Hat die Nati gegen Frankreich überhaupt eine Chance?

Von Jan Arnet

24.6.2021

Beim letzten Duell gegen Frankreich riss bei mehreren Schweizer Spielern das Trikot.
Bild: Keystone

Die Schweiz trifft an der Europameisterschaft im Achtelfinal ausgerechnet auf den absoluten Top-Favoriten: Weltmeister Frankreich. Die Nati ist krasser Aussenseiter, doch die Statistik macht durchaus Hoffnung.

Von Jan Arnet

24.6.2021

Der Traum vom Viertelfinal lebt! Erreicht die Nati an der EM endlich ihr grosses Ziel? Dafür braucht es gegen Frankreich am Montag einen Exploit. Der Weltmeister ist der grosse Favorit des Turniers und verfügt wohl über das beste Kader aller Achtelfinalisten. 

Zusammengerechnet haben Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und Co. einen Marktwert von 1,03 Milliarden Euro – nur England hat noch wertvollere Spieler (Quelle: transfermarkt.ch). Zum Vergleich: Die Schweizer Nati besitzt einen Kadermarktwert von 288,5 Millionen Euro.

Hat die Nati überhaupt eine Chance, das Ding zu gewinnen? Der letzte Sieg gegen die Franzosen liegt tatsächlich schon 29 Jahre zurück. Doch wie hat Deutschlands Weltmeister-Trainer von 1954 Sepp Herberger einst gesagt? «Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.»

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Gelingt der Schweizer Nati der Coup über Frankreich?

Und ganz so übel ist unsere Bilanz gegen Frankreich dann auch wieder nicht. In 38 Spielen gab es immerhin 12 Siege. 10 Mal wurden die Punkte geteilt und 16 Mal gingen die Franzosen als Sieger vom Platz. Von den letzten fünf Aufeinandertreffen endeten vier unentschieden.

Das 0:0 von Lille

Als echter Gradmesser dient aber höchstens das letzte Duell, das auch schon fünf Jahre zurückliegt. An der EM 2016 gab es damals in Lille ein 0:0. Auf dem Platz standen mit Sommer, Schär, Rodriguez, Xhaka, Shaqiri, Embolo, Mehmedi und Seferovic acht Spieler, die auch heuer im Kader der Nati stehen und zum Einsatz kommen könnten. Auf der anderen Seite spielten bei den Franzosen mit Lloris, Pogba, Coman und Griezmann vier Stars, die auch am Montag auf dem Platz stehen dürften. 

In Erinnerung bleibt vor allem, wie bei dieser Partie die Trikots der Schweizer nach jedem kleinen Leibchenzupfer rissen. Das Spiel selbst war hart umkämpft, die Nati spielte mutig und stellte sich nicht hinten rein, sondern versuchte, offensiv zu agieren. Am Ende brauchte es aber auch einen Yann Sommer in Top-Form und das nötige Quäntchen Glück für den Punktgewinn – zweimal trafen die Franzosen die Latte.

Auch Frankreich konnte noch nicht glänzen

Blickt man auf den bisherigen Turnierverlauf an dieser Euro, kann die Nati durchaus hoffnungsvoll in den Achtelfinal gehen. Auch wenn das Team von Vladimir Petkovic erst im letzten Gruppenspiel gegen die Türkei so richtig überzeugen konnte.

Aber auch die Franzosen konnten bislang nicht so sehr glänzen, wie sich das manch einer vor dem Turnier vorgestellt hatte. Gegen Ungarn mühte sich der grosse Favorit zu einem 1:1 und auch gegen Portugal (2:2) reichte es nicht zum Sieg. Beim 1:0-Sieg über Deutschland hatte der Weltmeister deutlich weniger Ballbesitz und weniger Torschüsse und profitierte schliesslich von einem Hummels-Eigentor. 

Nichtsdestotrotz geht Frankreich als haushoher Favorit in den Achtelfinal. Doch das kommt den Schweizern sicherlich entgegen, wenn man an die beiden letzten grossen Turniere zurückdenkt. Sowohl an der WM 2018 (gegen Schweden) als auch an der EM 2016 (gegen Polen) sah sich die Nati wohl selbst in der Favoritenrolle – und scheiterte letztlich sicherlich auch an diesem Druck.



Die Nati hat nichts zu verlieren

Jetzt haben die Schweizer aber überhaupt nichts zu verlieren. Das Minimalziel wurde erreicht – und doch ist jeder heiss darauf, endlich einmal den Viertelfinal zu erreichen. Man darf vom Team auch erwarten, anders aufzutreten als gegen die Italiener, wo es jegliche Leidenschaft und Kampfbereitschaft vermissen liess.

Die Partie gegen die Türkei gab einem das Gefühl, dass die Mannschaft um ihren Leader Granit Xhaka noch einmal mehr zusammengewachsen ist. Als wollten es die Spieler nach der harschen Kritik aus der Heimat allen beweisen – «jetzt erst recht!» An Wille und Herzblut darf es gegen das Starensemble der «Équipe Tricolore» ohnehin nicht mangeln, ansonsten kann der grosse Traum schon vor dem Anpfiff begraben werden.