Mit Gedanken-Management zu Gold – Nina Christens Weg auf den Olympia-Thron

Richard Stoffel

1.8.2021

Sportschützin Nina Christen krönt sich am Samstag zur Olympiasiegerin.
Bild: KEYSTONE

Olympiasiegerin Nina Christen spricht mit blue Sport darüber, was ihr in den entscheidenden Momenten in Tokio durch den Kopf gegangen ist und weshalb enorme Disziplin die Basis des Erfolgs ist.

Richard Stoffel

1.8.2021

«Ob wir wollen oder nicht, unser Gehirn macht sich ständig Gedanken», sagt Olympia-Gold- und Bronzemedaillengewinnerin Nina Christen. Die 27-jährige Sportschützin hat die anforderungsreiche Kopflastigkeit ihrer Sportart im Laufe der Jahre besser in den Griff bekommen, wie sie im Gespräch gegenüber «blue news» einen Tag nach ihrem Triumph Kleinkaliber-Dreistellungsmatch ausführt.

Eine vollständige Kontrolle der Gedankenwelt werde es aber nie geben. Immer wieder sieht sich Christen in ihrer Präzisions-Sportart mit nicht immer hilfreichen Bildern in ihrem Kopf konfrontiert. Längst hat die Nidwaldnerin ihren eigenen Umgang im Gedanken-Management entwickelt, unabhängig von den herkömmlichen Mentaltrainings- oder Visualisierungs-Techniken von Experten. Ein Abschweifen nach einer Schussabgabe kann sinnvoll oder sogar gefordert sein, um den Fokus für den nächsten Schuss aufzubauen.



«Unglaubliche Aufmerksamkeit»

Enorme Disziplin bei der Beachtung der kleinsten Details bilden die Basis des Erfolges. Doch kurzzeitige Zerstreuung kann helfen, um diese «unglaubliche Aufmerksamkeit» immer wieder neu zu justieren. Und dadurch im optimalsten Moment die Schussabgabe vollziehen zu können.

Eine Schweizer Olympia-Rekordmarke gesetzt
Keystone

Nina Christen ist die erste Schweizer Einzelsportlerin, die bei bei den gleichen Olympischen Sommerspielen in Einzeldisziplinen zwei Medaillen gewinnen konnte. Bei den Männern schaffte dies einzig Radfahrer Fabian Cancelloara 2008 in Peking mit Gold im Zeitfahren und Silber im Strassenrennen. Christen liess in Tokio auf Bronze über 10 m mit dem Luftgewehr liess am Samstag Gold im Kleinkaliber-Dreistellungsmatch über 50 m folgen.

Christen fand in den letzten Jahren zu einer gewissen Form der Gelassenheit und dadurch zu einer hohen Konstanz. Doch gleich schränkt sie ein: «Noch heute können Gedanken auch bei mir die Leistung bei einem Wettkampf negativ beeinträchtigen. Das passiert nach wie vor.»

Was geht dann Christen zwischen den Schussabgaben durch den Kopf? Beispielsweise überdenkt sie den Entscheid, inwiefern sie die Windrichtung bei der Zielausrichtung einberechnet hat. Ob der Atem stimmt oder das Ringkorn optimal eingestellt ist. Christen: «Es können aber auch plötzlich Selbstzweifel aufkommen, die Angst vorm Versagen. Eine private Angelegenheit wie ein Streit mit der Grossmutter kann natürlich hochkommen.»

Zulassen, akzeptieren oder ausblenden. Ihr eigenes Gedanken-Management ist dann gefordert. Eine Woche nach dem Gewinn der Olympia-Bronzemedaille mit dem Luftgewehr dachte Christen während der Qualifikation im Kleinkaliber-Dreistellungsmatch am Samstag beispielsweise daran, dass sie nach der Rückkehr wohl viele Interviews geben muss oder was nun alles im laufenden Wettkampf passieren könnte.

Interviews werden es nun noch mehr sein, wenn Christen am Montag in die Schweiz zurückkehrt und ihr später in Wolfenschiessen ein wohl überwältigender Empfang bereitet wird.

Nina Christen ballt die Faust. Die 27-Jährige fährt mit zwei Medaillen zurück nach Hause.
Bild: Keystone

Paris 2024 im Visier

Auf ihrem Weg zum Olympiasieg war es für sie aber auch für Ablenkung empfänglich, um ein Maximum an Konzentration überhaupt erst aufzubauen. Für den Final «hatte ich Nichts zu verlieren.» So ersetzte die Zeitmiliärspitzensportlerin für den Kampf um die Medaillen auch kurzzeitig ohne Nebengeräusche ihren Trainer, Enrico Friedemann, der sie natürlich auch im kommenden Olympia-Zyklus weiter coachen wird.

Daniel Burger, Chef Leistungssport bei Swiss Shooting, lieferte neue beziehungsweise andere Inputs. Und der kommunikative, gesellige Burger führte bei Christen dadurch vor Finalbeginn auf Anhieb eine Art der «positiven Zerstreuung» herbei. Gold mit Olympischem Rekord war die Folge.

Schon vor fünf Jahren in Rio hatte Christen im Dreistellungsmatch beinahe eine Olympia-Medaille geholt. Sie befand sich in ihrer Parade-Disziplin im Final mit den Top 8 zum Auftakt nach dem Kniend-Schiessen gar auf Gold-Kurs. Dann fiel sie in der ersten von drei Serien des Liegend-Schiessens auf Rang 4 zurück. Den zweiten Cut des abschliessenden Stehend-Schiessens überstand sie als Sechste nicht mehr. «Dass ich damals mit 22 und mit noch im Vergleich zu heute deutlich weniger Training und Erfahrung so weit kommen konnte, war bereits unglaublich», meint Christen rückblickend.

Die Nidwaldnerin möchte nun auf jeden Fall noch ein drittes Mal bei Olympia dabei sein und will bis Paris 2024 weitermachen. Was darüber hinaus geht, lässt sie offen. Aktuell geniesst sie noch für einige Stunden das Athleten-Flair im olympischen Dorf und die Reaktionen auf Ihre zwei Olympia-Medaillen. Sportminister Guy Parmelin gratulierte ihr zweimal per Telefon und liess sich auch im Schiessstand blicken. Seit Samstag erhielt Christen so viele Textnachrichten, «für die ich wohl zwei Wochen benötigen werde, um alle zu beantworten.»