Playoff-Final

Dario Simion und die Wiederentdeckung des Toreschiessens

sda

29.4.2022 - 08:00

In den letzten zwei Spielen überragend: Zugs PostFinance-Topskorer Jan Kovar (l.) und der Hattrick-Schütze Dario Simion.
Bild: Keystone

Keiner verkörpert die Auferstehung der Zuger im Playoff-Final so sehr wie Dario Simion. Der Tessiner wandelte sich vom Chancentod zurück zum Goalgetter.

sda

29.4.2022 - 08:00

Lange blieb die Garderobe der ZSC Lions am Mittwochabend in Zug zu. Die zweite Niederlage (1:4, die letzten beiden Treffer ins leere Tor) nagte offensichtlich an den Zürchern, die nach drei Spielen bereits eine Hand am Meisterpokal hatten. Dann schritt Coach Rikard Grönborg wortlos an den Journalisten vorbei in Richtung Mannschaftsbus.

Playoff-Final, Stand in der Serie (Best-of-Seven)

  • Zug – ZSC Lions 2:3 (2:3, 1:2, 1:2, 4:1, 4:1)

Wesentlich geselliger ging es vor dem Zuger Umkleideraum zu. Gefragt war vor allem der Dreifach-Torschütze Dario Simion, zu Beginn des Finals noch das Sorgenkind. Im letzten Jahr hatte der 27-jährige Tessiner in der Entscheidung gegen Genève-Servette in nur drei Spielen drei Tore erzielt und sich die erste WM-Teilnahme mit der Nationalmannschaft verdient. In den ersten drei Partien gegen die ZSC Lions: Fehlanzeige. Simion versiebte selbst beste Torchancen.

Die Wende kam in Spiel 4, als die Zuger am Montag den ersten Matchpuck der Zürcher abwehrten. Mit dem Rücken zur Wand griff EVZ-Coach Dan Tangnes in die Trickkiste und wirbelte seine Sturmlinien durcheinander. Anstatt die drei (vermeintlich) besten Offensivkräfte Jan Kovar, Grégory Hofmann und Simion in der ersten Linie zur vereinen, stellte er den Aggressivleader Fabrice Herzog an die Seite von Kovar und Simion. Und es funktionierte.

Erster Karriere-Hattrick als Profi

Beim 4:1-Sieg im Hallenstadion löste Simion seine Ladehemmung mit dem siegsichernden 3:1 in der 52. Minute. Die wichtigsten beiden Tore folgten am Mittwoch. Als die ZSC Lions in der zweiten Hälfte des Mitteldrittels vehement auf das 2:0 drängten, glich der ehemalige Junior von Ambri-Piotta und Lugano (!) nach einem Konter zum 1:1 aus. Erneut in der 52. Minute markierte er dann in Unterzahl sogar das Siegtor. Beide Male hatte der überragende Jan Kovar die magistrale Vorarbeit geleistet.

Coach Tangnes spielte seine Rolle bei der Auferstehung Simions herunter. «Das Erfolgsgeheimnis sind die Spieler auf dem Eis», betonte der smarte Norweger. Es sei auch gar nicht in erster Linie um spielerische Anpassungen gegangen. «Durch die fehlenden Automatismen waren sie gezwungen, wieder mehr miteinander zu kommunizieren. Vielleicht hilft es ihnen, an das zu denken, was vor ihnen liegt und nicht an das Vergangene.» Grosse Spieler würden in den wichtigen Momenten herausragen. «Und das haben unsere gemacht.»

Mehr reden, aber weniger nachdenken, so lautete das Erfolgsrezept von Simion. «Ich habe ja nicht viel anders gemacht», meinte er gut gelaunt zu seiner Renaissance. «Nicht mehr so viel überlegt wahrscheinlich.» Seine Anlaufschwierigkeiten in diesem Playoff hatten vielleicht auch mit dem positiven Coronatest in Peking zu tun, der ihn einige Tage in Isolation zwang und wegen dem er am Ende nur ein Spiel bestreiten konnte.

Nun scheint er wieder auf der Höhe seiner Schaffenskraft, bremst die Euphorie aber sogleich wieder. «Jedes Spiel ist anders. Wir müssen das von heute schnell wieder vergessen», stellt Simion fest. «So wie wir das auch nach den ersten drei Spielen machten.»

Die schwierigen letzten Meter am Berg

Das Vergangene abhaken und vergessen müssen nun auch die ZSC Lions. Sie gehen mit einer 3:2-Führung ins Spiel 6 und könnten im Hallenstadion den Titel feiern. Dafür hätten sie vor dem Final mit geschlossenen Augen unterschrieben. Nun aber kommt die psychologische Komponente der bereits zwei vergebenen Meisterpucks hinzu. «Leistungssport ist fast immer eine mentale Sache», weiss Stürmer Chris Baltisberger. «Jetzt können wir zeigen, dass wir mental stark sind. Ziel ist es, auf den Berg zu kommen, und wir haben einen kleinen Vorsprung.»

Emotional wird es am Freitagabend auf jeden Fall. Nachdem bereits viermal das möglicherweise letzte Spiel des Zürcher Schlittschuh-Clubs im Hallenstadion ausgerufen wurde, ist es nun definitiv der Abschied nach 72 Jahren. Eine allfällige Finalissima wäre dann am 1. Mai wieder in Zug. Am Sechseläuten-Montag wirkten die Zürcher verkrampft und zeigten das schlechteste Spiel seit den Viertelfinals. «Damals war viel Wenn und Aber im Spiel», gibt Captain Patrick Geering zu bedenken. «Jetzt ist klar: Dieses letzte Spiel will niemand verlieren. Mit diesem Mindset wird es am Freitag einfacher sein, als es am Montag war.»

Dafür müssen Geering und seine Kollegen aber den auferstandenen Dario Simion wieder in den Griff bekommen. Sonst werden sie die erste Mannschaft, die in einem Schweizer Playoff-Final eine 3:0-Führung aus der Hand gibt.

sda