England

Liverpool und ManUnited wollen Premier League verändern – und drohen mit Ausstieg?

tbz

12.10.2020

Haben die Traditionsklubs in England bald das Sagen?
Bild: Keystone

Der FC Liverpool und Manchester United planen grosse Veränderungen im englischen Fussball. Unter anderem sollen Auswärtstickets maximal 20 Pfund kosten und unterklassige Teams mehr vom TV-Kuchen profitieren. Aber die Sache hat einen Haken.

Der «Daily Telegraph» veröffentlichte am Sonntag Teile eines 18-seitigen Dokuments, das die Premier League grundlegend verändern soll. Drei Jahre lang sollen der FC Liverpool und Manchester United bereits am gemeinsamen Projekt, in das auch der FC Chelsea involviert sei, arbeiten. Die restlichen Topteams seien erst kürzlich informiert worden.

Um was geht es?

«Project Big Picture»

Durch die Coronakrise droht in den tieferen englischen Ligen etlichen Vereinen der Bankrott. Diesen Klubs will die britische Regierung mit einem Hilfspaket von 100 Millionen Pfund unter die Arme greifen. Aus Sicht der Betroffenen ist das viel zu wenig, sie verlangen 250 Millionen.

Dieses Geld wollen der FC Liverpool und Manchester United den unterklassigen Vereinen auf Kosten der Premier-League-Teams zukommen lassen. Die beiden Traditionsklubs schlagen eine Regeländerung vor, die vorsieht, dass anstatt der bisherigen 92 Prozent der TV-Einnahmen neu nur noch 75 Prozent unter den Premier-League-Teams verteilt werden. Die restlichen 25 Prozent sollen den unteren Ligen, dem Frauenfussball und dem Nationalverband (FA) zur Verfügung gestellt werden.

Diese Gelder sollen nicht nur helfen, die Coronakrise zu überwinden, sie sollen die finanziellen Probleme in den unteren Ligen langfristig lösen. Daher auch der Name des Projekts «Big Picture» (zu Deutsch: «Gesamtbild»).

Ein Foto mit dem Lieblingsmitarbeiter? Joel (mittig) und Avram Glazer posieren mit Manchester-United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer (links). Die Besitzer der «Red Devils» gelten als Vorreiter beim «Project Big Picture».
Bild: Getty

Selbst Fussballfans sollen profitieren. Die Idee sieht nämlich vor, dass ein Auswärtsticket in England künftig nicht mehr als 20 Pfund kosten darf. Zudem sollen Fan-Reisen an Auswärtsspiele subventioniert werden. Darüber hinaus wollen Liverpool und ManUnited mit dem Projekt auch Bemühungen für die Rückkehr von Stehplätzen in englischen Stadien intensivieren.

Ab der Saison 2022/23 sollen im Übrigen nur noch 18 statt der bisherigen 20 Mannschaften in der obersten englischen Spielklasse antreten. Auch der von den meisten Teams vernachlässigte «League Cup» oder «Carabao Cup» soll zusammen mit dem «Community Shield» (englischer Supercup) gestrichen werden. Damit könnte der hoffnungslos überfüllte Spielkalender endlich entlastet und das Verletzungsrisiko der Spieler gesenkt werden.

Wo ist der Haken?

Das hört sich alles zu schön an, um wahr zu sein. Und selbstverständlich hat auch «Project Big Picture» einen Haken. Im Gegenzug verlangen Liverpool und ManUnited nämlich exklusive Rechte bei Abstimmungen. Aktuell müssen bei Regeländerungen oder Vorschlägen wie diesem immer 14 der 20 Premier-League-Klubs ihre Zustimmung geben. Das soll sich drastisch ändern.

Neu dürften nur noch neun Vereine abstimmen. Dabei soll es sich um die Mannschaften handeln, die zu gegebenem Zeitpunkt am längsten in der Premier League vertreten sind. Dazu gehören aktuell die Top 6, bestehend aus Liverpool, ManUnited, ManCity, Chelsea, Arsenal und Tottenham, sowie Southampton, West Ham United und Everton.

Eine Zweidrittelmehrheit, also die Zusage von sechs Vereinen, würde neu reichen, um Regeländerungen oder die Umverteilung von TV-Geldern zu bestimmen. Diese Klubs hätten auch ein exklusives Veto-Recht bei Übernahmen von Premier-League-Klubs durch neue Geldgeber oder bei der Besetzung der CEO-Position der Premier League. Das sind einschneidende Massnahmen.

John W. Henry führte den FC Liverpool zurück an die Spitze. Nun will er die Premier League verändern.
Bild: Getty

Drohen Topteams bald mit Ausstieg?

Der noch nicht offiziell eingereichte Vorschlag wird in England zurzeit heftig debattiert. Unterstützt wird die Idee von Liverpool, Manchester United und Chelsea sowie einem Grossteil der unterklassigen Fussballklubs. Die Meinung der restlichen Topteams in England ist unklar, vor allem die vom Abstieg bedrohten Klubs aus der obersten Spielklasse sollen aufgrund der Begrenzung auf 18 Mannschaften gegen die Anpassungen sein. Auch die Premier League selbst stellt sich klar gegen «Project Big Picture», genauso wie die britische Regierung. EFL-Ligaverbandschef Rick Parry hingegen unterstützt den Vorschlag.

Entscheidend wird sein, wie der englische Fussballverband (FA) zum Vorschlag steht. Der Verband äusserte sich bisher aber nicht zum Thema. Laut Informationen des «Athletic» wollen die Topteams «Project Big Picture» aber unbedingt durchboxen. Als mögliches Druckmittel bietet sich ihnen ein Ausstieg aus der Premier League an. Wie der Ligaverband EFL bereits inoffiziell mitteilte, wäre man bereit, die Topklubs bei sich aufzunehmen, was wohl die Gründung einer neuen Liga zur Folge hätte.

Anderenfalls könnten sich Klubs wie Liverpool oder ManUnited auch bei der UEFA dafür einsetzen, künftig Spiele von europäischen Wettbewerben an Wochenenden durchzuführen, was die Attraktivität und den Profit der Premier League beeinträchtigen würde.

Am nächsten Wochenende soll eine Krisensitzung stattfinden.

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