Wie Gesellschaften auf Pandemien reagieren

Von Lennart Stock, dpa/uri

2.4.2020 - 12:20

Wie die Spanische Grippe die Schweiz erschütterte

Wie die Spanische Grippe die Schweiz erschütterte

Nach dem Ersten Weltkrieg grassierte die Spanische Grippe, eine Virus-Pandemie, die Millionen Todesopfer forderte. Die Schweiz traf es besonders hart. Der Bund reagierte mit ähnlichen Massnahmen wie heute.

13.04.2020

Restaurants schliessen, Schulkinder lernen zuhause und wer kann, arbeitet im Homeoffice. Das Coronavirus bringt viele neue Erfahrungen. Dabei sind einige Massnahmen zur Eindämmung von Pandemien schon lange erprobt.

Eine ansteckende Krankheit breitet sich aus, eingeschleppt von Reisenden aus Asien. Als eine der ersten ist die Hafenstadt Venedig in Norditalien betroffen. Schon bald erlassen die Stadtoberen Quarantäne-Massnahmen und riegeln den Zustrom von Fremden und Händlern ab.

Was womöglich klingen mag wie ein Szenario aus der aktuellen Corona-Pandemie, ist tatsächlich aber ein Rückblick auf die Pest im 14. Jahrhundert. Kaum eine andere Seuche hat in der Geschichte so viel Angst und Schrecken ausgelöst wie der «Schwarze Tod» und in Europa zig Millionen Menschen dahingerafft.



«Mit Seuchenbedrohungen hat man in der Geschichte bis in unsere eigene Gegenwart immer wieder zu tun gehabt», sagt der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven. Die Pest, die durch ein Bakterium ausgelöst wird, und das neue Coronavirus lassen sich zwar medizinisch nicht vergleichen. Doch die Geschichte biete ein «Reservoir von Beispielen» im Umgang der Gesellschaften mit Seuchen, erklärt der Professor der Universität Erlangen-Nürnberg.

«Doctor Schnabel von Rom»: Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, um das 1656 entstanden.
Bild: Gemeinfrei

Quarantäne als Vorsorge

So war etwa die Bekämpfung der Pest einer der Startpunkte für den Ausbau eines öffentlichen Gesundheitswesens in Europa. «Die Seestädte im Mittelmeer haben, unmittelbar als der Schwarze Tod 1347 aus dem Orient mit Schiffen eingeschleppt wurde, gar nicht reagieren können», erklärt Leven. Todesraten von 30 bis 40 Prozent seien die Folge gewesen.

Doch bei Epidemien in den Folgejahren entwickelten Städte wie Florenz, Venedig und Marseille Gegenmassnahmen: Etwa wurden Waren und Reisende auf vorgelagerten Inseln eine Zeit lang in Obhut genommen. Die Dauer der Internierung variierte, häufig waren es um 40 Tage Quarantäne – abgeleitet von dem französischen Wort «quarante» für die Zahl 40.

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen im Jahr 1918 in Betten eines Notfallspitals im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas, USA.
Bild: National Museum of Health and Medicine/dpa

Häuser wurden versiegelt und Kranke in spezielle Pest-Lazarette gebracht. «Auch dort bestand also so eine Art Ausgangssperre wie heute, bei der die Leute zuhause blieben und das öffentliche Leben erstarrte – wenngleich die Umstände andere waren», sagt Leven. Unmut regte sich über solche Einschränkungen bei der Kirche und der Wirtschaft.

Doch auch Solidarität und Hilfsbereitschaft wurden in Krisenzeiten gelebt. Leven erinnert etwa an den Mailänder Erzbischof Carlo Borromeo, der bei einer späteren Pest im 16. Jahrhundert die Kranken und unter Quarantäne Stehenden aufrief, die Messe von ihren Fenstern aus zu verfolgen. «Heute sehen wir die Bilder aus Italien, die zeigen, wie Menschen auf ihren Balkonen stehen und singen. Das ist quasi die säkulare Form der damals eingeführten Messen», sagt Leven.

Auch während der Cholera in Hamburg 1892 war Solidarität zu beobachten. «Es gab Bürgerkomitees, die die Gesundheitsfürsorge in die Hand nahmen», sagt der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Hansestadt und Professor Philipp Osten. «Die haben Desinfektionskolonnen organisiert und abgekochtes Trinkwasser ausgegeben.»

Während des Cholera-Ausbruchs von 1892 in Hamburg werden Frauen ins Spital gebracht. 
Bild: Getty Images

Transparenz als Gebot der Stunde

Auch Gerüchte und Verschwörungstheorien kennt die Seuchengeschichte zur Genüge. Aufklärung und Transparenz sehen Historiker daher als wichtige Lehren. Beispiel Spanische Grippe, die Schätzungen zufolge im März 1918 zwischen 25 und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. «Das Bagatellisieren oder das Wegschauen und Verleugnen einer Seuchengefahr ist ein Problem», sagt der Medizinhistoriker Volker Roelcke. Berichte zeigten, dass die zuständigen Behörden die Gefahr in Amerika, wo die Grippe ausbrach, zunächst ignorierten.

Während des Ausbruchs der Spanischen Grippe wurde dieses Warenhaus in den USA 1918 zum Spital umfunktioniert.
Bild: Getty Images

«Erst zwei, drei Monate später, als es eine grössere Zahl von Betroffenen gab, haben die Behörden reagiert – aber nicht davon abgesehen, zum Beispiel amerikanische Soldaten nach Europa zu schicken», erklärt der Professor der Universität Giessen.

Die Kurve abflachen

Und auch die «soziale Distanz» feierte während der Spanischen Grippe schon erste Erfolge. In St. Louis kam es nach Angaben des Münchner Historikers Nicolai Hannig zu Schulschliessungen und Isolationen. Eine US-Studie belegte später: Während dort die Zahl der Infizierten nur langsam anstieg, schnellten in Philadelphia, wo es selbst nach den ersten Fällen noch öffentliche Paraden gab, die Zahlen in die Höhe.

Mitarbeiterinnen des St. Louis Red Cross Motor Corps in St. Louis (USA), die sich mit Masken und Bahren im Oktober 2018 auf die Versorgung der Opfer der Grippeepidemie vorbereiten. 
Bild: Library of Congress/AP/dpa

Die Vorsorgemassnahmen, die man damals ergriffen hat, sind recht vergleichbar mit unseren heutigen, sagt Hannig, der zur Geschichte von Naturkatastrophen und ihrer Bewältigung forscht. Er plädiert allerdings dafür, künftig noch genauer auf Probleme zu achten, die erst aus der Vorsorge entstehen – etwa die langfristigen Folgen von Quarantäne und Kontaktverboten für Wirtschaft und Gesellschaft.

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