Vor 20 Jahren: Röthlin und die sieben Sekunden

SDA

16.4.2020 - 06:40

Viktor Röthlin (rechts) bei der WM 2003 in Paris.
Source: Keystone

Um sieben Sekunden unterbietet Viktor Röthlin vor 20 Jahren, am 16. April 2000 beim Marathon in Rotterdam, die Olympia-Limite für Sydney. Die sieben Sekunden beschleunigen seine Karriere um Jahre.

Wer weiss, der Obwaldner wäre womöglich auch ohne Rotterdam 2000 Europameister, EM-Zweiter, WM-Dritter oder Olympia-Sechster geworden und hätte den Schweizer Rekord auf 2:07:23 Stunden gesenkt. Aber beim Coup von Rotterdam wurde im Rückblick eben doch eine zentrale Weiche gestellt. Der gelernte Elektrozeichner und diplomierte Physiotherapeut erhielt (auch) dank der Olympia-Selektion in Magglingen eine Anstellung und profitierte somit von idealen Trainingsbedingungen.

«Die letzten Kilometer waren hart, sehr hart», erinnert sich Röthlin – einzig das Rennen in Osaka sei noch strenger gewesen. Beim WM-Lauf 2007 hatte er bei schwüler Hitze bei Kilometer 40 auf Platz 6 gelegen und holte noch Bronze. Vor 20 Jahren in Rotterdam hingegen hatte der damals kaum bekannte Innerschweizer einen mässigen Tag erwischt: «Ich kam nie richtig in den Flow.» Dabei hatte der Langstreckenläufer doch zwei Wochen zuvor in Lissabon über 10'000 m in 28:22 Minuten eine persönliche Bestzeit aufgestellt.

«Ich habe gelitten, sieben der zehn Zehennägel waren schwarz»

Röthlin ging das Rennen in den Niederlanden bei windigen Verhältnissen sehr «verhalten» an und passierte bei Streckenhälfte in 1:06:22 Stunden. Auf dem zweiten Abschnitt hielt er das Tempo einigermassen, obwohl er bereits seit Kilometer 20 alleine unterwegs war. Gleichwohl: Bei Kilometer 40 lag der Olympia-Kandidat, auch wegen des Gegenwindes, acht Sekunden hinter der Marschtabelle und musste im Endspurt alles geben – er war gezwungen, in den Grenzbereich vorstossen. «Ich habe gelitten. Sieben der zehn Zehennägel waren schwarz, ich hatte Blasen an den Füssen. Aber es hat sich gelohnt.» Persönliche Bestzeit in 2:12:53 Stunden und mit der letzten Chance ein Olympia-Ticket gelöst.

Swiss Athletics – damals noch der Schweizerische Leichtathletik-Verband (SLV) – gestand den Marathon-Läufern bloss zwei Versuche zu, um die Olympia-Limite zu knacken. Ein erster Anlauf hatte im Herbst 1999 in Berlin für Röthlin enttäuschend geendet. Klar auf Kurs brach nach 30 Kilometern eine alte Verletzung auf und zwang den Läufer des TV Alpnach zur Aufgabe.

Nach Rotterdam herrschte aber wieder Aufbruchstimmung, nachdem Röthlin an den Europameisterschaften 1998 im 10’000-m-Lauf überrundet und danach vom SLV quasi vorzeitig zum Disziplinen-Wechsel gezwungen worden war. Dass der Obwaldner Potenzial auf der Langstrecke besitzt, war spätestens nach dem Junioren-Schweizer-Rekord über 10’000 m, welchen er Markus Ryffel abgenommen hatte, ersichtlich.

«Demnächst werde ich die Erde zum vierten Mal umrundet haben»

Röthlin sah seine Zukunft immer auf den 42,195 km, aber auf der Bahn wollte er sich die Grundschnelligkeit aneignen. «Hätte der Verband nicht einen solch grossen Druck aufgesetzt, wäre ich sicherlich noch etwas länger auf der Bahn geblieben. Aber grundsätzlich liess er mir keine andere Wahl, also wechselte ich mit 24 Jahren schon früh zum Marathon», erzählt der 45-Jährige. Rückblickend war vielleicht genau dies ausschlaggebend für die spätere grosse Marathon-Karriere. Röthlin findet es aber richtig, dass sich nun auch Julien Wanders auf der Bahn quält. «Wenn es dir nicht in jungen Jahren gelingt, die Grundschnelligkeit zu verbessern, dann fehlt sie dir später beim Marathon.»

Röthlin schnürt die Laufschuhe weiterhin, er ist mit seiner Firma VikMotion und als Laufexperte bei Ochsner Sport dem Sport erhalten geblieben. Über die Laufkilometer führt er seit jeher Buch. «Demnächst werde ich die Erde zum vierten Mal umrundet haben», sagt er. Vier bis sechs Einheiten Ausdauer- oder Krafttraining häufen sich in einer Woche an. Sein Grundsatz: «Habe ich wenig Zeit, gehe ich rennen, habe ich viel Zeit, sitze ich aufs Velo oder schnalle die Langlauf-Ski an.»

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