Gammenthaler: «Eine solche Operation mit nur 23 Jahren sagt alles»

Von Luca Betschart

11.1.2022

Marc Hirschi muss den nächsten Rückschlag wegstecken.
Bild: Keystone

In seiner ersten Saison beim Team Emirates gibt Marc Hirschi mehrheitlich Rätsel auf. Erst jetzt kommt der Hauptgrund für das enttäuschende Abschneiden ans Licht.

Von Luca Betschart

11.1.2022

Marc Hirschi plagt sich offenbar schon seit geraumer Zeit mit schwerwiegenden Hüftproblemen herum. Im Verlauf der letzten Saison aber nehmen die Beschwerden neue Ausmasse, die konservative Behandlung erzielt den erhofften Effekt je länger desto weniger. «Ich fühlte mich nicht mehr wohl auf dem Velo, sass unruhig auf dem Sattel. Es war sehr unangenehm und kostete mich mental viel Energie», erklärt der WM-Dritte von 2020 jüngst in einer virtuellen Medienrunde. «Ich habe mich gefragt, ob ich die nächsten zehn Jahre mit diesen Schmerzen fahren muss.» 

Erst am 15. Dezember entscheidet sich Hirschi doch noch für einen operativen Eingriff, weshalb er den Start in die neue Saison verpassen wird. Aber wieso hat Hirschi mit diesem Schritt so lange gezögert?



Der Beweis für Überbelastung?

«Da trug der Wechsel zu Team Emirates zu Beginn der letzten Saison seinen Teil bei», sagt Henri Gammenthaler im Gespräch mit blue Sport überzeugt. «Hirschi wollte sich im neuen Team beweisen und die Erwartungen unbedingt erfüllen. Eine konservative Behandlung der Beschwerden hätte es ihm erspart, praktisch wieder bei null beginnen zu müssen.»

Weil die gewählte Methode aber nicht wie erhofft anschlägt, kommt Hirschi ins Grübeln. «Die Hüftprobleme haben mich stets beschäftigt, waren in jedem Training Thema. Mental war das nicht einfach und hat enorm viel Zeit gekostet. Ich habe den Spass am Training verloren», berichtet der Berner. Umso höher ist ihm anzurechnen, nie öffentlich über die Probleme gesprochen zu haben. «Ich habe die Situation mit mir ausgemacht und für mich entschieden, die Probleme nicht öffentlich zu machen.»

Henri Gammenthaler
Bild: zVg

Henri Gammenthaler analysiert das Radsport-Geschehen für «blue Sport». Der Zürcher war einst selbst Fahrer, später TV- und Radio-Experte und Kommentator der Tour de Suisse.

Gammenthaler ist sich hingegen nicht sicher, ob Hirschi diesbezüglich überhaupt eine Wahl hatte. «Er wollte oder konnte nicht darüber sprechen – was mich so oder so beeindruckt. Wenn die Schmerzen sowohl nach der Massage als auch am nächsten Morgen nicht verschwunden sind, du aber bereits die nächste Etappe fahren musst, ist das sehr hart. Und irgendwann macht der Körper nicht mehr mit. Mit verabreichten Schmerzmitteln wird der Kollaps nur hinausgezögert», nimmt der Rad-Experte kein Blatt vor den Mund und macht klar: «Wenn du mit nur 23 Jahren eine solche Operation machen musst, sagt das alles. Es ist der Beweis, dass dein Körper überfordert wurde.»

Ein sehr langer Weg zurück

Aufgrund der Sturzgefahr wird Hirschi frühestens in drei Monaten und mit gehöriger Verspätung in die neue Saison starten. «Man kann sicher im Nachhinein sagen, dass man es früher hätte machen müssen», bereut er selbst. Rad-Experte Gammenthaler befürchtet entsprechende Konsequenzen: «Er hat sofort wieder Rückstand. Und die interne Konkurrenz wächst, es gibt bereits wieder Neuverpflichtungen. Das Team Emirates wartet nicht lange auf Marc Hirschi. Und er weiss genau, dass es ein sehr langer Weg zurück ist.» 

Immerhin berichtet Hirschi, der seit dem Jahreswechsel wieder im Sattel sitzt, einen knappen Monat nach dem Eingriff bereits von einer Verbesserung: «Es ist wie eine Befreiung, ich fühle mich viel wohler.»

Für Gammenthaler ist er deshalb aber noch nicht über den Berg. «Es ist möglich, dass es mit der Hüfte nicht gut kommt. Diese Operation ist ein ziemlicher Eingriff, er wird die ganze Muskulatur in diesem Bereich verlieren», sagt Gammenthaler und spricht von einem wegweisenden Jahr für die Schweizer Rad-Hoffnung: «Merkt Hirschi, dass es nicht mehr geht und der Körper nicht mehr mitspielt, ist sogar ein Rücktritt im Alter von 23 Jahren nicht auszuschliessen.»