Smart Contracts: Bitcoin-Technologie sorgt für sichere Konzerttickets

Gabriele Griessenböck

26.3.2018 - 13:54

Bitcoin, Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie liefern Gesprächsstoff über alle Branchengrenzen hinweg - so auch in der Unterhaltungsindustrie. Schweizer Konzertbesucher sollen schon Ende dieses Jahres ihre Tickets über die Blockchain bestellen können. Das bringt sowohl Besuchern als auch Veranstaltern grosse Vorteile.

Derzeit gibt es kaum eine Business-Konferenz, auf der nicht die Buzzwords «Bitcoin und Blockchain» fallen. Was das mit Musik, Konzerten oder Festivals zu tun hat? Sehr viel: Die Branche entwickelt sich weiter, wie ein Besuch auf dem zweitägigen Kongress «360 Grad Entertainment» in Interlaken, dem grössten Schweizer Branchentreff im Live Entertainment-Business, zeigte.

300 Teilnehmer aus der Schweizer und internationalen Eventbranche drängten in das völlig ausverkaufte Forum der barocken Hallen des Lindner Grand Hotels. Auf der Gästeliste standen klingende Namen wie Semmel Concerts, einer der grössten Konzertveranstalter Deutschland oder Ticketcorner. Aber auch fast alle grossen Schweizer Festival-, und Hallen-Betreiber liessen sich blicken.

Viele Konzerne in der Schweiz beschäftigen sich mittlerweile mit den Einsatzmöglichkeiten des «Bitcoin-Gerüsts» Blockchain. Daniel Haudenschild, CEO Swisscom Blockchain Solutions AG (Bild), spricht an der ausverkauften «360° Entertainment Konferenz» vor Kinobetreibern und Konzertveranstaltern über das Potenzial der Technologie.
Gabriele Griessenböck

Weitere hundert Interessierte standen auf der Warteliste. Allein der riesige Andrang zeigt, dass die Branche nicht untätig bleibt oder gar die Hände in den Schoss legt. Kritische Blicke auf die Location-Situation in der Schweiz waren ebenso Teil des Programms wie neue Festivals, digitale Kommunikation, Live-Marketing, Konzert- und Festivalsponsoring sowie Trends im Entertainment-Markt.

«Die Blockchain wird zum absoluten Game-Changer.»

 
Daniel Haudenschild, CEO Swisscom Blockchain

Eine der grössten Veränderungen bringt die Blockchain-Technologie mit sich. «Sie wird zum absoluten Game-Changer der Entertainment-Branche», meint beispielsweise Daniel Haudenschild, CEO von Swisscom Blockchain AG.

Blockchain: Die «Sprache» von Bitcoin

Bitcoin ist zwar das mit Abstand bekannteste Beispiel für eine Blockchain-basierte Technologie, aber die beiden Begriffe sind nicht synonym zu verstehen. Die Blockchain kann viel mehr. Stark vereinfacht ist die Blockchain-Technologie eine dezentrale Datenbank, in der alle Transaktionen penibel dokumentiert sind. Also ein bisschen wie ein «Milchbüechli», das von mehreren Parteien gleichzeitig geführt wird. Es gibt hierbei keine Vermittlungsinstanz mehr zwischen den Vertragspartnern, die Parteien stellen Gegenseitig die Richtigkeit der Einträge sicher.

Wem gehört das Ticket zum ausverkauften Konzert? Dank der Blockchain lassen sich Produkte ganz klar einem Besitzer zuordnen: Betrug mit Secondhand-Tickets wird so nicht mehr möglich.
iStock

Das Potential scheint riesig. Es könnten alle möglichen Verträge in die «Sprache» der Blockchain übersetzt werden. Man spricht hier von sogenannten «smart contracts» also intelligente Verträge. Der Fortschritt dabei ist, dass alle beteiligten Akteure sicher sein können, dass alle Vertragspartner stets über die genau gleichen Daten verfügen. Die Abwicklung von Transaktionen wird schneller, transparenter, einfacher und günstiger.

Veränderte Rolle der Ticketvermarkter

Fans sehen sich heute noch vor dem Problem, dass die Tickets oft in rasender Geschwindigkeit ausverkauft sind. Später tauchen die Karten für ein Vielfaches des Preises auf Weiterverkaufsplattformen wieder auf. «Das kann die Blockchain lösen», so Haudenschild. Er sieht auch die Ticketvermarkter in ihrer klassischen Funktion als reiner Verkäufer als beendet. Die Blockchain wird das Geschäftsmodell verändern. Weg vom Verkauf, hin zum Daten-Management.

Andreas Angehrn, CEO von Ticketcorner, sieht das ähnlich. «Wir sind bereits ein Datenmanagement-Haus, das die Interessen, die Reisedistanz oder der Musikgeschmack von Kunden kennt und dadurch individualisierte Angebote erstellen kann», erklärt Andreas Angehrn. Der Schweizer Ticketanbieter verkauft jährlich gut 10 Millionen Tickets. Aber trotz Vereinfachung durch die Digitalisierung sieht sich Ticketcorner mit 90'000 Kundenanfragen pro Jahr konfrontiert, die «alle eine Extrawurst haben wollen».

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Neue Möglichkeiten für Musikfans - und Anbieter

Welche Vorteile bietet nun die Blockchain für Fans? «Konzertbesucher können zum Beispiel vor Ort spontan VIP-Tickets buchen, ihr Ticket weitergeben oder noch weitere Dienstleistungen bestellen. Und das Ganze in ungeahnter Schnelligkeit, nämlich in Echtzeit», sagt Haudenschild. Konzertbetreiber können durch die Technologie genau sehen, was ihre Kunden auf dem dreitätigen Festival besucht und konsumiert haben. Die Besucherlenkung kann beispielsweise durch Belohnungssysteme erweitert werden. «Es geht nicht darum, Menschen zu kontrollieren, sondern sie in ihrem Freizeiterlebnis zu unterstützen.» Das Erlebnis kann viel gezielter gesteuert werden.

Beispiele aus der Musikbranche gibt es bereits. Die isländische Indie-Ikone Björk eine Vorreiterin in Sachen blockchain-basiertem Vertrieb. Fans können ihr Album «Utopia» mit Kryptowährungen bezahlen und werden mit Audiomünzen belohnt. Die Coins schaffen für Fans und Musiker gleichermassen Vorteile. Durch die Blockchain werden die Transaktionen vollkommen sicher und es bedarf keines Vermittlers wie Musikverlage, Labels und Vertriebe mehr, um Songs zu verkaufen. Auch das unkonventionelle Burning Man-Festival in der Wüste Nevadas verwendet bereits die Blockchain-Technologie für den Kartenverkauf.

Massentaugliche Blockchain-Anwendungen bereits ab Oktober 2018

«Die Schweizer müssen mutiger werden. Die Blockchain kennt keine Landesgrenzen und wenn wir lange zusehen, dann kommen andere Player, die die Technologie bringen», mahnt Haudenschild.

Wann man nun sein VIP-Ticket auch an einem Schweizer Festival via Blockchain buchen kann, das steht noch nicht fest. Haudenschild sieht die Technologie jedoch bereits so weit entwickelt, dass es im Oktober 2018 bereits erste massentaugliche Anwendung geben wird. «Irgendwer wird vor Weihnachten noch ein Privatprojekt enttarnen und dann wird die Technologie durchschlagen».

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