Wie Kroatien, Holland, Spanien und Portugal bei der WM 2022 aussehen könnten

Von Syl Battistuzzi

18.7.2021

Duje Caleta-Car
Duje Caleta-Car will sich in Kroatiens Abwehrzentrum unverzichtbar machen.
Bild: Getty

Die EM 2021 ist bereits Geschichte. Schon in eineinhalb Jahren geht es mit der WM 2022 in Katar weiter. Während einige Mannschaften sicher auf neue Kräfte setzen müssen, können andere Teams auf bewährte Spieler zurückgreifen. Teil 3 mit Kroatien, Holland, Spanien und Portugal.

Von Syl Battistuzzi

18.7.2021


Kroatien

Durchschnittsalter Kader bei der EM: 27,9 Jahre alt

Wer ist sicher/mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dabei: -

Wackelkandidaten: Luka Modric (35), Dejan Lovren (32), Ivan Perisic (32)

Tor: Dominik Livakovic (26) hat sich im Tor festgespielt, Lovre Kalinić (31) & Co. bleibt nur das Nachsehen. 

Abwehr: Domagoj Vida (32) bildete mit Duje Caleta-Car (24) das Abwehrzentrum. Die beiden dürften auch in Katar die Nase vorne haben, die langjährige Stammkraft Dejan Lovren (32) muss hinten anstehen. Der etatmässige Innenverteidiger Josko Gvardiols (19) agierte beim Achtelfinal-Aus gegen Spanien sehr unglücklich als Linksverteidiger, so darf Borna Sosa (23) nach seinem Flirt mit dem DFB wieder auf eine Rückkehr hoffen. Rechts ist die Lage mit Sime Vrsaljko (29) und Josip Juranovic optimistischer. 

Mittelfeld: Während vor der Abwehr Marcelo Brozovic (28) und Mateo Kovacic (27) aufräumten, hing in der Offensive immer noch alles von Luka Modric (35) ab. Ob der Real-Star aber sein Team noch in der Wüstenluft tragen kann, ist zu bezweifeln. Eigentlich kann das Team aber auf sein Spielverständnis nicht verzichten. Mit Mario Pasalic (26) oder Nikola Vlasic (23) stehen zwar talentierte Kandidaten bereit, aber eine Qualitätseinbusse ist da. Routinier Perisic hat seine Klasse ebenfalls wieder mal unter Beweis gestellt. Mit Ante Rebic (27), Luka Ivanusec, Josip Brekalo (23) oder Mislav Orsic (28) hat man hier aber mehr Optionen zur Verfügung. 

Sturm: Ganz vorne kam bei der EM wenig Hilfe. Bruno Petkovic (26) beeindruckt zwar mit seiner Physis, aber auf gehobenes internationales Niveau kommt er nicht. Spätzünder Ante Budimir (29) bekam keine Gelegenheit, sich aufzudrängen. 

Sorgenkind: Ganz im Gegensatz zu Andrej Kramaric (30). Während er in der Bundesliga seit Jahren seine Torjägerqualität unter Beweis stellt, läuft bei ihm in der Vatreni selten was zusammen. So blicken viele Fans wehmütig auf einen gewissen Mario Mandzukic zurück, der vorne meinst im Alleingang die Abwehrreihen beschäftigte.

Zukunftsaussichten: ↘️ Die «goldene Generation» scheint bei der WM 2018 auf ihrem Höhepunkt gewesen zu sein. Seither hat man ein wenig den Anschluss verloren. Einen neuen Ausnahmekicker wie Modric (oder auch Rakitic) ist derzeit auch nicht in Sicht. 


Niederlande

Durchschnittsalter Kader bei der EM: 27,5 Jahre alt

Wer ist sicher/mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dabei: Maarten Stekelenburg (38) 

Wackelkandidaten: -

Tor: Stammgoalie Jasper Cillessen (32) machte Corona einen Strich durch die Rechnung, für ihn kam Stekelenburg zum Einsatz. Am Routinier lag das Ausscheiden nicht. Joël Drommel dürfte perspektivisch als Nummer 1 aufgebaut werden. 

Abwehr: Die These sei gewagt. Mit Virgil van Dijk (30) hätte sich die Elftal mehr gegen das EM-Aus gewehrt. Zusammen mit ihm sollte die zentrale Defensive um Matthijs de Ligt (21), Stefan de Vrij (29) oder Nathan Aké (26) wieder ein Bollwerk werden. Während sich rechts Denzel Dumfries (25) in Vordergrund spielte, ist das Rennen links mit Patrick van Aanholt (30) oder Daley Blind (31), der ebenfalls im Zentrum agieren kann, offener. 

Mittelfeld: Marten de Roon (30) spulte zwar wie gewohnt sein Pensum ab, spielerisch war er aber überaus dezent. Ryan Gravenberch (19) oder Donny van de Beek (24) könnten da deutlich mehr Dynamik reinbringen. Frenkie de Jong (24) ist und bleibt die Schaltstelle zwischen Defensive und Offensive. Gini Wijnaldum (30) zog nach zuvor starken Auftritten in der K.o.-Phase gegen Tschechien einen schwarzen Tag ein. Der Ersatz-Captain ist also in der Bringschuld. 

Sturm: Memphis Depay (27) ist in der Offensive Dreh- und Angelpunkt. Der Barça-Neuzugang ist der Mann für die entscheidenden Momente. Im Sturmzentrum hat man mit Publikumsliebling Wout Weghorst (28) oder Luuk de Jong (30) ebenfalls valable Alternativen. Von den Flügelspielern Steven Bergwijn (23), Quincy Promes (29), Steven Berghuis (29) oder Donyell Malen (22) konnte an der EM keiner vollständig überzeugen. 

Sorgenkind: Davy Klaassen (28) durfte nach einer starken Saison bei Ajax mit einem Platz in der Startelf liebäugeln. Das Resultat: Trainer Frank de Boer schenkte ihm keine einzige Einsatzminute. Immerhin soll nun Louis van Gaal zurückkehren. Unter ihm gab er einst sein Länderspieldebüt. 

Zukunftsaussichten: ↗️ Nach der Gruppenphase träumten schon viele von einem Märchen, der Auftritt gegen Tschechien holte dann viele wieder auf den Boden der Realität zurück. Nichtsdestotrotz werden die Holländer in Katar über einen interessanten Kader verfügen können. Der Mix aus Talent und Erfahrung sieht sehr vielversprechend aus.  

Memphis Depay wird weiterhin der entscheidende Mann in der Offensive sein.
Bild: Keystone

Spanien

Durchschnittsalter Kader bei der EM: 26,6 Jahre alt

Wer ist sicher/mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dabei: -

Wackelkandidaten: Sergio Busquets (33), Sergio Ramos (35), Nacho (31)

Tor: Unai Simon (24) hielt an der EM, was es zu halten gab. So müssen die Premier-League-Legionäre David de Gea (30) und Robert Sanchez (23) hinten anstehen.

Abwehr: Nach seiner Verletzungspause verzichtete Trainer Luis Enrique auf Ramos. Es wird sicher nicht das definitive Ende des langjährigen Captain in der Nationalmannschaft gewesen sein, aber ob er es unter diesen Voraussetzungen nochmals an die WM schafft? In der Zentrale ersetzten ihn Pau Torres (24), der eingebürgerte Aymeric Laporte (27) sowie Eric García (20). Auf den Seiten spielten Jordi Alba (32) und César Azpilicueta (31), die ihre Sache ansprechend machten. Dani Carvajal (29) wird sich nach seiner Rückkehr mit dem Chelsea-Profi ein heisses Duell liefern. Mit Sergio Reguilón (24), Juan Miranda (21), Óscar Mingueza (22), Angeliño (24) oder Pedro Porro (21) steht schon die nächste Generation in den Startlöchern.

Mittelfeld: Captain Busquets zog wie gewohnt die Fäden im spanischen Spiel. In dieser Form führt kein Weg an ihm vorbei. Doch seine fehlende Dynamik könnte dem Routinier halt doch eines Tages zum Verhängnis werden. Vom Spielertyp ähnelt ihm Fabián Ruiz (25) am meisten. Rodri (25), Marcos Llorente (26) oder Koke (29) bringen physische Komponenten ins spielstarke Ensemble mit. Pedri (18) hat Thiago (30) an der EM bereits den Rang abgelaufen. An ihm wird kein Weg vorbeiführen. Auch Dani Olmo (23) beeindruckte hinter den Spitzen. Mit Mikel Merino (25), Brahim Díaz (21) oder Mikel Oyarzabal (24) hat man weitere Kreativspieler in der Hinterhand. So ist nur schwer vorstellbar, wo es für frühere Hoffnungsträger wie Isco (29) oder Dani Ceballos (24) Platz geben soll.

Sturm: Ansu Fati (18) ist ein designierter Superstar. Wenn seine Entwicklung nicht nach den schweren Verletzungen Schaden genommen hat, gib es für ihn keine Grenzen. Auch Marco Asensio (25) wird wieder angreifen. Sein Platz nahm zuletzt Ferran Torres (21) ein, der auch über ein immenses Potential verfügt. Ganz vorne machte Gerard Moreno (29) Druck auf Alvaro Morata (28). Hier hat man aber noch keinen passenden Nachfolger für Raul, Fernando Torres oder David Villa gefunden.

Sorgenkind: Dass ausgerechnet Morata zur tragischen Figur für die Furia Roja wurde, war irgendwie logisch. Er stand schon seit Beginn der EM wegen vergebener Grosschancen in der Kritik und hatte nach der Vorrunde von Drohungen und Beleidigungen gegen seine Familie berichtet. Im Halbfinale gegen die Italiener erzielte er nach seiner Einwechslung zunächst den umjubelten Ausgleich zum 1:1, der Spanien überhaupt in die Verlängerung rettete. Im anschliessenden Elfmeterschiessen verschoss der von Atlético Madrid an Juventus Turin verliehene Stürmer dann den letzten Penalty seines Teams. Wahrscheinlich erlebte kein Profi an der EM so eine mentale Achterbahnfahrt. Ob Luis Enrique mit dieser Vorgeschichte weiterhin auf ihn setzt? 

Zukunftsaussichten: ⬆️ Mit diesem Kader kann Spanien definitiv wieder an die frühere Vormachtstellung anknüpfen. Auf jeder Position sind Spieler vorhanden, die den Unterschied ausmachen können. Wenn das Team sein berüchtigtes Passspiel aufzieht, läuft jeder Gegner hinterher. Auch Europameister Italien musste gegen die Iberer leiden. Doch am Ende bleibt die alte Leier. Eine zuverlässige Nummer 9 ist nicht vorhanden, beziehungsweise Morata scheint es irgendwie nicht zu sein. Zusätzlich wirkt das Spiel in gewissen Phasen zu eindimensional, weshalb in jüngerer Vergangenheit sich keine Erfolge einstellten. Nichtsdestotrotz wird mit Fati, Pedri & Co. eine unheimlich starke Truppe in Katar am Start sein.

Pedri und Dani Olmo – die zwei grossen Gewinner im spanischen Team.
Bild Getty

Portugal

Durchschnittsalter Kader bei der EM: 27,9 Jahre alt

Wer ist sicher/mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dabei: José Fonte (37), Pepe (38)

Wackelkandidaten: João Moutinho (34), Cristiano Ronaldo (36)

Tor: Ein Ende der Regentschaft von Rui Patrício (33) ist nicht absehbar. Anthony Lopes (30) oder Rui Silva (27) bleibt weiterhin nur das Nachsehen.

Abwehr: Die Routiniers Pepe und Fonté werden es wohl nicht mehr nach Katar schaffen. Gut möglich also, dass mit Domingos Duarte (26) oder Rúben Semedo (27) international nicht sehr gestandene Spieler neben dem gesetzten Rúben Dias (24) zum Einsatz kommen. Links hat Raphaël Guerreiro (27) mit Nuno Mendes (19) und Nuno Tavares (21) gleich zwei grosse Talente im Nacken. Rechts hat derzeit wohl Diogo Dalot (22) die Nase vorne, vor Nélson Semedo (27) und Cédric Soares (29).

Mittelfeld: Der unverwüstliche Moutinho wird nicht mehr dabei sein. Renato Sanches (23) hat sich seinen Platz im Zentrum mit einer starken EM zurückerobert, so dass João Palhinha (26), Danilo Pereira (29), William Carvalho (29), Rúben Neves (24) oder Sérgio Oliveira (29) um die restlichen Plätze streiten müssen. Bruno Fernandes (26) hat bei der EM enttäuscht, dennoch ist sein Potential unbestritten. Mit Pedro Gonçalves (23) steht der nächste Spielmacher aber schon bereit.

Sturm: Auf den Flügeln sind mit Bernardo Silva (26), Diogo Jota (24), Gonçalo Guedes (24), Francisco Trincão (21) oder Pedro Neto (21) Spieler der Extraklasse vorhanden. Apropos Klasse: Ronaldo hat bei der EM gezeigt, was noch in ihm steckt. Aber auch ein Modellathlet wie er ist nicht davor gefeit, seiner eindrücklichen Karriere Tribut zu zollen. Wenn es aber jemand schafft, dann CR7. Überraschen würde bei ihm eine Teilnahme sicher nicht. Gespannt ist man, wie sich André Silva (25) weiterentwickelt. Noch bleibt ihm nur die Jokerrolle. 

Sorgenkind: Genau wie zuletzt João Félix (21). Vor zwei Jahren bezahlte Atlético Madrid 127 Millionen Euro für ihn. Bisher hat er sich weder im Klub noch im Nationalteam durchgesetzt. Der polyvalente Offensiv-Spieler kam bei der EM auch aufgrund von Sprunggelenk-Beschwerden nur spärliche 37 Minuten zum Einsatz. Inzwischen musste er sogar operiert werden und fällt knapp zwei Monate aus. Irgendwie hat man noch keine passende Rolle für ihn gefunden. Dennoch ist sein Talent zu gross, um nicht bald zu den weltbesten Spielern aufzuschliessen. 

Zukunftsaussichten: ↗️Der Talent-Pool scheint unerschöpflich. Mit Pepe verliert man aber eine langjährige Teamstütze – ein 1:1-Ersatz ist derzeit nicht in Sicht. Sonst scheint sich aber nirgends eine Baustelle aufzutun. Mit Renato Sanches hat sich ein Schlüsselspieler zurückgekämpft. Ganz wichtig wird natürlich sein, ob Ronaldo sein Leistungsniveau halten kann. Falls nicht, müssen die anderen Spieler mehr Verantwortung übernehmen. 

epa09306836 Portugal's player Joao Felix in action during the UEFA EURO 2020 round of 16 soccer match between Belgium and Portugal held at La Cartuja Sevilla stadium, in Seville, Spain, 27 June 2021. EPA/HUGO DELGADO
Bei João Félix läuft momentan nicht viel zusammen.
Bild: Keystone