Corona-Krise verdirbt Japanern die Lust am Fax

dj

22.5.2020 - 00:00

Blitzsaubere Hochgeschwindigkeitszüge: So kennt man Japan.
Keystone

Japan ist das vielleicht letzte Fax-Land der Welt. Die Corona-Krise könnte dem ein Ende bereiten.

Zum stereotypen Bild von Japan gehören sicherlich Hochgeschwindigkeitszüge, die mit über 300 km/h zwischen den Metropolen pendeln, und Roboterhunde, die nebenbei noch Aufgaben im Haushalt übernehmen können. Doch die Corona-Krise machte auch deutlich, wie abhängig Japan noch von einer völlig veralteten Technologie aus dem Analog-Zeitalter ist: dem Fax-Gerät.

Das betrifft zum einen das Gesundheitssystem selbst. Japanische Ärzte mussten jeden einzelnen Corona-Fall per Hand auf einem Formular eintragen und dieses dann per Fax ans Gesundheitsministerium schicken. Nachdem eine Beschwerde eines Arztes auf Twitter viral ging, führte das Ministerium zum 17. Mai ein Onlinemeldesystem ein.

Bevor man jetzt jedoch zu hochmütig nach Fernost schaut, sollte bedacht werden, dass auch in der Schweiz noch vielfach Coronavirus-Meldungen an das BAG per Fax erfolgten, obwohl es auch ein digitales Meldesystem gibt. Ende April wurde durch die falsche Übertragung eines per Fax eingesendeten Corona-Meldeformular sogar für kurze Zeit fälschlicherweise ein neunjähriges Mädchen als Corona-Todesfall vom BAG geführt.

Das Fax-Gerät hat auch in der Schweiz noch seine Anhänger.
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Auch in der Geschäftswelt regiert das Fax

Der Fax spielt allerdings auch in der japanischen Geschäftswelt noch eine viel grössere Rolle als in anderen Ländern. So gehören Faxe zum Alltag fast jeden Unternehmens und selbst ein Drittel der Privathaushalte in Japan hat noch ein Fax-Gerät, berichtet die «Deutsche Welle».

In Kombination mit einem weiteren scheinbaren Anachronismus wird so der Umstieg aufs Homeoffice erschwert. Denn bei vielen Unternehmen müssen quasi alle offiziellen Dokumente mit einem Hanko, einem Unterschriftsstempel, versehen werden müssen. Ein digitales Hanko fand bisher wenig Akzeptanz, ein Fax jedoch kann auch ein klassisches Hanko übertragen.

Der Unterschriftstempel Hanko lässt sich schwer digital ersetzen.
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Hat die Pandemie auch etwas Gutes?

Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen haben Probleme mit dem von der japanischen Regierung geforderten Umstieg auf so viel Homeoffice wie möglich. Noch viel stärker als westliche Unternehmen sind sie auf die Präsenzarbeit ausgerichtet. Laptops sind viel weniger weit verbreitet als stationäre PCs.

Erschwerend kommt der sehr hohe Altersdurchschnitt vor allem in der Führungsebene hinzu, die eine gewisse Skepsis gegenüber allzu modernen Arbeitsmethoden und Techniken mitbringt. Daher gibt es nun eine gewisse Hoffnung, dass die Pandemie als angenehmen Nebeneffekt eine längst überfällige Modernisierung des japanischen Arbeitsalltags mit sich bringt.

Die Coronavirus-Krise: Eine Chronologie

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