«Ich wurde Fussballer, weil mein Bruder die Unterschrift fälschte»

13.8.2019 - 15:09, jar

Admir Mehmedi spielt seit 2011 für die Schweizer Nati.
Bild: Keystone

In einem Interview verrät Admir Mehmedi, warum er einer Frau, die er kaum kannte, ein Haus gebaut hat. Ausserdem spricht der Nati-Stürmer über seine Kindheit in der Schweiz und die schönste Szene seiner Karriere.

Admir Mehmedi ist einer von vielen Spielern in der Schweizer Nati, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben. Der Wolfsburg-Angreifer war zwei Jahre alt, als er mit seinen Eltern aus Mazedonien in die Schweiz kam. In einem Interview mit dem deutschen Fussballmagazin «11 Freunde» erzählt Mehmedi, warum sein Vater vor über 30 Jahren entschieden hat, in die Schweiz zu kommen, obwohl es ihm in seiner Heimat als Direktor einer grossen Holzfirma nicht schlecht ging. «Der Antrieb war, dass wir Kinder in der Schweiz eine bessere Perspektive haben würden», sagt Mehmedi.

Im Tessin habe sich sein Vater dann vom Stallburschen über den Tellerwäscher zum Pizzabäcker hochgearbeitet. «Wir waren nicht arm. Wir hatten jeden Abend etwas zu Essen auf dem Tisch. Aber im Vergleich zu anderen Menschen in der Schweiz waren wir natürlich auch nicht reich», erzählt der 61-fache Nati-Spieler. «Wir wohnten zu viert in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. Sackgeld habe ich nie erhalten. Bekam mein Vater mal zwei Franken Trinkgeld, ging er davon Bananen oder Äpfel einkaufen. Die Verhältnisse waren limitiert.»

Ihm sei es stets wichtig gewesen, dass sein Sohn ein guter Schüler ist und nicht von anderen Dingen abgelenkt wird. Deshalb weigerte er sich auch, beim AC Bellinzona den Jahresbeitrag von 100 Franken für den kleinen Admir zu bezahlen. «Mein Bruder hat seine Unterschrift gefälscht, so dass ich trotzdem bei Bellinzona dabei sein konnte. Irgendwann kam dann die Rechnung bei uns zu Hause an. Er fand es nicht so lustig», erinnert sich Mehmedi. «Bis ich 15 Jahre alt war, wollte er nicht, dass ich spiele. Irgendwann hat er aber zum Glück eingesehen, dass es für mich Sinn ergibt, Energie in meine Fussballkarriere zu investieren.»

«In der Schweiz ist quasi alles perfekt»

Trotz dem Profi-Debüt beim FC Zürich mit nur 17 Jahren versprach Mehmedi seinem Vater, seine vierjährige kaufmännische Lehre abzuschliessen. Versprechen einzuhalten waren dem Fussballer immer wichtig: Mehmedi erinnert sich an eine Geschichte aus seinem neunten Lebensjahr, als er in Gostivar – seinem Geburtsort – bei einer älteren Frau zu Besuch war, deren Haus einer Notunterkunft glich. «Es war extrem ärmlich. So etwas hatte ich in der Schweiz noch nie gesehen. Ich sagte ihr, dass ich ihr ein Haus bauen werde, sollte ich eines Tages Fussballer werden.» Jahre später habe er sich an dieses Versprechen erinnert, «mein Vater hat sich dann auch um alles gekümmert und den Hausbau in die Wege geleitet».

Mehmedi hat nicht vergessen, wo seine Wurzeln sind. Jedes Jahr versucht er, seine Verwandten in Mazedonien zu besuchen. Dennoch sieht er seine Heimat in der Schweiz, fremd habe er sich hier nie gefühlt. «In der Schweiz ist multikulti normal. Ich habe mich nie als Aussenseiter gefühlt, war voll integriert.»

Mehmedi: «Ich habe gegen Lionel Messi im WM-Achtelfinal 2014 eine Pirouette gemacht»
Bild: Getty

Beim FC Zürich wurde er zum Profi, bevor es Mehmedi im Alter von 20 Jahren ins Ausland zog. Nicht nach Deutschland oder Italien, sondern in die Ukraine zu Dynamo Kiew, wo er es schwer hatte und kaum zum Zuge kam. «Man weiss nach einer schweren Zeit noch mehr zu schätzen, was man an seiner Heimat hat. Gerade, wenn man wie ich in der Schweiz aufgewachsen ist, wo quasi alles perfekt ist», sagt er. 

Trotz allem bereut er seinen Schritt nach Kiew nicht. Auch, weil er da mit dem Idol seiner Kindheit zusammenspielen konnte: Andrij Schewtschenko. «Ich war AC-Milan-Fan, früher war das mein absoluter Traumklub. Mit ihm habe ich aber nicht auf dicke Kumpels gemacht. Ich hatte Respekt. Aber geil war es natürlich trotzdem.»

Der Karrierehöhepunkt: Die Pirouette gegen Messi

Nach anderthalb Jahren in Kiew landete er dann beim SC Freiburg, wo er seine Karriere neu lancieren konnte. Über Leverkusen zog es Mehmedi Anfang 2018 schliesslich zu Wolfsburg, wo er sich in der vergangenen Saison unter Bruno Labbadia zum Stammspieler entwickeln konnte. Mehmedi hofft, dass er auch in der neuen Saison unter dem neuen Trainer Oliver Glasner eine wichtige Rolle spielen wird.

Der Schweizer hat ein gutes Gefühl, da er in der Vorbereitung herausspüren konnte, dass der Trainer Offensivfussball spielen lassen will. Mehmedi mag den attraktiven Fussball: «Ich schiesse lieber ein aussergewöhnliches Tor als zwei 'normale'. Ich spiele lieber einen schönen Pass, der zum Tor führt, als den Ball über die Linie zu grätschen.» Deshalb denkt Mehmedi, wenn er über die schönste Szene seiner Karriere spricht, auch nicht an ein Traumtor: «Ich habe gegen Lionel Messi im WM-Achtelfinal 2014 eine Pirouette gemacht – und ihn dabei ins Leere laufen lassen!»

Zurück zur StartseiteZurück zum Sport

Weitere Artikel