Rückblick Gladbach prägte vor 50 Jahren eine Ära: «Waren wie Heilige»

dpa

30.4.2020

Der deutsche Fussballmeister Borussia Mönchengladbach präsentiert am 27.7.1970 im heimischen Bökelbergstadion die Mannschaft, die den ersten gewonnenen Titel in der Saison 1970/71 verteidigen soll.
Der deutsche Fussballmeister Borussia Mönchengladbach präsentiert am 27.7.1970 im heimischen Bökelbergstadion die Mannschaft, die den ersten gewonnenen Titel in der Saison 1970/71 verteidigen soll.
Bild: Keystone

Mit dem Gewinn des ersten Meistertitels hat Borussia Mönchengladbach 1970 eine Ära geprägt. Viele der damals Beteiligten erinnern sich gut an den Donnerstagabend im April, der erst glanzvoll begann und später in Erleichterung endete. Sogar die Glocken läuteten.

Als am 30. April 1970 um 21.48 Uhr im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken die Kirchenglocken läuteten, hat Wolfgang Kleff davon nichts mitbekommen. «Das Glockengeläut habe ich nicht mehr im Ohr, aber das war ja fast normal. Wir waren ja damals so etwas wie Heilige», sagte der langjährige Torhüter von Borussia Mönchengladbach der Deutschen Presse-Agentur.

An jenem denkwürdigen Donnerstagabend im Jahre 1970 begann für den damals kleinen Club am Niederrhein mit dem Gewinn der ersten von fünf deutschen Meisterschaften in den 70-er Jahren eine Ära, von der der Club bis heute als Wirtschaftsunternehmen mit dreistelligem Millionen-Jahresumsatz profitiert.



Es war so etwas wie der Ritterschlag für viele Borussen, die später eine grosse Karriere erleben durften: Günter Netzer, Berti Vogts, Herbert Wimmer, Torwart Kleff und natürlich der unvergessene Trainer Hennes Weisweiler. Eigentlich wollte die Borussia in ihrem Vereinsmuseum am 50. Jahrestag an diesem Donnerstag eine Sonderausstellung zum Thema eröffnen – wegen der Corona-Krise ist die FohlenWelt indes geschlossen. Die Ausstellung «Weisweilers Meisterstück» ist erst nach der Wiederöffnung des Museums für die Öffentlichkeit zugänglich.

Auch für die Stadt Mönchengladbach wurde der Club mit dem Titel 1970 zum Aushängeschild. «Ich glaube, dass die Stadt durch die Erfolge von damals wesentlich bekannter geworden ist», sagte Horst Köppel und gab auch zu: «Ich wusste ja, bevor ich zur Borussia wechselte, auch nicht so genau, wo Mönchengladbach liegt», erzählte Köppel, der an allen fünf Meisterschaften beteiligt war. Mittelfeldspieler Winfried Schäfer sagte der «Süddeutschen Zeitung»: «Wir waren damals Pioniere.»



Bayern München gratulierte 35 Minuten vor Ende des Spiels

Kleff erinnerte sich an den vorletzten Spieltag der Saison 1969/70 noch ganz genau. Ein Sieg gegen den Hamburger SV reichte zum Titel. Kurz nach der Pause schien das Spiel entschieden. «Erst lief es wunderbar und wir waren 4:0 in Führung, da haben wir schon überlegt, wo wir feiern», sagte der heute 73-Jährige. Am Ende mussten die Gladbacher bis zur letzten Minute bangen, weil der HSV noch drei Treffer erzielen konnte.

Der ehemalige Torwart von Borussia Mönchengladbach, Wolfgang Kleff, lächelt neben einem Wappen des Vereins.
Der ehemalige Torwart von Borussia Mönchengladbach, Wolfgang Kleff, lächelt neben einem Wappen des Vereins.
Bild: Keystone

«Da stand Hennes Weisweiler plötzlich auf dem Platz und hat sich furchtbar aufgeregt. Der hatte Panik bis unter die Decke und Schaum vor dem Mund», sagte Kleff. Am Ende wurde alles gut, die Glocken läuteten und auch für Kleff war es der Startschuss zu einer Karriere, die bis in die Nationalmannschaft führte. «Ja, das war schon etwas Besonderes. Ich war ja ein junger Kerl in meiner ersten kompletten Saison als Stammtorhüter. Ich hatte zuvor in keiner Auswahl gespielt. Ich kam aus dem Nichts». Wie die meisten seiner Mitspieler, die es dann bis in die Nationalelf geschafft hatten. «Ich sage immer: Gladbach war eine Elitefussballschule mit einem Fussballverein», sagte Schäfer.

Das musste auch die Konkurrenz anerkennen. Mit dem FC Bayern München lieferten sich die Gladbacher fortan ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Titel. Zwischen 1969 und 1980 gewannen beide Teams je fünfmal die deutsche Meisterschaft. Als die Borussen ihren ersten Titel perfekt machten, waren die Bayern die allerersten Gratulanten – 35 Minuten vor Ende des Spiels gegen den HSV. Beim Stand von 4:0 schickte die Konkurrenz bereits das Glückwunschtelegramm: «Der deutsche Meister 1969 gratuliert dem deutschen Meister 1970, FC Bayern München, Neudecker, Präsident». Der deutsche Meister 1970 musste sich ein Jahr später dann selbst gratulieren – zur ersten erfolgreichen Titelverteidigung in der Fussball-Bundesliga.

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