Kritische Reaktionen auf Federers Südamerika-Tour – zu Recht?

Luca Betschart

19.11.2019 - 16:55

Wo Federer auch auftaucht, ist der Fan-Ansturm jeweils riesig.
Bild: Getty

Statt in die Ferien begibt sich Roger Federer gleich nach dem letzten Turnier der Saison auf Exhibition-Tour nach Südamerika. Während die Vorfreude vor Ort riesig ist, erntet der Schweizer in der Heimat Kritik. Zu Recht? Ein Kommentar.

Mit der Niederlage im Halbfinal der ATP Finals gegen Stefanos Tsitsipas endet für Roger Federer am Samstag eine lange Saison. Eine wohlverdiente Pause gönnt sich der 38-Jährige deshalb aber (noch) nicht. Im Gegenteil: Ab dem 19. November will er in Santiago de Chile, Buenos Aires, Bogota, Mexico City und Quito zu zahlreichen Schaukämpfen antreten. Fünf Städte in fünf verschiedenen Ländern innert fünf Tagen – definitiv ein energieraubendes Programm. Der Zeitpunkt dazu scheint auf den ersten Blick nicht ideal.

Einerseits herrschen in Teilen dieser Regionen zurzeit heftige Unruhen und insbesondere Chile befindet sich seit rund einem Monat im Ausnahmezustand. «Mein Team ist in Kontakt mit allen Städten, die ich bereisen werde. Die Sicherheit muss natürlich gewährleistet sein», beruhigt Federer.

Andererseits überrascht, dass der ins hohe Tennisalter gekommene Schweizer über Kapazität für eine so intensive Woche mit diversen Showkämpfen verfügt. Während er bereits seit mehreren Jahren nicht mehr im Davis Cup für die Schweiz antritt und dies mit dem vollen Terminkalender begründet, ist er stattdessen im Laver Cup oder immer öfter an Exhibitions im Einsatz. Das wirft Fragen auf. Warum tut sich Federer das an? 

«Den Kragen nicht mit Kohle vollkriegen»

Aus reiner Geldgier? Immer wieder – oder gefühlt je länger, desto mehr – wird das in Kommentaren im Internet jedenfalls gemutmasst. Beispiele aus den Tiefen der Social-Media Kommentarspalten: «Der liebe, allerseits höchst umworbene Roger hat in diesem für ihn etwas enttäuschenden Jahr erst ungefähr 100 Millionen einkassiert, also höchstverständlich, dass er für die Weihnachtsgeschenke noch etwas dazu verdienen muss der Ärmste.» Ein anderer User schreibt: «Da reist man dekadent wahrscheinlich First Class durch Länder, deren Bevölkerung von Unruhen, Hunger und Armut geplagt wird, um ein bisschen mit Show aufzutreten. Gehts noch schlimmer? Nein, den Kragen mit Kohle nicht vollkriegen – das ist auch Federer.» Und ein anderer meint: «Geld regiert die Welt – und macht auch vor Federer keinen Halt.» 

Gewiss: Der vierfache Vater wird für die Tour durch Südamerika seinen Batzen verdienen. Als der Baselbieter 2012 Schaukämpfe in Brasilien, Kolumbien und Argentinien bestreitet, soll er mit 12 Millionen Dollar entschädigt worden sein. Seither dürfte sein Marktwert noch gestiegen sein. Dennoch ist die Erklärung, Federers Motivation beruhe einzig auf monetären Anreizen, zu einfach. Oder wie ist zu deuten, dass der Schweizer bereits im Februar die nächste Exhibition spielen und einen Zuschauer-Weltrekord aufstellen wird, der Erlös aber vollumfänglich in die Kassen seiner Stiftung fliesst? Da steckt mehr dahinter.

Die Leidenschaft für diesen Sport

«Ich hoffe, dort etwas Freude verbreiten und es gleichzeitig auch selbst geniessen zu können», beschreibt Federer dem «Blick» sein Motiv. Und ganz ehrlich: Wer könnte die Menschen besser für den Tennissport begeistern als der 20-fache Grand-Slam-Sieger höchstpersönlich?

Federers Leidenschaft für's Tennis ist ungebrochen. Selbst verdankt er diesem Sport alles, weshalb er etwas zurückgeben will. Das mag vielleicht romantisch klingen – aber nicht unrealistisch, wenn einer der ATP-Tour seit über 20 Jahren treu bleibt und noch immer nicht genug hat.

So oder so ist der stets motivierte Federer nicht nur für den Tennissport der perfekte Botschafter, sondern auch für die Schweiz. Besonders in Regionen, in denen Federer der einzige Schweizer ist, den man kennt. Wenn er sagt, die Schweiz eigne sich für einen Ferienaufenthalt, dürfte das mehr wert sein als eine millionenschwere Kampagne von Schweiz Tourismus. Es ist wertvolle Arbeit, die Federer seit Jahren auch für sein Heimatland höchstprofessionell verrichtet – die aber nicht von allen geschätzt wird.


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18.11.2019

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