Ein Spiel, das Freundschaften zerstört und zum Mega-Hit wurde

Martin Abgottspon

30.9.2020 - 09:24

«Among Us» ist bereits seit einigen Wochen der Streaming-Hit auf Twitch.
«Among Us» ist bereits seit einigen Wochen der Streaming-Hit auf Twitch.
InnerSloth

Ein zwei Jahre altes Indie-Game ist momentan das angesagteste Spiel auf Twitch. Wie kam es dazu, wo doch angeblich Freundschaften dabei schneller in die Brüche gehen als beim Kartenspiel-Klassiker «Uno»?

Kurz zusammengefasst: «Among Us» ist simpel, günstig, verrückt und witzig. Und gerade deshalb ist dem Indie-Spiel in den letzten Wochen wohl auch ein kometenhafter Aufstieg geglückt. Hauptgrund für den Popularitätsschub ist klassische Mund-zu-Mund-Propaganda, gepaart mit Livestreams der bekanntesten Influencer der Szene. Praktisch kein grosser Streamer kann sich aktuell dem «Among Us»-Hype entziehen?



Doch worum geht es bei dem Spiel genau? Bis zu zehn Besatzungsmitglieder finden sich auf einem Raumschiff wieder. Dort müssen die Crewmitglieder Aufgaben lösen, um das Schiff zu reparieren. Unter ihnen befinden sich in der Regel ein bis zwei Verräter, welche die übrigen Mitspieler von ihren Aufgaben abhalten wollen und dafür auch über Leichen gehen.

«Werwölfle» 2.0

Das Spielprinzip ist nicht neu. Wer «Werwölfle» oder «Mafia» noch kennt, ist schnell mit den Grundmechaniken des Spiels vertraut. Aber auch für alle anderen ist die Hürde ins Spiel zu finden nicht sonderlich hoch. Für einmal kommt es nicht primär auf schnelle Reaktionszeiten, Fingerfertigkeiten oder taktisches Verständnis an wie bei anderen Online-Spielen. Vielmehr geht es um soziale Aspekte, um Redegewandtheit und vor allem darum, wer der beste Lügner ist.

Immer nachdem ein Crewmitglied gestorben ist oder jemand den Notfallschalter betätigt, finden sich alle Mitspieler im Besprechungsraum wieder. Dort geht es nun darum herauszufinden, wer die Spione sein könnten. Man knüpft logische Zusammenhänge, setzt Verdächtige unter Druck und versucht diese zu überführen. Die Mörder selber reden sich derweil um Kopf und Kragen und sind stets auf der Suche nach einem Alibi.

Und plötzlich hat man wieder ein Messer im Rücken.
Und plötzlich hat man wieder ein Messer im Rücken.
InnerSloth

Beste Unterhaltung auch für Zuschauer

Das Schöne an diesem Spielprinzip ist, dass es auch aus Zuschauersicht perfekt funktioniert. Es braucht kein besonderes Spielverständnis, um dem Gezeigten folgen zu können. Vielmehr freut man sich über all die Täuschungsversuche der Streamer, wie sie mit hinterhältigen Manövern Kollegen um die Ecke bringen und sich danach als absolutes Unschuldslamm hinstellen. Das ist Content mit Unterhaltungswert.



Bei gut eingespielten Gruppen kann das dann schnell mal ziemlich hitzig und laut werden. Die grossen Sherlock Holmes kristallisieren sich allmählich heraus, während andere beim Versuch zu lügen noch immer vor Scham im Boden versinken. Es fliegen die Fetzen und Freundschaften werden auf den Prüfstand gestellt. Ein Spieler-Feedback bringt es dabei ziemlich treffend auf den Punkt: «Bei ‹Among Us› werden mehr Freundschaften zerstört als bei ‹Uno›.»

«Wir sind nicht wirklich gut in Marketing»

Dass «Among Us» derart durchstartete, ist trotzdem ein grosser Zufall. Schliesslich ist das Spiel schon seit zwei Jahren auf dem Markt, ohne dass es die grosse Masse erreicht hat. Das dreiköpfige Entwicklerteam hat auch nie versucht, ihr Spiel als Streaming-Phänomen zu etablieren oder in diese Richtung zu pushen.

Dafür haben die drei Herren das Spiel laufend optimiert. Das Feedback aus der kleinen Community wurde ernst genommen und so integrierten sie beispielsweise erst mit der Zeit einen Online-Mehrspielermodus, wodurch das Spiel auch endlich technisch für den Höhenflug gerüstet war.

Der Designer Marcus Bromander macht auch keinen Hehl daraus, dass es aus vertrieblicher Sicht durchaus noch Luft nach oben gibt: «Wir sind wirklich schlecht, wenn es um Marketing geht.» Für die Entwicklung hingegen schlägt sein Herz. Und aus diesem Grund arbeitet das Team jetzt auch praktisch rund um die Uhr an weiteren Updates und versucht die Wünsche der Spieler umzusetzen. Dass man dafür sogar die Arbeiten an einen zweiten Teil des Spiels abgebrochen hat, werden die Spieler ihnen dafür noch so gerne verzeihen.

«Among Us» ist bis jetzt auf dem PC für fünf Franken auf Steam oder kostenlos auf dem Handy spielbar.

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