Er warf dem Schiri einst eine Münze hin und verriet, dass er Federer hasste: Das ist Djokovic-Bezwinger Daniil Medvedev

Von Jan Arnet

13.9.2021

Daniil Medvedev gewinnt in New York seinen ersten Grand-Slam-Titel.
Bild: KEYSTONE

Er ist immer wieder für einen Eklat gut und sagte einst, dass er Roger Federer hasste. Jetzt feiert Daniil Medvedev mit dem Gewinn der US Open seinen grössten Sieg – und bleibt dabei eiskalt.

Von Jan Arnet

13.9.2021

Im Moment des grössten Erfolgs zeigen Tennisspieler oft die grössten Emotionen, sinken zu Boden, strecken die Hände in die Höhe, werfen ihr Racket aus den Händen oder beginnen einfach zu weinen. Daniil Medvedev ist anders: Nach seinem verwerteten Matchball gegen Novak Djokovic setzt er zu einer Showeinlage an. Er springt seitwärts zu Boden und bleibt mit starr geöffnetem Mund liegen. «Ich spiele gerne FIFA. Ich spiele gerne Playstation. Das nennt sich Toter-Fisch-Jubel», erklärte der Tennisprofi am Sonntag.



Nach seinem bisher grössten Triumph an den ATP Finals im letzten Jahr war der Russe nach dem Sieg noch seelenruhig ans Netz geschlendert und meinte danach: «Ich feiere meine Siege nicht, das ist einfach mein Ding.» Dies habe er nach den US Open 2019 entschieden. Warum gerade dann? Weil er sich da einen seiner vielen Eklats leistete: Nachdem er einem Ballkind das Handtuch aus der Hand riss, erntete er laute Buhrufe der Zuschauer. Medvedevs Reaktion: Er tippte sich mit dem Mittelfinger an die Stirn – und brachte das Publikum damit erst recht auf die Palme. Nach der gewonnenen Partie dankte er dann beim Platzinterview den Zuschauern, die ihm erst die Energie für den Sieg geschenkt hatten.

Es ist eine von vielen Anekdoten, auf die Medvedev eines Tages nach seinem Karriereende zurückblicken kann. Doch bis dahin werden noch viele Jahre vergehen. Schnell vergisst man, dass der frischgebackene US-Open-Sieger erst 25 Jahre alt ist. 

In den letzten Jahren mauserte er sich zu einem ernsthaften Widersacher für die «Big 3». Ob Dominic Thiem, Alexander Zverev oder Stefanos Tsitsipas – von vielen Spielern wurde schon behauptet, sie könnten die Tennis-Tour eines Tages dominieren. Daniil Medvedev hat das Zeug zweifelsohne auch dazu. Der 1,98-Meter-Hüne ist durch seine exzentrische Art ohnehin eine Bereicherung für die Weltelite. Folgende Anekdoten und Zitate dürften das belegen:

Das «hässliche» Spiel

«Sein Spielstil ist ziemlich verrückt», sagte Stefanos Tsitsipas einst über Medvedev. «Das meine ich nicht negativ. Er macht es dir auf dem Platz einfach ungemütlich. Er spielt schlampig – aber in einem positiven Sinne.» Was der Grieche meinte: Es sieht ziemlich unorthodox aus, wenn Medvedev seine schlaksigen Arme wie einen Golfschläger schwingt und den Ball so übers Netz befördert. «50 Prozent der Spieler sagen, dass mein Spiel hässlich ist, die anderen sagen, mein Spiel sei lustig», sagt der Russe mit einer gewissen Selbstironie. «Manchmal sehe ich mir Videos von meinen Spielen an und denke mir nur: ‹Was mache ich da bloss?›»

Die kurze Zündschnur

Trotz seines aktuellen Erfolgs ist die Weltnummer 2 eher ein Badboy als ein Publikumsliebling. Das liegt daran, dass Medvedev auf dem Court immer wieder ausrastet. Im April 2016 etwa wurde er bei einem Turnier in Savannah disqualifiziert, weil er dem Schiedsrichter vorwarf, er helfe seinem Kontrahenten, da beide schwarz wären. Legendär ist sein Münzwurf von Wimbledon 2017: Nach seiner Niederlage in der zweiten Runde warf Medvedev dem Schiedsrichter Münzen vor den Stuhl, um so Bestechung zu suggerieren. Der Russe musste darauf eine Busse von 14'500 Dollar bezahlen.

Mevedevs «unsportliche Almosen»

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Daniil Medvedev zeigt seine Unmut über den Schiedsrichter, indem er diesen mit Münzen bewirft.

05.07.2017

Im März 2018 wollte Medvedev trotz Sieg gegen Tsitsipas nach dem Spiel auf seinen Kontrahenten losgehen, weil der Grieche ihn mit den Worten «Scheiss Russe» beleidigt haben soll. Der Schiedsrichter musste dazwischen gehen, um Handgreiflichkeiten zu verhindern. «Neben dem Platz bin ich eigentlich ein ruhiger Kerl und würde nie auf jemand sauer werden, egal, was er tut. Aber auf dem Platz werde ich sehr schnell wütend», sagte Medvedev danach. 

Im Januar des letzten Jahres leistete sich der 25-Jährige einen nächsten veritablen Eklat, als er sein Racket beim ATP Cup nach einem Disput mit dem Schiedsrichter gleich zweimal an dessen Stuhl hämmerte. Zuvor hatte er einen Doppelfehler seines Gegners Diego Schwartzman mit einem «C'mon» bejubelt, was den Argentinier erzürnte. «Er ist auf dem Platz sehr respektlos und macht Dinge, die er so nicht tun sollte», sagte Schwartzman nach dem Match.

Eklat beim ATP-Cup: Medvedev attackiert den Schiedsrichter

Eklat beim ATP-Cup: Medvedev attackiert den Schiedsrichter

Daniil Medvedev brennen beim ATP Cup (wieder einmal) die Sicherungen durch. Der junge Russe schlägt sein Racket gleich zweimal gegen den Schiedsrichterstuhl und sorgt so für einen veritablen Eklat.

09.01.2020

Der «Hass» gegen Federer

Dass Medvedev anders ist als die meisten Tennisprofis, zeigt auch seine Aussage, die er im Juni 2019 gegenüber der britischen Zeitung «Metro» tätigte. Da verriet er nämlich, dass er in jungen Jahren alles andere als ein Fan von Roger Federer war: «Ich hasste Roger. Ich konnte einfach nicht zusehen, wie er wieder und wieder gewann. Ich habe von der ersten Runde an für die anderen Spieler gejubelt, weil ich diese Einstellung hatte.»

Aber Medvedev hielt stets zu den Underdogs. «Auch als Barcelona im Fussball alles gewann, wollte ich unbedingt, dass sie verlieren.» Mittlerweile hat sich seine Sichtweise geändert. Federer, wie auch Nadal und Djokovic, bewundere er nun: «Sie sind in ihrem Alter unserer Generation immer noch voraus, sie haben etwas Spezielles. Höhen und Tiefen, die ein normaler Tennisspieler hat, scheint es bei ihnen nicht zu geben. Sie sind immer bereit.»

Wer von ihnen der beste Spieler ist, daraus macht Medvedev nach dem Sieg in New York kein Geheimnis. Im Siegerinterview lobt der Russe seinen Kontrahenten Djokovic und bezeichnet diesen offiziell als «besten Tennisspieler der Geschichte» – ein Titel, den viele Fans mit Roger Federer in Verbindung bringen.

Die Angst vor der Ehe

Aufsehen erregte auch ein Interview mit «Tennis World», in dem Medvedev im Oktober 2018 sagte, dass er Angst davor hatte, zu heiraten. «Ich dachte, die Ehe macht mich zu einem schlechteren Spieler», meinte er. Seine Daria erhielt dann aber doch noch einen Heiratsantrag – und seit der Eheschliessung im September des letzten Jahres ging es mit der Karriere Medvedevs nur noch steil nach oben.

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12.09.18 ❤️💍

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Der Weltrekord

Medvedev mag mit seiner offenen Art und seinen Ausrastern nicht der grösste Sympathieträger der Tour sein, doch seine Qualitäten auf dem Platz sind unbestritten. Vor einem Jahr schaffte er in Stuttgart sogar etwas, was zuvor weder Federer noch Nadal, Djokovic oder sonst einem Spieler gelang: Er brachte gegen Lucas Pouille sein Aufschlagsspiel in 29 Sekunden (!) mit vier Assen durch.

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