«Genshin Impact»: Der perfekte «Zelda»-Klon, wäre da nicht ...

Martin Abgottspon

26.10.2020 - 14:41

«Genshin Impact» befindet sich aktuell noch auf einem Höhenflug.
«Genshin Impact» befindet sich aktuell noch auf einem Höhenflug.
miHoYo

Ein chinesisches Action-Rollenspiel hat vor Wochen zum weltweiten Siegeszug angesetzt. Das Spiel ist tatsächlich extrem cool, verliert aber im späteren Spielverlauf zunehmend seinen Zauber.

Wie für viele ist «Zelda: Breath of the Wild» auch eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Was Nintendo zum Launch der Switch geschaffen hat, ist im Bereich von Action-Rollenspiele kaum zu toppen. Kein Wunder nehmen sich viele Spieleentwickler «Zelda» als Vorlage, ähnliche Abenteuer zu schaffen. In den meisten Fällen scheitern sie.

Nicht so «Genshin Impact». Der chinesische Klon versucht gar nicht erst die Parallelen zu «Zelda» zu verschleiern. Egal ob Kämpfe, das Ausdauersystem, das Klettern oder die Gegner: In «Genshin Impact» fühlt sich wirklich vieles sehr ähnlich an wie in «Zelda: Breath of the Wild». Das ist aber gar nicht weiter schlimm, weil das Spiel wirklich toll umgesetzt ist und eine wirklich interessante Neuerung beinhaltet.

So steuert man bei «Genshin Impact» nicht bloss einen Helden, sondern gleich vier. Abwechselnd lässt man seine Schadensausteiler, Supporter oder Heiler am Kampf teilnehmen und rätselt sich mit ihren individuellen Fähigkeiten durch die bezaubernde Fantasy-Welt Teyvat. 

Der Anfang einer riesigen Hauptstory

Die ganze Story ist anfänglich etwas diffus. Das Abenteuer startet mit einer Filmsequenz, bei der wir von unserem Zwilling durch einen namenlosen Gott getrennt werden. Während der eine Zwilling gefangen wird, muss der andere in der Welt von Teyvat nun nach Hinweisen zum Aufenthaltsort des Gotts suchen. 



Dabei erhält man Unterstützung von allen möglichen Charakteren, während man gleichzeitig in politische Streitigkeiten rivalisierender Reiche gezogen wird und zum Start mithelfen soll, einen Drachen zu bekämpfen.

Selbst nach 50 Stunden hat man immer noch das Gefühl, die Hauptstory nur minim vorwärtsgebracht zu haben. Das liegt in erster Linie daran, dass «Genshin Impact» ein Gratis-Spiel ist und als Service-Spiel betrieben wird. Zahlreiche Inhalte werden dadurch erst im Verlauf der nächsten Monate oder sogar Jahre noch nachgeliefert.

In «Genshin Impact» kämpft und rätselt man sich mit einer ganzen Gruppe durch die offene Welt.
In «Genshin Impact» kämpft und rätselt man sich mit einer ganzen Gruppe durch die offene Welt.
miHoYo

Da bleibt wirklich nur beten

Dieser Umstand ist an und für sich nicht aussergewöhnlich. Viele Gratis-Spiele sind heute so aufgebaut. Allerdings bekommt man im späteren Spielverlauf dann doch deutlich zu spüren, dass man jetzt mal ein paar Franken springen lassen sollte, um weiter Spass haben zu können. Und das gleich aus mehrerer Hinsicht.

Während man am Anfang noch vom Entdeckerdrang getrieben durch die Welt schlendert, hier und da einen neuen Charakter für seine Truppe freischaltet und auch genügend Materialien hat, um seine Kämpfer und Waffen aufzuleveln, wird dieser Prozess mit der Zeit immer erschwerlicher.



Grund dafür ist unter anderem auch das sogenannte Gacha-System, das im asiatischen Raum schon seit Jahren eine weite Verbreitung geniesst. Dieses funktioniert ähnlich wie Lootboxen, die bei uns besser bekannt sind. Konkret muss man bei «Genshin Impact» nun beten, um zufällige Waffen oder eben einen der äusserst begehrten 24 Helden zu bekommen. Umso seltener die Helden, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, das grosse Los zu ziehen.

Gebete erhält man gegen die Abgabe von Urgestein, was man im Spiel hin und wieder verdienen kann. Allerdings ist diese Währung wirklich rar und es ist deshalb gut möglich, dass man gar nie seinen begehrten Fünf-Sterne-Champion erhält. Mit Echtgeld kann man seine Chancen nun erhöhen.

Das harzige Endgame

Das wäre alles noch zu verkraften. Wer kein Geld investieren will, bekommt auch so seine Truppe zusammen und kann praktisch alle Inhalte des Spiels erleben. Das viel grössere Übel im späteren Verlauf des Spiels sind aber die Dungeons, Kopfgeldmissionen oder Weltenbosse. 

Wer hier nach neuer Ausrüstung oder Artefakten sucht, muss dafür Harz ausgeben, eine weitere Währung, die aktuell begrenzt ist und sich innerhalb eines Tages wieder komplett auffüllt. Verpulvert hat man die Währung aber meist schon nach rund 20 Minuten, dann ist Schluss. Ausser man nimmt die Kreditkarte zur Hand.

Obwohl diese Geldmacherei inzwischen von einer Grosszahl der Spieler schon stark kritisiert wird, scheint das System für die Entwickler aufzugehen. Innert zwei Wochen hat miHoYo schon 100 Millionen Dollar mit Ingame-Käufen umgesetzt und damit die gesamten Entwicklungskosten wieder gedeckt.

Die Gier, die alles zerstört

So lässt sich festhalten, dass «Genshin Impact» bis zum Abschluss der Hauptmission vieles richtig gemacht hat, eine stimmige Welt bietet und die Kämpfe auch nach Stunden noch Spass machen.

Wer sich dann aber richtig ins Endgame reinfuxen will, wird enttäuscht, beziehungsweise ist gefangen in der hübsch verpackten Open-World-Slot-Maschine. Man ist ganz einfach limitiert, seine Charaktere weiterzuentwickeln, was wirklich schade ist. Ein bisschen weniger Gier und «Genshin Impact» hätte durchaus das Potenzial gehabt, «Zelda» sogar den Rang abzulaufen.

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