Eine Kämpferin tritt ab – Tina Weirathers bewundernswerter Leidensweg

Luca Betschart

27.3.2020 - 21:55

Liess sich von zahlreichen Rückschlägen nicht beirren: Tina Weirather.
Bild: Getty

Vergleichbar früh beendet Tina Weirather im Alter von 30 Jahren ihre Karriere und tritt vom Skirennsport zurück. Die aussergewöhnliche Laufbahn hätte aber bereits enden können, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

15-jährig ist Tina Weirather, als die Liechtensteinerin bei der Weltmeisterschaft in Bormio 2005 ihr Debüt feiert und ihr Talent erstmals andeutet. Knapp zwei Jahre später fährt sie in ihrem vierten Weltcup-Rennen erstmals in die Punkte – auf den endgültigen Durchbruch muss sie aber lange warten. Denn schon früh wird Weirather von schweren Verletzungen eingeholt. Mit 17 Jahren hat sie bereits beide Kreuzbänder gerissen, bis ins Alter von 21 Jahren muss sie sieben Knieoperationen überstehen. Die Verletzungshexe wird sie aber nie los.

Im Training zur Abfahrt in der Lenzerheide im März 2007 stürzt Weirather schwer. Die ernüchternde Diagnose: Riss beider Kreuzbänder und des Innenbandes am linken Knie. Ein Jahr später – knapp drei Monate nach ihrem Comeback – reisst sich Weirather im Riesenslalomtraining erneut das Kreuzband im rechten Knie und muss die nächste Zwangspause einlegen.



Doch Weirather steckt nicht auf und kehrt in der Saison 2009/10 nach langer Leidenszeit in den Weltcup zurück. Im Januar erreicht sie mit dem 7. Rang im Super-G von Cortina ihr bis dahin bestes Karriereergebnis – tagsdarauf stürzt sie in der Abfahrt, und wieder ist das Kreuzband gerissen. Gleichzeitig platzt der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Vancouver.

Das Leiden lohnt sich

Weirather steht wieder auf, startet zu Beginn der Saison 2011 einen neuen Anlauf. Und das zahlt sich aus. In der Abfahrt von Lake Louise fährt sie mit Startnummer 40 hinter Lindsey Vonn sensationell auf den zweiten Rang – der erste Podestplatz im Weltcup ist Tatsache. «Ich hatte sicher Glück mit den Bedingungen, konnte aber genau das ins Ziel bringen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich bin einfach nur happy, ein unglaubliches Gefühl», sagt sie danach.

Der endgültige Durchbruch gelingt Weirather im März 2013 in Garmisch-Partenkirchen, wo sie im Super-G ihren ersten Weltcupsieg feiert – und zur ersten Tochter einer ehemaligen Weltcupsiegerin avanciert, die ebenfalls einen Sieg im Weltcup erringen kann.

Tina Weirather (Mitte) nach ihrem ersten Weltcupsieg in Garmisch 2013. Mit ihr auf dem Podium: Tina Maze (links) und Julia Mancuso. 
Bild: Keystone

Weirather kommt aus einer Skifahrer-Familie. Mutter Hanni Wenzel weist 33 Triumphe im Weltcup auf und ist die bis heute einzige Olympiasiegerin Liechtensteins (Gold in Slalom und Riesenslalom 1980). Vater Harti Weirather krönte seine Karriere mit dem Weltmeistertitel in der Abfahrt 1982 in Schladming. «Hoffentlich mehr von der Frau. Wenn sie nur das von mir hat, kann sie nur gerade aus fahren», antwortet der Österreicher einst auf die Frage, von wem Tina ihr Talent geerbt hat.

Weirather überwindet den letzten Fluch

Von Rückschlägen bleibt Weirather allerdings auch nach ihrem Durchbruch nicht verschont. 2014 reist sie als eine der meistgenannten Medaillenkandidatinnen an die Olympischen Spiele nach Sotschi und klassiert sich in den ersten beiden Trainings unter den besten Drei. Im Abschlusstraining bricht der Schienbeinkopf – die Spiele sind für die Fahnenträgerin Liechtensteins gelaufen. Genau wie die Saison. «Ich dachte schon, Olympia ist verflucht», blickt Weirather im «Tagesanzeiger» zurück. Auch diesen Fluch soll sie noch überwinden.

In Pyeongchang 2018 erfüllt sich der Kindheitstraum einer Olympischen Medaille dank einem dritten Platz im Super-G, einen Hundertstel vor Lara Gut-Behrami. Es ist der schönste Moment in ihrer Laufbahn: «Das hat mir emotional sehr viel gegeben – nach allem, was passiert ist».

Kein perfektes Ende

Jetzt, nach 222 Rennen im Weltcup, ist Weirather am Ende ihrer Karriere angelangt. 41 Podestplätze, neun Siege und in der Paradedisziplin Super-G zwei kleine Kristallkugeln schmücken ihr Palmarès – auch sieben Knieoperationen, fünf Handbrüche und vier Wirbelbrüche konnten sie nicht stoppen. «Es ist nicht selbstverständlich, dass ich noch joggen kann», sagt sie selbst. «Auch wenn diese Jahre sehr schwer waren, hatten sie zumindest im Nachhinein etwas Gutes. Eben diese Dankbarkeit und Demut, die ich gelernt habe.»

Sie habe diesen Sport intensiv gelebt und ihre Kindheitsträume erfüllen können. «Darum reicht es für jetzt auch», erklärt Weirather. Wegen der Corona-Krise bleibt ihr ein Abschiedsrennen verwehrt. Die Karriere deshalb aber verlängern will sie nicht: «Es war fast wie ein Märchen und nur, weil das Ende nicht perfekt ist, wäre es falsch, weiterzufahren.»

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