Was steckt hinter dem Virus-Paradox?

uri/dpa

12.2.2021

Brasilien: Corona-Variante laut Regierung dreimal ansteckender

Brasilien: Corona-Variante laut Regierung dreimal ansteckender

Im brasilianischen Amazonasgebiet breitet sich eine neue Variante des Coronavirus aus. Diese ist laut Gesundheitsminister dreimal ansteckender als das ursprüngliche Virus.

12.02.2021

In der Schweiz sind inzwischen alle kritischen Coronavirus-Varianten nachgewiesen worden. Trotzdem gehen die Fallzahlen zurück. Wie gefährlich sind die Mutationen wirklich?

Die Corona-Fallzahlen sind in der Schweiz zuletzt deutlich gesunken. Und das, obwohl sich verschiedene Mutationen, die als ansteckender und womöglich auch als gefährlicher gelten, exponentiell ausbreiten. Erst gestern meldete nach einem Fall in Zürich auch der Kanton Genf zwei Nachweise der brasilianischen Variante P.1. Damit ist neben der britischen Variante B.1.1.7 und der südafrikanischen Mutante B.1.351 bereits die dritte problematisch Virus-Linie wohl endgültig in der Schweiz angekommen.

Zur Variante P.1 erklärte der brasilianische Gesundheitsminister Eduardo Pazuello am gestrigen Donnerstag in Brasilia – allerdings ohne jegliche Nachweise zu liefern –, sie sei «ansteckender, dreimal ansteckender» als der Wildtyp des Coronavirus. Damit wäre die Variante noch infektiöser als die britische Mutante, die angeblich zwischen 50 und 70 Prozent ansteckender sein soll, oder auch als die in dieser Hinsicht als etwas weniger aggressiv eingestufte südafrikanische Variante.

Uebergabe von Corona-Proben durch Labormitarbeitende zur Weiterverarbeitung dieser, am Dienstag, 2. Februar 2021, im Zentrallabor Stadtspital Triemli in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Uebergabe von Corona-Proben im Zentrallabor Stadtspital Triemli in Zürich.
Bild: Keystone

Bei allen drei Virus-Varianten wird eine Mutation namens N501Y dafür verantwortlich gemacht, dass sie infektiöser sind. Es handelt sich dabei um eine leichte Veränderung an einer Stelle des sogenannten Spike-Proteins auf der Oberfläche des Virus. Diese Veränderung, die zunächst in Grossbritannien entdeckt worden war, gilt für viele Wissenschaftler als Ursache dafür, dass das Virus leichter in eine menschliche Zelle eindringen kann und sich deshalb auch schneller ausbreitet.

Antikörper weniger wirksam

Dass Viren sich permanent umbauen, ist indes grundsätzlich normal und wenig beunruhigend. Problematisch wird es allerdings, wenn die Mutationen die Eigenschaften des Virus so verändern, dass ihnen dadurch ein Evolutionsvorteil erwächst.

Die nun auch in der Schweiz auftretende Variante P.1 könnte in dieser Hinsicht einen weiteren Vorteil aufweisen. Sie war erstmals im Januar bei vier aus dem Amazonasgebiet kommenden Personen in Japan nachgewiesen worden. Nach neuesten Analysen der Forschungseinrichtung Fundação Oswaldo Cruz in Rio de Janeiro dürfte P.1. bereits für 90 Prozent der Corona-Fälle im brasilianischen Bundesstaat Amazonas verantwortlich sein.



P.1 teilt mit der südafrikanische Variante B.1.351 eine weitere besonders problematische Mutation, die als E484K bezeichnet wird. Diese Mutation hält bereits gebildete Antikörper davon ab, sich an das Coronavirus zu heften. Das könnte bedeuten, dass Covid-Genesene sich erneut infizieren könnten, Impfstoffe schlechter wirken oder Antikörper-Therapien weniger gut anschlagen.

Als ein mögliches Indiz für diese Tatsache gilt, dass die Zwei-Millionen-Stadt Manaus derzeit erneut einen starken Anstieg von Covid-19-Erkrankungen vorweist. Und das, obwohl sich hier laut einer Antikörperstudie bis Oktober 2020 bereits bis zu 76 Prozent der Bevölkerung infiziert hatten. Mit einer solchen Rate wäre man in Manaus eigentlich bereits nahe an einer schützenden Herdenimmunität gewesen.

Impfstoff-Hersteller sehen sich gerüstet

Wie stark der Impfschutz durch die Mutation tatsächlich sinkt, ist bislang noch nicht klar. Die deutsche Virologin Sandra Ciesek sieht immerhin die auch in der Schweiz bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna auch für diese Variante gut aufgestellt. Im Falle einer Infektion mit der Mutante brauche man nämlich mehr Antikörper, um deselben Effekt zu erzielen; und gerade diese Impfstoffe würden dafür sorgen, «dass wir einen Überschuss an Antikörpern bilden».

Die Hersteller haben sich trotzdem bereits ans Werk gemacht. Biontech/Pfizer meldeten schon Ende Januar, ihr Impfstoff habe im Labor eine neutralisierende Antikörperantwort auch bei den Schlüsselmutationen der britischen und der südafrikanischen Varianten ausgelöst. Die Ergebnisse seien «sehr ermutigend» und «deuten nicht auf die Notwendigkeit eines neuen Impfstoffs gegen die neu auftretenden Varianten hin».

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Curevac und der britische Pharmakonzern Glaxosmithkline kündigten kürzlich an, gemeinsam weitere mRNA-Impfstoffe zu entwickeln, die vor mutierten Varianten des Coronavirus schützen. Der Anbieter Moderna plant eine Art «Booster», der als zusätzliche Dosis verabreicht werden könnte. Das könnte die neutralisierenden Eigenschaften des Impfstoffs verstärken, teilte das Unternehmen Ende Januar mit.

Sollte in Zukunft ein neuer Impfstoff benötigt werden, um andere Varianten zu adressieren, wäre das zudem machbar, behauptet Biontech. Man gehe davon aus, «dass die Flexibilität von Biontechs unternehmenseigener mRNA-Impfstoffplattform eine solche Anpassung ermöglichen würde».

Wird die Gefährlichkeit der Varianten überschätzt? 

Warum die Fallzahlen in der Schweiz trotz der rasanten Ausbreitung der Virus-Mutationen im Sinken begriffen sind und nicht weiter ansteigen, dürfte grösstenteils an den bereits ergriffenen Massnahmen liegen. Schliesslich stoppen vor allem Kontaktreduzierungen nicht nur den Wildtyp des Coronavirus, sondern logischerweise auch dessen Mutanten.

Allerdings reklamieren Experten auch, dass die generelle Einschätzung zur Gefährlichkeit der Varianten falsch sein könnte. Der renommierte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité etwa erklärte bereits vor einigen Wochen, dass die Ansteckungsgefahr durch die britische Variante mit einer Steigerung von bis zu 70 Prozent zu hoch gegriffen sei. Aktuelle Daten würden hier nur noch auf eine zusätzliche Infektiosität zwischen 22 und 35 Prozent schliessen lassen.

Noch weiter geht der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr, ehemals Leiter des Globalen Influenzaprogramms und Sars-Forschungskoordinator der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er erklärte SRF, er vertrete zwar nur eine Einzelmeinung, aber er halte den ganzen Denkansatz für falsch, wonach «Mutationen, die im Labor und in den Modellrechnungen ansteckender sind, dies auch in der realen Welt sein müssen».

In der Schweiz etwa sehe man, wie in anderen Ländern auch, derzeit einen linearen Rückgang bei den Fallzahlen, obwohl «auch hier die Varianten sukzessive» zunehmen würden. Varianten würden indes immer entstehen. Wenn nun aber «Modelle mit höherer Infektiosität nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen» würden, müsse man «das Modell ändern».

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