Schach-Experte über Betrugs-Eklat

«Sogar Junioren müssen durch den Metallscanner»

Von Tobias Benz

30.9.2022

Bei einem zweiten Aufeinandertreffen zwischen Carlsen und Niemann letzte Woche gab der Weltmeister aus Protest nach einem Zug auf.
Bei einem zweiten Aufeinandertreffen zwischen Carlsen und Niemann letzte Woche gab der Weltmeister aus Protest nach einem Zug auf.
Getty Images

Der Schachsport steht wegen der Betrugsvorwürfe von Weltmeister Magnus Carlsen gegen das amerikanische Wunderkind Hans Niemann im Fokus. Oliver Marti, Geschäftsführer des schweizerischen Schachbundes, ordnet ein.

Von Tobias Benz

30.9.2022

Seit das 19-jährige Wunderkind Hans Niemann Anfang Monat Weltmeister Magnus Carlsen an einem Turnier in den USA ausgespielt hat, steht die Schachwelt kopf. Dabei wird die Rechtmässigkeit des überraschenden Sieges angezweifelt – allen voran vom Weltmeister höchstpersönlich.

«Ich bin frustriert. Ich glaube, dass Betrug im Schach weit verbreitet und ein existenzielles Problem für den Sport ist», so Carlsen, der diese Woche ein erstes Mal hinter seine Maske des Schweigens blicken lässt und sofort zum Grossangriff übergeht: «Als Niemann Anfang September im letzten Moment eingeladen wurde, zog ich schon vor Turnierbeginn in Erwägung auszusteigen. Ich habe mich entschieden, trotzdem mitzumachen. Aber ich bin der Meinung, Niemann hat öfter betrogen, als er öffentlich zugegeben hat – auch in jüngerer Vergangenheit.»

«Carlsen muss noch mehr auf den Tisch legen»

Der Amerikaner hat die schweren Anschuldigungen bereits von sich gewiesen, gleichzeitig allerdings zugegeben, bei zwei früheren Turnieren im Alter von 12 und 16 Jahren betrogen zu haben. Beweise für ein neuerliches Vergehen Niemanns hat Carlsen bisher keine vorgelegt.

Wie viel Wahrheit versteckt sich hinter den Vorwürfen  – und wie kann man beim Schach überhaupt schummeln? Oliver Marti, Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes, ordnet ein.

Oliver Marti, was halten Sie von den Betrugsvorwürfen gegen Hans Niemann? 

Ich glaube, dass Carlsen als durchaus sehr intelligenter Mann nur dann so reagiert, wenn er etwas im Ärmel hat, das er der Öffentlichkeit aus einem bestimmten Grund nicht sagen will. Gleichzeitig halte ich es aber auch für absolut unwahrscheinlich, dass man mit 19 Jahren an einem Top-Schachturnier so etwas ausprobiert und damit die ganze Karriere aufs Spiel setzt.

Also eigentlich ergibt beides keinen Sinn?

Eigentlich nicht (lacht). Aber im Schach gab es schon alles. Es wurde schon mit Morsegeräten in Schuhen geflunkert, mit der Anzahl Zuckerwürfel, die zum Tee serviert wurden, mit Handys, mit Smartwatches und so weiter. Aber die Aktion von Carlsen sagt mir, dass er etwas weiss, das wir nicht wissen. Ansonsten wäre das ein sehr respektloses Verhalten.

Die Anzahl Zuckerwürfel im Tee ... wie muss man sich Betrug beim Schach denn eigentlich vorstellen? 

Oliver Marti
Swisschess.com

Oliver Marti leitet als Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes die Koordination im Schweizer Schachsport.

Im Grunde geht es immer um «Digitales Doping». Der Computer spielt besser als der Mensch. Wir reden hier von Schachprogrammen, die auf dem Smartphone oder auf der Smartwatch laufen. Dass auf Top-Niveau mit einem Telefon geschummelt wird, ist aber sehr unwahrscheinlich.

Weshalb?

Wir haben sogar an der Jugendschweizermeisterschaft schon Junioren mit dem Metallscanner getestet, damit nicht betrogen wird. Bei den grossen Turnieren ist das Controlling natürlich noch viel stärker. Im Falle von Niemann müsste es wohl ein Gegenstand gewesen sein, der bei der Kontrolle nicht erkannt wurde.

Im Netz kursieren Gerüchte über Analperlen ...

Ich glaube, das würde man dem Spieler anmerken. Aber grundsätzlich ist das möglich, weil bei Top-Spielern ein Wink mit dem Zaunpfahl schon reicht. Sie müssen nur in bestimmten Situationen wissen: Jetzt muss ich aufpassen. Das genügt einem Meister, dass er den richtigen Zug findet, der ihm unter Umständen den Sieg sichert. Für so einen Hinweis reicht ein schneller Augenkontakt mit einem Komplizen im Publikum, oder irgendein mikroelektronisches Gerät, das im richtigen Moment kurz vibriert. Dem russischen Grossmeister Anatoli Karpow wurde jeweils der Tee mit einem Zückerli serviert. Waren es plötzlich zwei, wusste er, dass ein entscheidender Zug bevorstand.

Wäre es nicht möglich, dass jemand wie Niemann aus dem Nichts so gut wird, ohne zu schummeln?

Erstmal vorne weg: Niemann kam nicht aus dem Nichts. Er war ein Internationaler Meister (IM), da muss man sich an verschiedensten Turnieren beweisen. Er ist also kein unbeschriebenes Blatt. Dass er innert eineinhalb, zwei Jahren von einem guten internationalen Meister zu einem Top-20 Grossmeister wird, das ist aber ...

... unvorstellbar?

Das ist ein sehr gutes Adjektiv. Aber es wäre schon möglich. Es ist auf jeden Fall eine riesige Leistung, die jedoch die Zähne ein bisschen knirschen lässt. Hinzu kommt, dass Niemann ja schon zweimal betrogen hat und sein Trainer Verbindungen zu Maxime Dlugy pflegt, einer Schachpersönlichkeit, die bereits in mehreren Fällen des Betrugs überführt wurde. Aber Carlsen ist nicht unschlagbar. Er war zwar in 53 Partien unbesiegt, wurde aber auch schon von unbekannten Spielern während seiner Livestreams bezwungen. Natürlich ist das dann wiederum nicht dasselbe wie an einem offiziellen Turnier.

Wie sieht das denn die Schachszene, hält man eher zu Niemann oder zu Carlsen?

Wenn der Weltmeister als wichtigster Botschafter so reagiert, dann muss da fast etwas dran sein. Aber er muss schon noch mehr auf den Tisch legen, um alle zu überzeugen.

Welche Massnahmen gibt es, um Betrügern im Schach vorzugreifen?

Das ist eine grosse Thematik. Die Franzosen haben beispielsweise einmal an einer Schacholympiade geschummelt, indem sie die ganze Halle als grosses Schachfeld dekorierten. Wenn der Trainer dann plötzlich ganz hinten in der Ecke einem Spiel von Papa-Neuguinea zuschaute, dann war das für den französischen Spieler der Hinweis, seinen Turm zu bewegen. Im Nachhinein haben sie zugegeben, dass sie diese Technik bei einem Turnier in Biel ausprobiert haben. Dort hat es jetzt überall Kameras, um die Bewegungsabläufe der Trainer zu filmen.

Wie sieht es in der Schweiz aus?

In der Schweiz obliegt das meiste der Selbstkontrolle und der Kontrolle durch den Gegner. In der Liga ist es als Captain zum Beispiel verboten, hinter dem Gegner zu stehen, weil man dann Augenkontakt zum eigenen Spieler haben könnte. Dazu kommt natürlich ein Verbot von elektronischen Geräten. Und es gibt immer ein Protokoll der Partie. Bei Verdachtsfällen wird dieses dann mit einer Software überprüft und analysiert. So kann man herausfinden, ob ein Spieler zu gut gespielt hat. Waren die Züge laut Computer immer 100 Prozent richtig, ist es naheliegend, dass nicht alles mit rechten Dingen ablief. Im Falle von Niemann konnte das bisher nicht nachgewiesen werden.