Blaise Nkufo: In Holland eine Fussball-Legende, in Kanada sesshaft geworden – jetzt will er zurück in die Schweiz

Jan Arnet

1.4.2020 - 15:00

Der frühere Nati-Spieler Blaise Nkufo hilft heute talentierten Spielern auf ihrem Weg in den Profifussball.
Bild: blaisesoccer.com

Was macht eigentlich Blaise Nkufo? Der ehemalige Nati-Stürmer, der als kleiner Junge einst aus dem Kongo in die Schweiz flüchtete, verrät «Bluewin», wie er heute selber jungen afrikanischen Fussballern zum Schritt nach Europa verhilft.

34 Spiele (7 Tore) absolvierte Blaise Nkufo zwischen 2000 und 2010 für die Schweizer Nati. Es hätten noch viele mehr sein können, hätte der Stürmer dazwischen keine fünfjährige Nati-Pause eingelegt. Sein Fernbleiben hatte nicht etwa mit sportlichen Leistungen zu tun – für Twente Enschede erzielte er in dieser Zeit Tore am Laufmeter. Bis heute ist Nkufo mit 128 Toren in 261 Spielen Rekordtorschütze des holländischen Klubs, den er 2010 sogar zum erstmaligen Meistertitel schoss.

Es gab da diese Geschichte mit Köbi Kuhn († 76). Nkufo fühlte sich missverstanden, warf dem damaligen Nati-Trainer gar Rassismus vor und gab 2002 seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Zur Versöhnung und zum Comeback kam es 2007 vor der Heim-EM, welche der Torjäger allerdings verletzungsbedingt verpasste.

Heute ist Blaise Nkufo 44 Jahre alt. In der Schweiz hat man schon lange nichts mehr von ihm gehört. Das hat «Bluewin» zum Anlass genommen, sich mit dem früheren Stürmer in Verbindung zu setzen und herauszufinden, was er heute so treibt. 


Blaise Nkufo, vorab die derzeit wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen? Sind Sie gesund?

Ja, und Sie? (lacht) Ich sorge mich natürlich wie alle anderen auch. Wie in der Schweiz hat man auch hier in Vancouver die Schulen und die meisten Läden geschlossen. Jeder stellt sich die Frage, wann sich die Lage endlich wieder normalisiert. Aber mir und meiner Familie geht es gut.

Wie lange leben Sie schon in Kanada?

Seit sieben Jahren.

In der Schweiz können sich die Leute noch gut an Sie erinnern. Aber wir haben schon lange nichts mehr von Ihnen gehört. Was haben Sie in den letzten zehn Jahren gemacht?

Nach der WM 2010 bin ich ja aus der Nati zurückgetreten. Ich wechselte dann zu den Seattle Sounders in die USA, spielte da noch ein Jahr und beendete dann meine Karriere. Dann ging ich den nächsten Schritt in meinem Leben und entschied mich, in Kameruns Hauptstadt Jaunde die N.K.U.F.O. Academy zu gründen. Ich scoute junge Fussballer, coache sie und helfe bei ihrer Entwicklung.

Nun leben Sie aber in Kanada.

Hier habe ich ebenfalls eine Akademie gegründet, die Blaise Soccer heisst. Die beiden Fussball-Schulen unterscheiden sich lediglich in der Lage und im Namen. Das Ziel ist bei beiden Akademien gleich: Ich will junge Talente in den Profifussball bringen.

Martin Hongla (Mitte) unterschrieb 2018 einen Vertrag in der 2. Mannschaft des FC Barcelona. Mittlerweile spielt der bei Nkufos Akademie ausgebildete Mittelfeldspieler in Belgien.
Bild: Twitter

Hat Ihre Arbeit bereits Früchte getragen?

Ja, wir haben bereits einige Spieler von Kamerun nach Europa gebracht. Martin Hongla etwa hat für Granada einige Spiele in Spaniens La Liga gemacht und spielt heute für den belgischen Erstligisten Royal Antwerpen. Mein letzter Transfer war Jean Onana, der bei Lille unterschrieben hat und im Februar sein Debüt in der Ligue 1 gegeben hat. Und auch in Kanada haben es bereits einige meiner Jungs in den Profifussball geschafft. Wie in den USA gibt es hier auch die Möglichkeit für ein Fussballstipendium.

Wie viele Spieler sind in Ihrer Akademie?

In Vancouver betreuen wir aktuell etwa 20 Talente. Die Jüngsten sind 11 Jahre alt, die Ältesten zischen 16 und 18. In Kamerun sind es ebenfalls 20 Jungs im Alter von 15 bis 18 Jahren, die in einem Team zum Einsatz kommen, das in der dritthöchsten Liga spielt. Für die jungen Spieler ist das eine gute Erfahrung und sie haben gute Chancen auf einen Wechsel in die höchste Liga – oder eben nach Europa, was natürlich das Ziel von jedem Spieler ist.

Die meiste Zeit verbringen Sie aber in Kanada. Wer hilft Ihnen in Afrika?

Ich habe zwei Trainer, die mich unterstützen. Und eine Person, die sich in einem Haus um das Wohl der Spieler kümmert. Da kriegen sie zu essen und medizinische Betreuung. Zweimal im Jahr fliege ich nach Kamerun, um Spieler zu scouten und auch selbst zu trainieren.

Wie verdient Ihre Akademie in Kamerun Geld? Die jungen Spieler werden ja kaum grosse Mitgliederbeträge zahlen können.

Es läuft wie in jedem anderen Klub auf der Welt. Man investiert Geld in Spieler und Trainer. Einige Spieler haben auch einen Vertrag. Und wenn ein anderer Klub am Spieler interessiert ist, hat er eine Ablösesumme oder Ausbildungsentschädigung zu zahlen.

Nkufo will talentierte Kinder fördern und sie in den Profifussball bringen.
Bild: blaisesoccer.com

Es macht Sie bestimmt stolz, diesen jungen Männern eine gute Perspektive in Europa zu bieten. Mit sieben Jahren kamen Sie selbst aus Afrika nach Europa. Wie war es für Sie, in der Schweiz aufzuwachsen?

Ich bin sehr glücklich über meine Kindheit in der Schweiz. Es war natürlich nicht immer einfach, aber im Leben gibt es immer wieder Schwierigkeiten. Ich musste viel Verantwortung übernehmen, aber ich habe eine Chance bekommen und diese gepackt. Ich plane übrigens, bald in meine Heimat zurückzukehren.

Weil Sie da näher an Ihrem Business sind?

Auch. Aber vor allem, weil ich mich in der Schweiz zuhause fühle. Das hat sich nie geändert.

Verfolgen Sie die Schweizer Nati?

Natürlich, ich bin ein grosser Fan. Ich habe ja selbst in der Nati gespielt und ich freue mich über ihre Erfolge. Da wird gute Arbeit geleistet.

Am 26. November 2019 ist Köbi Kuhn nach langer Krankheit verstorben. Er war eine wichtige Person in Ihrer Nati-Karriere – nicht nur im positiven Sinne. Welche Erinnerungen haben Sie an den früheren Nati-Trainer?

Ich will nicht sagen, dass ich eine schlechte Beziehung zu Köbi hatte. Damals (beim ersten Nati-Rücktritt im Jahr 2002, d. Red.) musste ich auch erkennen, dass ich dem Team nicht helfen kann. Ich habe Köbi immer respektiert, auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung waren. Manchmal musst du einen Rückschlag hinnehmen, damit andere erfolgreich sein können. Heute hat es einige afrikanischstämmige Spieler in der Nati. Vielleicht konnte ich mit meinen Erfahrungen der nächsten Generation auch helfen.

Auch wenn sie nicht immer gleicher Meinung waren, sagt Blaise Nkufo: «Ich habe Köbi Kuhn immer respektiert.»
Bild: Keystone

Sie haben in ihrer langen Karriere oft den Klub gewechselt. Ein Verein scheint Ihr Herz aber erobert zu haben. Bei Twente Enschede haben Sie sieben Jahre lang gespielt und sind bis heute Rekordtorschütze.

Ich bin mit dem Klub noch immer sehr verbunden. Twente hat mir auch geholfen, als ich in Kamerun meine Akademie gegründet hatte. Ich werde auch heute noch oft eingeladen. Im letzten Jahr etwa, als das Team wieder in die Erendivisie aufgestiegen ist, durfte ich die Trophäe übergeben. Mein Ziel ist es, eines Tages wieder bei Twente zu arbeiten.

Vor dem Stadion De Grolsch Veste steht sogar eine Blaise-Nkufo-Statue, was beweist, dass Sie in Twente eine lebende Legende sind.

Darüber bin ich natürlich sehr glücklich. Es war eine Geste der Wertschätzung der Twente-Fans für meine Dienste. Der Klub stand einst kurz vor dem finanziellen Ruin, ich habe auf und neben dem Platz Verantwortung übernommen und mithilfe meiner Teamkollegen haben wir es mit grosser Leidenschaft geschafft, den Klub am Leben zu erhalten. Umso schöner war es für mich dann natürlich, in meinem letzten Jahr bei Twente mit dem Klub den allerersten Meistertitel zu feiern.

Vor dem Twente-Stadion De Grolsch Veste steht eine Statue von Blaise Nkufo.
Bild: Getty
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