Karriere hing am seidenen Faden

Mayer ist mehr als nur ein normaler Olympiasieger

sda

8.2.2022 - 18:01

Matthias Mayer ist nicht nur ein erfolgreicher Skirennfahrer, sondern auch ein ungewöhnlicher Mensch.
Keystone

Matthias Mayer ist kein gewöhnlicher Olympiasieger. Der Gutmensch sieht nicht nur den sportlichen Erfolg als Sinn seines Lebens.

sda

8.2.2022 - 18:01

Der nunmehr dreifache Olympiasieger Matthias Mayer ist kein Mann der lauten Worte. Er wirkt introvertiert, fast scheu. Dabei hätte er viel zu erzählen aus seinem Leben, in dem zur Zeit selbstredend der Skisport im Mittelpunkt steht, das für ihn aber mehr zum Inhalt hat als die Blocherei auf den Rennstrecken dieser Welt.

An diesem Dienstag, nach seinem Sieg im Super-G, erzählt Mayer vorab von seinen Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in China. Er berichtet von der Tüftelei im Materialbereich, die ihm geholfen hat, für die besonderen Verhältnisse mit tiefen Temperaturen und aggressivem Schnee gewappnet zu sein.

Er erwähnt ein neues Skischuhmodell, das er mit Hilfe der Techniker seines Ausrüsters speziell für die Rennen in Yanqing entwickelt und das er während der Nordamerika-Tournee zu Beginn des Winters bei ähnlichen äusseren Bedingungen getestet hat.

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Fahrt für die Geschichtsbücher

«Das hat hier sehr gut funktioniert», sagte Mayer in typisch prägnanter Art. Die umfangreiche Vorbereitung war zusammen mit einer riskanten Fahrt am Limit die Basis zu einem Erfolg, mit dem er sich einen weiteren Eintrag in die Geschichtsbücher sicherte.

An drei Spielen Olympiasieger zu werden hatte vor ihm bei den alpinen Männern noch keiner geschafft. Vor acht Jahren in Sotschi holte er Gold in der Abfahrt, vor vier Jahren in Pyeongchang ebenfalls im Super-G. Gelungen war die Triplette als Einziger zuvor Deborah Compagnoni. Die Italienerin gewann 1992 den Super-G sowie 1994 und 1998 den Riesenslalom.

Keine WM-Medaille, keine Kugel

Mayers drei Olympiasiege sind die pure Diskrepanz zu seiner Ausbeute an Weltmeisterschaften. Er wartet auch nach fünf Teilnahmen und 14 Starts noch auf seine erste Medaille. Auch eine Kristallkugel für den Gewinn eines Disziplinen-Weltcups hat er noch nicht in seinem Besitz. Woher dieses Missverhältnis kommt, weiss er nicht. Gross darüber nachdenken mag er nicht. Er nimmt es als gegeben hin. «Es ist halt so.»

Es ist auch so, dass nicht viel gefehlt hat und es den Olympiasieger Matthias Mayer nie gegeben hätte. Anderthalb Jahre vor seinem ersten Triumph unter den fünf Ringen war er an reaktiver Arthritis erkrankt, einer Gelenkentzündung als Folge einer bakteriellen Infektion. Die Ärzte hatten als möglichen Auslöser eine Lebensmittelvergiftung ausgemacht. Während des Sommers war an ein Training nicht zu denken, im Herbst verbrachte Mayer vier Wochen im Spital.

Ärzte rieten zum Aufhören

Mayer war völlig kraftlos. Selbst das Gehen fiel ihm schwer, zeitweise sass er im Rollstuhl. In die Müdigkeit mischte sich Appetitlosigkeit. Der Gewichtsverlust war frappant. Mayer magerte um 15 Kilos ab. Die Ärzte rieten ihm, mit dem Spitzensport aufzuhören. Damit war die Talsohle aber erreicht. Mayer verzichtete auf die Einnahme von Medikamenten und begann sich zu erholen. Im November konnte er das Training auf Ski wieder aufnehmen.

Drei Jahre danach folgte der nächste Rückschlag. Mayer zog sich bei einem schweren Sturz in der Weltcup-Abfahrt in Gröden komplizierte Frakturen am sechsten und siebten Brustwirbel zu. Noch schlimmere Folgen verhinderte der damals noch umstrittene Airbag, den der Kärtner als einer der ersten Fahrer trug. Trotz schnellstmöglich vorgenommener Operation war die Saison für ihn vorzeitig zu Ende.

Halt im Glauben

In den schwierigen Zeiten fand Mayer Halt in seinem Glauben. Als Christ handelt er ganz im Sinne seiner tief religiösen Mutter Margret, zu der er eine innige Bindung hat. Weniger gut steht es um das Verhältnis zu Vater Helmut. Die Bezugspunkte zum früheren Spitzenfahrer, der an den Olympischen Spielen 1988 im Super-G und an der Weltmeisterschaft 1989 im Riesenslalom Silber holte, sollen mittlerweile gegen null tendieren.

Teil des Glaubens ist für Matthias Mayer die Hilfsbereitschaft. Geholfen hat er unter anderem vor sieben Jahren zwei Flüchtlingsfamilien aus dem Irak. «Das war für die Betroffenen eine Ausnahmesituation. Wir besorgten ihnen eine Unterkunft und zeigten ihnen auf, wie das Leben in unserem Land abläuft.» Mittlerweile lebt die eine Familie selbstständig in Österreich und ist die andere wieder in die Heimat zurückgekehrt.

Matthias Mayer erzählt von seinem humanitären Tun in gewohnt dezentem Ton. Laute Worte findet er auch hier nicht angebracht.

sda