40 Prozent mehr Interventionen zu häuslicher Gewalt im Kanton Bern

pa, sda

26.2.2021 - 15:03

Im Kanton Bern rückte die Polizei häufiger wegen häuslicher Gewalt aus. (Symbolbild)
Keystone

Im Kanton Bern ist die Polizei letztes Jahr deutlich häufiger wegen häuslicher Gewalt ausgerückt. Die Zahl der Interventionen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent – auf total über 1300 Fälle.

Zwei Drittel der Einsätze wurden im zweiten Halbjahr verzeichnet, wie Sicherheitsdirektor Philippe Müller (FDP) am Freitag vor den Medien bekannt gab.

Den Anstieg führen die Behörden zum einen auf die für viele Menschen belastende Corona-Pandemie zurück. Zum anderen dürfte auch die Sensibilisierung der Bevölkerung dazu geführt haben, dass vermehrt die Polizei gerufen wird.

Mit dem neuen Polizeigesetz hat der Kanton Bern die Instrumente gegen häusliche Gewalt geschärft. Seit Anfang 2020 können Täter zum Schutz der Opfer neu 20 statt 14 Tage aus der gemeinsamen Wohnung weggewiesen werden. Dies passierte letztes Jahr in durchschnittlich jedem fünften Fall, wie Cédric Meyrat, Chef Spezialfahndung 2 der Kriminalpolizei, sagte.

Mit der auf 20 Tage verlängerten Frist der Wegweisungen könne sich das Opfer besser erholen sowie Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen. In vielen Fällen wurden auch Kontakt- und Annäherungsverbote ausgesprochen – etwa bei Stalking.

Das neue Polizeigesetz sieht zudem vor, dass im jeden Fall eine Meldung an eine Beratungsstelle erfolgt – auch ohne Zustimmung des Opfers. Damit soll verhindert werden, dass Betroffene aus Schamgefühl keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Hohe Dunkelziffer

Neu ist Gesetz ist auch die sogenannte Täteransprache verankert: Dabei wird die gewalttätige Person vom Regierungsstatthalter zu einem Gespräch vorgeladen. Laut Lis Füglistaler, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt, nimmt die Zahl dieser Vorladungen in letzter Zeit «massiv» zu.

Füglistaler wies an der Medienkonferenz zudem darauf hin, dass die Zahlen nur einen Teil der tatsächlichen Gewalt zeigen würden. Es sei davon auszugehen, dass «über 80 Prozent der Fälle nicht gemeldet werden». Oft werde die Polizei erst nach wiederholten körperlichen Angriffen gerufen.

Zu befürchten ist laut der Fachfrau, dass die Corona-Krise das Problem verschärft: Unsicheres Einkommen, Arbeitslosigkeit, enge Wohnverhältnisse, Perspektivenlosigkeit oder Suchtmittelkonsum seien Risikofaktoren für häusliche Gewalt.

Noch keine Zahlen liegen zur Zahl registrierter Straftaten zu häuslicher Gewalt vor. Diese werden erst in der Polizeilichen Kriminalstatistik ersichtlich sein, die im März vom Bundesamt für Statistik publiziert wird.

Sozialkompetenz gefordert

Für die Einsätze bei häuslicher Gewalt sei aufgrund der hohen Wiederholungsgefahr ein anderes polizeiliches Vorgehen nötig als bei anderen Straftaten, erklärte Polizeikommandant Stefan Blättler. «Als Staat greifen wir in ein komplexes innerfamiliäres System ein.»

Diese Verantwortung müsse von den Einsatzkräften mit viel Sozialkompetenz und Fingerspitzengefühl wahrgenommen werden. Polizistinnen und Polizisten würden entsprechend geschult, auch was die Prävention betreffe. Gemäss Studien erleben zwischen 10 und 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen häusliche Gewalt.

Deshalb sei die Prävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders wichtig, betonte Blättler. «Gewalterfahrungen tragen dazu bei, als Erwachsener selbst zum Täter zu werden.»

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