Wie die Pandemie uns charakterlich verändert hat

sda/phi

30.9.2021

Security staff (EPFL Covid Angel) checks a classroom full of students after controlling at the entrance the Covid Certificate on the first day of university schools at the Swiss Federal Institute of Technology (EPFL) during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, in Lausanne, Switzerland, Tuesday, September 21, 2021. The Covid pass will be required from 20 September for students to attend classes. Many universities in Switzerland will introduce the Covid-19 certificate. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Sicherheitspersonal an der Universität in Lausanne am 21. September.
KEYSTONE

Wissenschaftler aus Zürich und Basel haben untersucht, wie sich die Pandemie auf den menschlichen Charakter ausgewirkt hat. Zwei Bereiche stechen hier heraus: Bescheidenheit und Umsicht.

sda/phi

30.9.2021

Der Charakter ist nicht unveränderlich in der Persönlichkeit eines Menschen festgeschrieben, wie eine Psychologin und ein Psychologe der Universitäten Zürich und Basel herausgefunden haben. Sie erfassten, wie die erste Corona-Welle die Menschen charakterlich veränderte. Lange Zeit nahm die Fachwelt an, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen ab rund dreissig Jahren kaum mehr verändert.

Nach und nach schält sich aber heraus, dass insbesondere einschneidende Lebensereignisse wie Krankheit oder traumatische Erlebnisse die Persönlichkeit verändern können – so offensichtlich auch die Corona-Pandemie, wie Fabian Gander und Lisa Wagner im Fachmagazin «European Journal of Personality» berichten.

Demnach schien der erste, teilweise Lockdown im Frühjahr 2020 die Menschen tatsächlich charakterlich stärker zu machen. Dies ging aus einer Online-Umfrage mit 266 Studienteilnehmenden hervor, beruhend auf deren Selbsteinschätzung.

Positives abgewinnen

Die Psychologie kennt 24 Charakterstärken. Das sind positive Persönlichkeitsmerkmale, wozu beispielsweise Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Dankbarkeit zählen. Durchs Band gaben die Probanden demnach an, dass sowohl sie selbst als auch ihr nächstes Umfeld während des teilweisen Lockdowns charakterlich gewachsen sei.

«Insgesamt konnten die Menschen zumindest der ersten Phase der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen», sagte die Zürcher Psychologin Wagner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Nur: Messbar war dieser Effekt lediglich bei zwei Charakterstärken.

Die Forschenden interessierten sich nämlich nicht nur für die wahrgenommenen, sondern auch für die tatsächlichen Veränderungen. Als hilfreich erwies sich eine Umfrage, die das Team bis zu anderthalb Jahren vor der Covid-19-Krise durchgeführt hatte. Dieselben Personen wurden im Sommer 2020 gebeten, den Fragebogen, der die Charakterstärken erfasste, nochmals auszufüllen.

Bescheidenheit und Umsicht

Resultat: Bescheidenheit und Umsicht hatten tatsächlich zugenommen, bei den anderen Charakterstärken liess sich keine Änderung feststellen. «Es scheint, dass die Menschen zumindest der ersten Phase der Pandemie etwas Positives abgewinnen wollten», so Wagner, «und das Ausmass der positiven Veränderungen dabei überschätzten.»

Es gebe zwar keine Daten aus einer späteren Phase der Pandemie. «Aber ich gehe davon aus, dass dieses subjektiv wahrgenommene, positive Charakterbild erblasst ist.» Die plötzliche Veränderung und Herausforderung zu Beginn sei in eine langanhaltende Gesundheitskrise übergegangen, was eine gewisse Corona-Müdigkeit und dementsprechend eher das Negative in den Vordergrund rückt.

Trotzdem denkt die Psychologin, dass die zwei im Vorher-Nachher-Vergleich erfassten Veränderungen – Bescheidenheit und Umsicht – sich in der Persönlichkeit der Menschen verankert haben könnten.