Ski-Ass Shiffrin überwältigt nach Comeback: «Wie der erste Sieg»

dpa/jar

22.11.2020 - 15:39

epa08835648 Mikaela Shiffrin of the United States reacts in the finish area after the second run of the Women's Slalom race at the FIS Alpine Skiing World Cup in Levi, Finland, 22 November 2020. EPA/KIMMO BRANDT
Mikaela Shiffrin meldet sich eindrücklich zurück.
Bild: Keystone

Jahrelang war Mikaela Shiffrin die mit Abstand beste Slalomfahrerin der Welt. Dann aber erlitt die Amerikanerin einen schweren Schicksalsschlag und bestritt lange kein Rennen mehr. Nun kehrt sie zurück und erlebt in Finnland zwei Ausnahme-Tage.

Mikaela Shiffrin weiss nicht wohin mit all ihren Gefühlen. Mal schiessen der besten Skirennfahrerin der Welt Tränen in die Augen, dann muss sie wieder lachen. So einen Weltcup hat die Amerikanerin noch nie erlebt – und so hat sie einen zweiten Platz noch nie gefeiert. «Das war ein ganz spezieller Tag», sagte Shiffrin nach dem Slalom von Levi am Samstag, bei dem sie nach fast zehn Monaten Rennpause wegen des Unfalltodes ihres Vaters ein Comeback gegeben hatte. «Es hat sich angefühlt wie mein erster Sieg.»

Wer Shiffrins alpines Renn-Wochenende in Lappland anhand der nackten Zahlen analysiert, der sieht: Im ersten Slalom fehlen ihr als Zweitplatzierte 0,18 Sekunden auf Siegerin Petra Vlhova. Beim zweiten Erfolg der Slowakin am Sonntag verpasst die sichtlich erschöpfte 25-Jährige dann als Fünfte (+0,93) das Siegerpodest. Michelle Gisin wird hervorragende Zweite, der dritte Rang geht an die Österreicherin Katharina Liensberger.



Ergebnisse und Statistiken aber spielen für Shiffrin bei ihrem Trip an den finnischen Polarkreis kaum eine Rolle. Nach 300 Tagen Rennpause wegen des Todes ihres Vaters im Februar, des abrupten Endes der Saison in der Corona-Pandemie und zuletzt einer Rückenblessur ist der Start in Levi vor allem ein emotionaler Erfolg für sie. «Ich habe so viel Glück gespürt beim Skifahren», berichtet Shiffrin. «Diesen zweiten Platz geniesse ich mehr als je zuvor. Natürlich kann ich schneller fahren. Aber ich hatte Spass.»

Schmerzhafte Erinnerung zwischen den Läufen

Shiffrin ist fünfmalige Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin, mit 66 Siegen fehlt ihr nur noch einer zum jahrelangen Dominator Marcel Hirscher auf Platz drei der ewigen Weltcup-Bestenliste. Ihre Erfolge fuhr sie oft beeindruckend cool und souverän ein, auch weil ihr Mutter Eileen als Betreuerin an der Strecke und Vater Jeff als Organisator und Ruhepol daheim in den USA den Rücken frei hielten.

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Früher schickte Jeff seiner Tochter zwischen zwei Durchgängen oft Nachrichten aufs Handy – in Levi wartete Mikaela Shiffrin vergeblich auf eine SMS ihres Dads. Das war dann ein Moment, in dem Freude und Zufriedenheit verdrängt wurden von den schmerzhaften Erinnerungen. «Eigentlich wollte ich nicht so emotional sein», stammelt die dreimalige Gesamtweltcupsiegerin vor dem ARD-Mikrofon und rückt etwas verlegen ihren Schal über Mund und Nase zurecht.

Die Amerikanerin will in diesem Winter lernen, den Schicksalsschlag weiter zu verarbeiten und zugleich schnell Ski zu fahren. Natürlich sei sie «unglaublich wütend», weil ihr Vater gestorben sei und «wie allein ich mich manchmal fühle», sagte sie dieser Tage. Zugleich aber hofft sie: «Wenn man es durch eine so schwere Tragödie geschafft hat, dann sind manche Dinge in deinem Leben ein bisschen besser sortiert.»

Nach ihrem Podestcoup vom Samstag zeigt Shiffrin am Sonntag ein verhalteneres Rennen, sie scheint kraftloser zu sein als tags zuvor, womöglich etwas ausgelaugt von dem emotionalen ersten Wettkampf. Die Dauerrivalin Vlhova untermauert derweil ihren Anspruch, Shiffrin als beste Technikerin und Gesamtweltcupsiegerin im Weltcup abzulösen. Aber: «Shiffrin hat noch unfassbar viel Potenzial. Sie hat noch lange nicht gezeigt, was sie kann», urteilt TV-Experte Felix Neureuther.

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