Staaten in ihrer Entwicklung eine Art von Bevölkerungszyklus. Deshalb glauben Forscher, absehen zu können, bei welchem Wert die Zahl der Menschen einpendeln wird. Sie glauben, dass 2050 9,74 Milliarden die Erde bevölkern werden. Bis 2100 kommt eine weitere Milliarde hinzu.

«Uncle Sam» auf einem Rekrutierungsplakat aus dem Ersten Weltkrieg.
Bild: Gemeinfrei

Die grosse Frage lautet also: Kann unser Planet zehn Milliarden Menschen ernähren? Ja, sagt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Dass dazu die Lebensmittelerträge um 70 Prozent gesteigert werden müssten, wie immer wieder geschrieben wird, ist falsch. 

Der Grund: Die Zahl der FAO liegt nur bei 50 Prozent und bezieht sich auf alle Agrarerträge – also auch Futtermittel und Agrosprit. Dass in Zukunft jedoch landwirtschaftliche Flächen im heutigen Ausmass für Bio-Benzin und Schlachttier-Nahrung verschwendet werden kann, scheint ausgeschlossen.

Persönliche Ebene: Was jeder tun kann

Dass der Hunger auf der Welt überhaupt noch ein Thema ist, hat viele Gründe, wie diese Serie zeigen will. Wer im Kleinen und bei sich anfangen will, etwas zu ändern, sollte der Verschwendung den Kampf ansagen. Ein Drittel der Lebensmittel in der Schweiz geht in der Produktionskette verloren, schätzen Aktivisten. Das sind 330 Kilo pro Person oder landesweit 2,8 Millionen Tonne pro Jahr.

Die Zahlen zeugen von einem «First-World-Problem»: In der Schweiz, wo nur sieben Prozent des Einkommens in die Nahrung fliesst, tragen die Haushalte zu 28 Prozent der Verschwendung bei. In Kamerun, wo 45 Prozent des Geldes für Essen draufgeht, sind es nur fünf Prozent. Tipps zur Vermeidung von Verschwendung finden sich in obiger Bildergalerie.

An Aess-Bar employee drives to bakeries early in the morning in order to collect leftover food from the previous day before driving his mobile shop van to the ETH Zurich Hoenggerberg in Zurich, Switzerland, on June 17, 2015. The company Aess-Bar collects and sells leftover pastries, sandwiches and patisserie from bakeries at reduced prices. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Projekte gegen Verschwendung: Initiativen wie Äss-Bar (aess-bar.ch) sammeln Reste wie Brot vom Vortag und retten das Essen vor der Vernichtung.
Bild: Keystone

Wer sorgt neben den Haushalten für Lebensmittel, die nicht auf dem Teller landen? 20 Prozent fallen in der Landwirtschaft an, wenn zum Beispiel die Feldfrüchte nicht die gewünschte Form haben. 35 Prozent gehen in der Verarbeitung verloren, wenn etwa Innereien in den Schlachtbetrieben aussortiert werden. Zehn Prozent verfallen im Detailhandel, und sieben Prozent verursacht die Gastronomie mit übergossen Portionen und Buffets.

Brust oder Keule?

Verschwendung im eigenen Einflussbereich einzudämmen ist eine Sache, Überproduktion auf transnationaler Ebene zu beeinflussen eine andere. Und so eine Schieflagen kann im schlechtesten Fall sogar dazu führen, andere Märkte kaputtzumachen, wie das Beispiel der Pouletfleischs aus der EU anschaulich aufzeigt.

Weil europäische Kunden vor allem die Brust des Huhns essen, fällt ein Überschuss an Schenkeln und Flügeln an. Diese werden mit Unterstützung der EU in Länder wie Ghana exportiert, wo das importierte Fleisch zu Preisen angeboten wird, die den nationalen Pouletmarkt für einheimische Produzenten unrentabel machen.

A woman from Ghana passes Pigs feet for sale in Makola market in Accra, Ghana Thursday 06 October 2005. Makola market in Ghana's capital Accra is one of the biggest and most diverse small traders markets on the African continent. Informal sector traders make up a large part of Ghana's economy with many products imported in bulk and sold at rock bottom prices. Hundreds of stalls and vendors line the pavements and alleyways of the citys central market selling the massive variety of foods and products. (KEYSTONE/EPA/Nic Bothma)
Markt in Accra in Ghana: Wenn billige EU-Importe heimische Produzenten verdrängen.
Bild: Keystone

Wer bedenkt, dass eine Ernährung der Welt nicht ohne die Konzentration auf regionale Produkte funktionieren kann, die saisonal konsumiert werden, kann derlei Politik nicht nachhaltig unterstützen. Subventionen, Exportpolitik, Schuldendienst und Zollwesen haben enorme Auswirkungen auf die globale Nahrungsmittelproduktion.

Politische Ebene: Macht der Wahlmöglichkeit

Was der einzelne da tun kann? Jeder Kunde hat natürlich die Wahl. Um im Bild zu bleiben: Man kann ja auch etwas anderes als gerade die Brust vom Poulet kaufen. Doch auch mittel- und langfristig entscheidet die Gesellschaft mit darüber, wie auf bürokratischer Ebene gehandelt wird: ebenfalls durch Wahl.

Der Zuwachs der Grünen Partei, zuletzt bei den Eidgenössischen Wahlen 2019, ist nur die Spitze des Eisbergs: Nicht nur bei der Schweizer «Klima-Wahl», sondern überall in Europas Parlamenten haben sich in den letzten vier Jahrzehnten Grüne etabliert. Man muss die Partei nicht mögen, aber gleichwohl konstatieren, dass die Grünen mit ihrem ökologisch-orientierten Programmen andere beeinflusst haben.

Gruene-Parteipraesidentin und Nationalraetin Regula Rytz, rechts, und Grossraetin Natalie Imboden, Gruene-BE, freuen sich ueber ein Resultat am Wahltag der Eidgenoessischen Parlamentswahlen, am Sonntag, 20. Oktober 2019, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Die «Grüne Welle», die auch auf andere Parteien abfärbt: Die Parteipräsidentin und Nationalrätin Regula Rytz und die Berner Grossrätin Natalie Imboden (links) sind ob der Ergebnisse bei den Eidgenössischen Wahlen am 20. Oktober hellauf begeistert.  
Bild: Keystone

Kaum ein Parteiprogramm kommt heutzutage daran vorbei, sich den Umwelt-, Natur- und Klimaschutz in irgendeiner Form auf die Fahnen zu schreiben. Das ist auch ein Verdienst der grünen Wähler: Selbst wenn Veränderungen auf diesem Wege Zeit benötigen, haben Bürger in Demokratien eine Stimme und wenn auch bescheidene Möglichkeit, die Dinge zu beeinflussen.

Die Aussicht: Kampf

Einen Einfluss auf die Ernährungssituation hat last but not least der globale Konsum von Fleisch: Tiere verbrauchen nicht nur Land, auf dem ihre Futtermittel angebaut werden, sondern auch jede Menge Wasser, während sie deutlich mehr Kohlendioxid produzieren.

Ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht beispielsweise 50'000 Liter Wasser und produziert so viele Abgabe wie eine 250 Kilometer weite Autofahrt. Schon ein vegetarischer Tag pro Woche spart 50 kg Co2 pro Jahr und Person.

Treibhausgase pro Kilogramm des Nahrungsproduktes und die Bereiche, in denen sie anfallen.
Grafik: Our World in Data/Hannah Richter

Wie die Zukunft der globalen Nahrungsversorgung aussehen könnte, beschreibt das Positionspapier Welternährung 2030, das Initiativen von Aktion gegen den Hunger über Oxfam bis Worldvision mittragen. Es fordert, auf Agrarökologie statt Agrobusiness zu setzen: eine Landwirtschaft, die nicht nur nachhaltig und umweltverträglich, sondern auch sozial ist, weil Arme von Hunger besonders betroffen sind.

Und das Welternährungsprogramm (WFP)? Das weiss genau, wo die Hunger-Hotspots der Welt liegen. Die Organisation hat den Nobelpreis verdient, auch wenn das Ziel wieder in die Ferne gerückt ist, Hunger bis 2030 aus der Welt zu schaffen. Der Trend ist derzeit sogar negativ, hat das WFP gerade erst wieder gewarnt.

«Wir stehen im Kampf gegen Hunger so schlecht da wie nie», schrieb WFP-Direktor David Beasly im «Guardian». «Am schlimmsten ist es im Jemen.» 270 Millionen Menschen sind bedroht, und 2021 droht noch schlimmer zu werden als dieses Jahr – der Kampf wird weitergehen müssen.

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