Interview Streller: «Vielleicht hat Corona schon die letzte Saison entschieden»

Von Jan Arnet

15.9.2020

Marco Streller blickt im Gespräch mit «Bluewin» auf die kommende Saison.
Marco Streller blickt im Gespräch mit «Bluewin» auf die kommende Saison.
Keystone

Am Samstag beginnt die Super-League-Saison 2020/21. «Bluewin» hat vor dem Saisonstart mit Teleclub-Experte Marco Streller gesprochen. Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews.

Ab Oktober dürfen in der Schweiz die Stadien wieder zu zwei Drittel gefüllt werden, sofern es auch der jeweilige Kanton erlaubt. Ein richtiger Entscheid des Bundesrats?

Das war ganz wichtig, weil es für die Klubs überlebenswichtig ist. Nur bin ich nicht sicher, ob es ideal war, die finale Entscheidungshoheit auf die Kantone zu übertragen. Ansteckungen wird es vermutlich auch im Stadion geben, und wenn dann die ersten Fälle bekannt sind, werden die Stadien wieder geschlossen. Die Krise ist definitiv noch nicht ausgestanden, aber für die Fussballfans und Klubs ist der Bundesratsentscheid ein Lichtblick.

Wie wird die Coronakrise den Schweizer Fussball beeinflussen?

In den letzten Jahren wurde der Fussball zu einer riesigen Blase, wo immer mehr Geld reingepumpt wurde. Durch die Krise werden nun die kleinen Fussballligen, welche die kleinste Schuld an dieser Blase tragen, am meisten leiden. Dazu gehört auch die Super League. Die Topklubs mit ihren schwerreichen Investoren werden die Krise locker überstehen. Ganz anders als Klubs, die auf Transfer- und Zuschauereinnahmen angewiesen sind. Für Schweizer Vereine ist das brutal.

Wie gehen die Fussballer mit der Krise um? Gibt es Spieler, die lieber nicht spielen würden?

Das glaube ich nicht. Dass wieder gespielt werden kann, finden alle gut. Beim Thema Schutzkonzept scheint man aber den richtigen Weg noch nicht gefunden zu haben. Sehr viele Profis haben sich mittlerweile mit dem Virus angesteckt. Gott sei Dank gab es meines Wissens bisher noch keinen Fall eines Fussballers mit einem schweren Krankheitsverlauf. Was daran liegt, dass die Sportler fit sind und das Virus bekämpfen können. Deshalb hält sich die Angst bei den Spielern auch in Grenzen. Viel mehr sorgen sich einige Spieler wohl um ihre Zukunft.

Warum?

Jetzt ist jeder froh, wenn er einen langfristigen Vertrag hat. Es gibt viele Spieler, deren Verträge jetzt ausgelaufen sind. Vor zwei Jahren hätten diese Spieler ein schönes Handgeld gekriegt für ihren ablösefreien Wechsel und hätten einen guten Klub gefunden. Nun überlegt sich der Verein zweimal, ob er sogar einen ablösefreien Spieler holen soll oder nicht. Deshalb denke ich, dass man in diesem Sommer sehr viel Qualität für verhältnismässig tiefe Preise kriegen kann.

«Ich bin mir nicht sicher, ob YB auch ohne die Pause Meister geworden wäre.»

Am Samstag geht die neue Super-League-Saison los. Weil niemand weiss, wie sich die Pandemie entwickeln wird, ist nicht auszuschliessen, dass die Saison wieder unterbrochen oder sogar abgebrochen wird. Kann Corona die Meisterschaft beeinflussen oder sogar entscheiden?

Ich befürchte, dass man in der neuen Saison immer wieder Kompromisse eingehen muss. Solange dieser Impfstoff nicht hier ist, muss man sich auch mit solchen Horrorszenarien befassen. Aber vielleicht hat Corona schon die letzte Saison entschieden. Ich bin mir nicht sicher, ob YB auch ohne die Pause Meister geworden wäre. YB hat sich den Titel sicherlich verdient, aber St. Gallen hatte vor Corona eine sehr starke Phase und die Berner ein paar Verletzte.

Und so blieb es in der Super League fast bis zum letzten Spieltag spannend. Kann St. Gallen im Meisterrennen erneut ein Wörtchen mitreden?

Vor Corona hatte St. Gallen einen Lauf, das hat mich an Leicester in der Saison 2015/16 erinnert. Jeder hat gedacht, die fallen dann schon noch runter, aber es entstand eine Euphorie und die Zuschauer haben das Team getragen. Jetzt haben sie mit den Abgängen von Itten und Demirovic aber fast 50 Skorerpunkte verloren, die kann man nicht einfach so ersetzen. Aber in St. Gallen wird ruhig und gut gearbeitet. Peter Zeidler wird sicher auch Zeit kriegen, um ein neues Team zu formen. Ich erwarte jetzt eine Übergangssaison – St. Gallen wird dann nächstes Jahr wieder ganz vorne dabei sein.

Dann wird es YB wieder machen? Oder trauen Sie dem FCB den Titel zu?

Kommt ganz darauf an, was noch auf dem Transfermarkt passiert (Das Transferfenster ist in der Schweiz noch bis zum 12. Oktober geöffnet; Anm. d. Red.). Ob YB noch den einen oder anderen wichtigen Spieler verliert und Basel sich noch verstärken kann. Durch die Abgänge von Okafor, Bua und Zhegrova hat man auf den Flügeln viel Tempo und Qualität verloren. Der FCB hat aber noch andere Baustellen.

Zum Beispiel der Zwist zwischen Muttenzerkurve und Vereinsführung. Oder dass immer wieder Interna an die Öffentlichkeit gelangen.

Wenn alle zusammenarbeiten, kann in der Stadt wieder eine riesige Euphorie entstehen. Es braucht ein einheitliches Auftreten vom Trainer über die Mannschaft bis hin zum Vorstand. Das war zuletzt nicht immer der Fall. Und solange diese Unruhen da sind, wird es schwierig. Sportlich war die letzte Saison ja eigentlich gar nicht so schlecht, international sogar sensationell. Es braucht nicht mehr viel, um wieder nach oben zu kommen. Denn YB war letzte Saison nicht mehr so unwiderstehlich wie noch vor zwei Jahren. Trotzdem gehen die Berner als klarer Favorit in die neue Saison.

YB scheint jetzt das zu machen, was früher dem FCB vorgeworfen wurde: Sie holen die besten Spieler der Liga und schwächen so ihre Gegner. Neuestes Beispiel ist der Transfer von St. Gallen-Captain Silvan Hefti.

YB ist immer sehr gut vorbereitet. Sie machen ihre Transfers immer schon relativ früh, noch bevor sie andere Spieler auf dieser Position verkauft haben. Sie haben einen Plan und setzen den sehr gut um. Bei Silvan Hefti haben sie wohl gesehen, dass er in ihre Philosophie passt. Wenn du ihn dir dann leisten und gleichzeitig einen Gegner schwächen kannst, ist das natürlich eine gute Strategie. In meinen Augen war das ein sehr guter Transfer der Young Boys.

«Nach wie vor sehe ich Basel aber als grössten Herausforderer von YB.»

Was muss passieren, damit YB nicht zum vierten Mal in Folge Meister wird?

In den Direktduellen waren Basel und St. Gallen mit YB auf Augenhöhe. Es fehlte am Ende die Konstanz gegen die kleineren Teams. Das, was den FCB früher ausgezeichnet hatte: In den Direktduellen hatte damals YB manchmal sogar Vorteile, aber wir konnten die Spiele gegen Vaduz, Lugano und Co. gewinnen. Und wir hatten Ruhe im Verein und waren eine Heimmacht. Das hat dem FCB letzte Saison gefehlt. Es sind die Nuancen, die am Ende den Unterschied ausmachen. Nach wie vor sehe ich Basel aber als grössten Herausforderer von YB.

Waren Sie überrascht, als Sie erfahren haben, dass Ciriaco Sforza neuer FCB-Trainer wird?

Nein. In der Schweiz kamen nicht sehr viele Trainer infrage und der FCB will auf Junge setzen. Aufgrund des Budgets hat man wohl ohnehin nicht an eine internationale Lösung gedacht. Ich finde, Sforza hat in Wil einen sehr guten Job gemacht. Er lässt mutigen und offensiven Fussball spielen und hat sich diese Chance verdient.

Es sind turbulente Zeiten für den FC Basel und seine Fans. Wie sehr beschäftigt Sie, was mit Ihrem Herzensklub passiert?

Das beschäftigt jeden in Basel. Wenn du da geboren wirst, gehört der FCB zu deinem Alltag. Genauso wie die Fasnacht, die abgesagt wurde. Auch die Herbstmesse und die Baloise Session wurden abgesagt. Und der FCB wird nicht Meister. Wir müssen momentan unglaublich leiden in Basel (lacht). Ich glaube aber, dass bei den Leuten hier mittlerweile eine gewisse Demut herrscht. Man hat akzeptiert, dass halt mal für zwei oder drei Jahre kleinere Brötchen gebacken werden müssen. Damit danach wieder mit neuer Energie angegriffen werden kann.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Marco Streller unter anderem über Mentalitätsmonster, den FC Sion, und was er den Schweizer Teams auf internationaler Bühne zutraut.

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