Hitzige Debatte: Gier ohne Grenzen und Spieler als Sündenböcke?

lbe

6.4.2020 - 19:03

Liverpool-Captain Jordan Henderson könnte womöglich zum «Streitschlichter» im englischen Fussball avancieren.
Bild: Getty

In England wird die Premier League aufgefordert, in Zeiten der Corona-Krise ihren Beitrag zu leisten. Wie das geschehen soll, sorgt allerdings für grosse Differenzen.

Am Samstag kündigt der FC Liverpool an, einen Teil seiner Angestellten aufgrund der Corona-Pandemie in den Urlaub zu schicken und das Notfall-Programm der Regierung in Anspruch zu nehmen. Diese übernimmt zur Erhaltung der Arbeitsplätze in geschädigten Betrieben 80 Prozent der Gehälter der Angestellten – bis zu einer Höhe von umgerechnet 2'800 Euro und rückwirkend ab dem 1. März für drei Monate. Für Profi-Vereine der reichsten Liga der Welt ist die Massnahme allerdings eher nicht gedacht.

Nach einem Shitstorm krebst Liverpool zwar zurück und will auf die Hilfe der Regierung nun doch verzichten, doch der Champions-League-Sieger wäre bereits der fünfte Premier-League-Klub gewesen, der seine Personalkosten so von der Allgemeinheit finanzieren lässt. Zuvor verlangten bereits Tottenham, Norwich, Newcastle und Bournemouth Hilfe. Gleichzeitig müssen die Profis nach wie vor keine Gehaltseinbussen hinnehmen – im Gegensatz zu den Top-Spielern in Deutschland, Spanien oder Italien.

Die Verhandlungen am Wochenende zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft PFA endeten ohne Ergebnis. Die Spieler lehnten eine von der Liga geforderte Gehaltskürzung von 30 Prozent ab. Die Gewerkschaft begründet, dass der englischen Regierung mit einem solchen Schritt rund 227 Millionen Euro über einen Zeitraum von zwölf Monaten an Steuergeldern verloren gingen. «Das würde auf Kosten unseres nationalen Gesundheitsdienstes NHS oder anderen staatlich-unterstützten Diensten gehen», erklärte die PFA.



«Wo ist jetzt der Respekt?»

Die Reaktionen sind heftig, aus der Politik hagelt es Kritik für die betroffenen Klubs. «Der Plan ist nicht entworfen worden, damit Klubs ihren Spielern Hunderttausende Pfund zahlen, aber zugleich andere Angestellte zwangsbeurlauben», betont Julian Knight, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Medien, Digitales und Sport.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan oder Gesundheitsminister Matt Hancock blasen ins gleiche Horn. Man solle zuerst Geld bei den eigenen Profis einsammeln. Stattdessen geben einige Premier-League-Vereine ein schlechtes Bild ab. Es scheint zeitweise so, als kenne die Gier in dieser Liga auch in Krisenzeiten keine Grenzen – ob bei Spielern oder Klubverantwortlichen.  

Die Fussballer als Sündenböcke?

Der langjährige englische Nationalspieler Wayne Rooney stärkt den Spielern allerdings den Rücken. In seiner Kolumne in der «Sunday Times» schreibt der 34-Jährige, die Liga übe unnötig Druck aus und befördere die Profis in eine «no-win-Situation».

«Warum sind Fussballer plötzlich die Sündenböcke?», fragt er und verweist auf die Spende der Liga über 20 Millionen Pfund. Im Vergleich mit dem, was von den Spielern verlangt werde, sei diese ein «Tropfen ins Meer.» Rooney ist zudem der Ansicht, ein Verzicht müsse freiwillig sein.

Wie zum Beispiel bei Liverpools Captain Jordan Henderson. Gemäss englischen Medienberichten plant der 29-Jährige einen Krisenfonds mit direkten Spenden an das Gesundheitssystem. Demnach soll Henderson in den letzten Tagen mit Kollegen in der gesamten Liga Gespräche geführt haben. Bleibt zu hoffen, diese führen auch zum Erfolg – damit man sich ab sofort nicht mehr gegenseitig, sondern gemeinsam das Coronavirus bekämpft. 

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