Tennis-Eklats

Wenn die Nerven blank liegen: Die Spuckaffäre um Juan Ignacio Chela

Von Luca Betschart

29.4.2020

Juan Ignacio Chela (links) und Lleyton Hewitt lieferten sich an den Australian Open 2005 einen emotionalen Schlagabtausch.
Juan Ignacio Chela (links) und Lleyton Hewitt lieferten sich an den Australian Open 2005 einen emotionalen Schlagabtausch.
Bild: Getty

Meist bleibt es friedlich auf dem Tennisplatz, ab und an verlieren die Protagonisten ihre Beherrschung aber komplett. «Bluewin» erinnert sich an hitzige Momente. Heute: die Spuckaffäre um Juan Ignacio Chela.

Im Januar 2005 startet Lleyton Hewitt an den Australian Open in Melbourne einen nächsten Anlauf. Nachdem er im Vorjahr vom späteren Sieger Roger Federer gestoppt wird, will der Lokalmatador das Turnier bei seiner bereits neunten Teilnahme endlich gewinnen – als erster Einheimischer seit Mark Edmondson 1976.

Die Hoffnungen sind berechtigt. Hewitt, die amtierende Weltnummer 3, hat in seiner Karriere bis dahin zwei Grand-Slam-Turniere auf dem Konto (US Open 2001, Wimbledon 2002) und mit Australien im Davis-Cup triumphiert. Was ihm fehlt, ist der Titel beim heimischen Grand Slam.

Dementsprechend tritt Hewitt ab der ersten Runde auf. Entschlossen, aggressiv, provokativ – und auch mal an der Grenze zur Unsportlichkeit. Bereits in der zweiten Runde gegen den Amerikaner James Blake geht es emotional zu und her. Vom Publikum getragen, entscheidet Hewitt die Partie schliesslich in vier Sätzen für sich und schafft den Sprung in die dritte Runde, wo der Argentinier Juan Ignacio Chela auf ihn wartet.

Ein «Come on» zur Unzeit als Auslöser

Die Partie gegen den Argentinier ist zu Beginn äusserst umkämpft, bevor Hewitt im dritten Satz einen Gang zulegen und diesen 6:1 gewinnen kann. Mit der 2:1-Satzführung im Rücken drängt der Publikumsliebling im vierten Satz wild entschlossen auf die Entscheidung, als es zum Eklat kommt.

Im dritten Aufschlagsspiel von Chela geht der Australier mit 30:0 in Führung und schnuppert am Servicedurchbruch, als ihm der Argentinier mit einem einfachen Fehler am Netz drei Breakbälle auf dem Silbertablett serviert. Ohne viel zum Punktgewinn beigetragen zu haben, zitiert Hewitt Chelas missglückte Aktion mit einem lauten «Come on» – und erntet dafür einen bösen Blick seines Gegenübers. Doch damit nicht genug.

Beim nächsten Punkt zimmert Chela seinen ersten Aufschlag auf die andere Seite, wobei er seinen an der Grundlinie stehenden Kontrahenten anvisiert. Hewitt aber kann ausweichen, bevor er beim zweiten Aufschlag eiskalt zuschlägt. Zu Null holt sich der Australier das Break – und zelebriert den Punktgewinnen mit dem nächsten unüberhörbaren «Come on». Zu viel der Provokationen für Chela.

Die Spuckattacke beim Seitenwechsel

Sichtlich angefressen schlendert der Argentinier für den Seitenwechsel zu seiner Sitzbank – und revanchiert sich dann auf seine Art. Beim Vorbeigehen spuckt Chela in Richtung Lleyton Hewitt, die TV-Kameras überführen den Übeltäter eindeutig. Allerdings ist nicht zu erkennen, ob er seinen Gegner auch trifft. Es folgt ein Wortgefecht zwischen den beiden, Hewitt ist die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. 

Wenig später ist das Spiel vorbei. Hewitt lässt sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen und gewinnt 6:2, 4:6, 6:1, 6:4. Nach dem verwandelten Matchball stellt er seinen Kontrahenten am Netz zur Rede, Chela entschuldigt sich einsichtig für seinen Aussetzer.

Den Medien erklärt der Argentinier nach dem Spiel allerdings: «Ich habe gespuckt, aber ich habe ihn nicht angespuckt. Er (Hewitt, Anm. d. Red.) dachte das, deshalb habe ich mich bei ihm entschuldigt.» Dass er Hewitt zudem mit seinem Aufschlag abschiessen wollte, streitet er ab. Und an ein angeblich hitziges Rencontre in der Garderobe, wo er sich mit Hewitts damaligem Trainer angelegt haben soll, will er sich nicht erinnern können.

Die sportliche Revanche folgt ein Jahr später

Was Chela dagegen in Erinnerung bleibt, ist Hewitts Verhalten. «Ich sah, dass er sich auch in anderen Partien stark pushte. Aber nicht so oft, wie er es heute Abend tat», merkt er an. Tage später wird Chela von den Turnierverantwortlichen wegen unsportlichen Verhaltens zu einer Geldstrafe von 2'000 US Dollar verdonnert.

Hewitt, der sich keiner Schuld bewusst ist, nimmt Chelas Entschuldigung auf dem Platz zwar an, stellt danach aber klar: «Es ist traurig, dass so etwas passiert.» Damit ist der Vorfall für den Lokalmatadoren abgehakt, sein Fokus gilt ab sofort wieder der Mission Turniersieg.

Hewitt spielt sich vor dem frenetischen Heimpublikum bis in den Final, wird dort aber von Marat Safin, der zuvor bereits Federer eliminierte, gestoppt. Erneut bleibt ihm der Triumph im eigenen Land verwehrt – und ein Jahr darauf scheitert Hewitt bereits in der zweiten Runde an einem stark aufspielenden Argentinier. Sein Name: Juan Ignacio Chela.

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