Lehmann: «Das ist Willkür und öffnet alle Türen für Sonderwünsche»

Von Luca Betschart

13.1.2022

Vincent Kriechmayr fuhrt am Donnerstag im Super G am Lauberhorn auf den 9. Platz.
Vincent Kriechmayr fuhr am Donnerstag im Super G am Lauberhorn auf den 9. Platz.
Bild: Keystone

Die Regel ist eigentlich klar: Keine Starterlaubnis zur Lauberhorn-Abfahrt ohne Training. Dank einem Jury-Entscheid gilt das für Vincent Kriechmayr in diesem Jahr nur bedingt. Die gemachte Ausnahme sorgt im Ski-Zirkus für Diskussionen.

Von Luca Betschart

13.1.2022

Weil Vincent Kriechmayr von den österreichischen Behörden nach einem positiven Corona-Test nicht vorzeitig von der Quarantänepflicht befreit wird, kommt er erst am späten Mittwochabend in Wengen an und verpasst beide Abfahrttrainings am Lauberhorn. Das Reglement sieht eigentlich vor, dass ein Fahrer nur zu einer Abfahrt starten darf, wenn er zuvor mindestens ein Training absolvierte. Für den Lauberhorn-Sieger von 2019 allerdings drückt man in diesem Jahr beide Augen zu.

Eine vierköpfige Jury der FIS entscheidet am Donnerstag, Kriechmayr den Start für die beiden Abfahrten von Freitag und Samstag mit einer Sondergenehmigung trotzdem zu ermöglichen. Der 30-Jährige muss am Freitag vor der Besichtigung aus dem Starthaus fahren, darf aber sofort abschwingen. Das reicht der FIS für eine Starterlaubnis.

Renndirektor Markus Waldner begründet, es gebe keine Regel, wonach ein Athlet volle Trainingsläufe hinter sich bringen müsse. Er müsse nur auf der Liste stehen und aus dem Starthaus fahren, dann könne er den Lauf sofort abbrechen. Nur: Das müsste in einem offiziellen Training, das es am Freitag nicht mehr gibt, geschehen.



Unverständnis im Schweizer Lager

«Wir haben nicht so entschieden, weil es Herr Kriechmayr ist, der ein Weltmeister ist und hier gewonnen hat. Wir würden für jeden Fahrer so entscheiden, weil wir in sehr komplizierten Covid-Pandemie-Zeiten leben», verteidigt Waldner den Entscheid. «Wir wollen vermeiden, dass ein Fahrer nicht starten kann wegen dieses verdammten Covid.»

ÖSV-Rennsportleiter Andreas Pulacher vertritt eine ähnliche Ansicht: «Die FIS hat für den Sport entschieden und für den Athleten. So etwas kann jetzt permanent passieren.»

Nicht ganz so gut kommt die Ausnahmeregelung bei der Konkurrenz an, insbesondere im Schweizer Lager. «Grundsätzlich müssen wir die Entscheidungen der Jury akzeptieren. Aber es ist für die Zukunft gefährlich, wenn Reglemente einfach so verändert werden», sagt der Schweizer Männerchef Tom Stauffer gemäss dem «Tages-Anzeiger». Wie auch der Teamleiter der Franzosen legt Stauffer Protest ein und deponiert die dafür geforderten 100 Franken, nachdem Waldner die Nationen an der Mannschaftsführersitzung über den Entscheid informierte.

«Dieser Entscheid ist nicht in Ordnung»

Noch deutlicher wird Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski: «Das ist Willkür und öffnet alle Türen für weitere Sonderwünsche. Dieser Entscheid ist absolut nicht in Ordnung.» Zumal es auch im Schweizer Team mit Yannick Chabloz einen Fahrer gibt, der die Abfahrt verpasst, weil er es nicht rechtzeitig aus der Quarantäne schafft. «Hätten wir ihn auch einfach pro forma auf der Trainingsstartliste lassen und auf eine Ausnahme hoffen sollen?», so Alpinchef Walter Reusser.

Urs Lehmann (links) und Walter Reusser (rechts), hier vor zwei Jahren im Wengener Zielraum, sind nicht einverstanden mit dem Entscheid der FIS.
Urs Lehmann (links) und Walter Reusser (rechts), hier vor zwei Jahren im Wengener Zielraum, sind nicht einverstanden mit dem Entscheid der FIS.
Bild: Keystone

Bei Kriechmayrs direkter Konkurrenz stösst man auf gemischte Reaktionen. «Ich fände es gut, wenn Vincent die Abfahrten bestreiten darf. Wichtig ist einfach, dass Regeln für alle gelten. Also wenn jetzt eine Ausnahme für ihn gemacht wird, dann muss auch eine solche gemacht werden, wenn es das nächste Mal nicht um einen Favoriten geht», sagt etwa Überflieger Marco Odermatt im Interview mit ORF.

Alexis Pinturault dagegen äussert sich auf Twitter weniger erfreut und kommentiert: «Wie weit es in diesem Jahr mit der Absurdität, dem Dilettantismus und so weiter noch gehen wird.»