«Mir wurde von GC nicht aufgezeigt, dass man auf mich setzt»

tbz

1.11.2021

Yann Sommers Erbe. Gregor Kobel gilt als nächster Stammkeeper der Schweizer Nationalmannschaft.
Bild: Keystone

23 Jahre alt und bereits einer der besten Torhüter der Bundesliga. Gregor Kobels Werdegang ist eine Lehrstunde für seinen ehemaligen Ausbildungsverein, die Zürcher Grasshoppers.

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1.11.2021

September 2014. Gregor Kobel ist 16 Jahre alt, als er sich dafür entscheidet, die Schweiz zu verlassen und sein Glück in Deutschland zu versuchen. Bis dahin ist der Sohn des ehemaligen Eishockey-Profis Peter Kobel Teil der Jugendabteilung der Zürcher Grasshoppers. In einem Interview mit dem «Blick» gesteht der BVB-Keeper nun, dass er sich als ambitionierter Jungendlicher beim Rekordmeister nicht wohlfühlte. 

«Ich sah nicht wirklich eine Perspektive. Mir wurde vom Verein nicht aufgezeigt, dass man auf mich setzt oder auf mich baut», erklärt Kobel und versetzt den Talentscouts bei GC damit einen Schlag in die Magengrube. «Ich war die Nummer zwei oder drei in der U18 und keiner sagte: ‹Greg, wir finden dich gut, wir wollen mal, dass du hier Profi wirst.›»

Ein Fauxpas, ob dem sich die Verantwortlichen des Rekordmeisters heute grün und blau ärgern dürften. Nur sieben Jahre später hat der 23-Jährige mit Roman Bürki und Marwin Hitz bereits zwei gestandene Schweizer Torwartgrössen verdrängt und sich zur unumstrittenen Nummer eins bei Bundesliga-Schwergewicht Borussia Dortmund hochgearbeitet. Die Basis zu diesem grossen Karriere-Schritt legte er in Hoffenheim, Augsburg und zuletzt vor allem beim VfB Stuttgart, wo er sich zum Top-Torhüter entwickelte. Die Grasshoppers kommen zuletzt auf dieser Liste.



«Es war die beste Entscheidung von mir»

Wieso GC sein Potenzial trotz siebenjähriger Verbundenheit zum Klub nicht erkannte, ist ein Rätsel. «Zu jenem Zeitpunkt kam Hoffenheim, sagte mir, man fände mich super und wolle mich in zwei Jahren in die erste Mannschaft einbauen.» Spätestens jetzt hätten bei den Grasshoppers alle Alarmglocken klingeln sollen. Für den Ersatztorhüter des U18-Nachwuchses klopft schliesslich auch nicht alle Tage ein Bundesligist an.

Es gilt nicht zu vergessen, dass die Jugendabteilung der Hoppers zu dem Zeitpunkt auch in anderen Bereichen mittelalterlich unterwegs ist, denke man an den Bestechungsskandal, den der Tages-Anzeiger 2019 ans Licht brachte.

Inwiefern Kobels Entwicklung darunter gelitten hat, sind Mutmassungen. Fakt ist: Auch den vermeintlichen Weckruf aus Hoffenheim ignoriert GC und entlässt Kobel nach einer zweijährigen Leihe für die kolportierte Ablösesumme von 138'000 Euro nach Sinsheim.

Im Sommer 2021 bezahlt der BVB für den Zürcher 15 Millionen Euro. Das ist Rekord für einen Schweizer Torhüter. Und Kobel bereut nichts: «Es war die beste Entscheidung von mir, das zu machen. Mit 16 ins Ausland zu gehen, eine eigene Wohnung zu haben, selber zu waschen, selber zu kochen. Das machte mich früh reif, auf und neben dem Feld.»

Wer weiss, möglicherweise war GC's Nachlässigkeit am Ende auch Kobels Glück, und ohne die verschiedenen Stationen bei der TSG, in Augsburg und bei Stuttgart wäre die Schweizer Torwarthoffnung jetzt nicht dort, wo er ist.