Neuer TikTok-Chef soll globale Expansion vorantreiben

dj

19.5.2020 - 12:32

Für TikTok-Influencer ist die Corona-Quarantäne eine Chance für mehr Content.
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Mit einem prominenten Manager aus dem amerikanischen Wirtschafts-Establishment will TikTok-Mutter ByteDance weiter auf der Erfolgsspur bleiben. Doch der muss wohl erstmal US-Politiker besänftigen.

Der Video-App TikTok ist ein Personal-Coup gelungen. Der bisherige Disney-Manager Kevin Mayer wird sowohl CEO von TikTok als auch COO des chinesischen Mutterkonzerns ByteDance und damit die Nummer 2 hinter Firmengründer Yiming Zhang. Noch nie dürfte ein Amerikaner eine so herausragende Stellung bei einem aufstrebenden und einflussreichen chinesischen Unternehmen gehabt haben.

Mayer werde von Los Angeles aus, dem US-Sitz von TikTok, arbeiten, aber häufig zur ByteDance-Zentrale nach Peking reisen, heisst es. Zuletzt war er für den Streaming-Dienst Disney+ verantwortlich, der ein riesiger Erfolg wurde und in der Corona-Krise besonders wichtig für das Disney-Imperium war, weil andere Unternehmensbereiche, wie das Kinogeschäft, die Vergnügungsparks oder der Sportsender ESPN quasi stillstehen. Mayer galt lange Zeit als Favorit für den CEO-Posten bei Disney, wurde allerdings bei der Neubesetzung im Februar übergangen.

Ambitionen in vielen Geschäftsbereichen

Bei ByteDance soll Mayer für quasi alle Geschäfte des Unternehmens ausserhalb Chinas verantwortlich sein. Hier hat ByteDance offensichtlich Ambitionen, die weiter über TikTok hinaus gehen. So wird Mayer auch dem Musik- und Gaminggeschäft vorstehen und für die Helo-App verantwortlich sein.

Helo ist eine Art Kombination aus Social-Media-Dienst und Nachrichten-App. Von Stil ist es Facebook sicherlich näher als TikTok und wurde an Toutiao angelehnt, ByteDances enorm erfolgreiche Nachrichten-App in China. Helo jedoch begann seinen Erfolgszug bei dem nicht des Englischen mächtigen, eher ländlichen Bevölkerungsteil Indiens und scheint prädestiniert dafür zu sein, neue Internet-Nutzer, die es in Entwicklungsländer noch zahlreich gibt, anzusprechen.

Kevin Mayer hat sich sicherlich nicht den einfachsten Job in der Tech- und Medienbranche ausgesucht.
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Mittelfristig könnte ByteDance sich auch weltweit mit Diensten für Unternehmen profilieren und damit sogar Google, Microsoft und Konsorten Konkurrenz machen. In China lancierte es den Dienst Feishu, eine Office-Kollaborationssoftware im Stil von Google G Suite oder Microsoft Teams. Hier wurde das Unternehmen aber direkt von chinesischen Behörden zurückgepfiffen, weil man über Feishu auf Facebook und Twitter zugreifen konnte, was natürlich eine riesige No-Go in China ist.



US-Politiker schon in Lauerstellung

Mayers Hauptaufgabe dürfte es aber dennoch vorerst sein, das gigantische Wachstum von TikTok — welches in der Corona-Krise, durch die sehr viele Menschen nun sehr viel Zeit daheim haben, noch einen Gang hochgeschaltet hat — zu managen. Und das heisst auch, US-Politiker in Schach zu halten, die in TikTok quasi die Fünfte Kolonne der Kommunistischen Partei Chinas in amerikanischen Kinderzimmer sehen.

Der Republikanische Senator Josh Hawley, wohl der schärfste TikTok-Kritiker im US-Kongress, hat jedenfalls schon mal Blut geleckt und möchte Mayer vor seinen Ausschuss zitieren und unter Eid stellen:

USA könnte existenzielle Gefahr für TikTok werden

ByteDance nimmt die potenzielle Gefahr für das eigene Geschäftsmodell, die von der US-Regierung ausgeht, offensichtlich sehr ernst. Was mit den internationalen Geschäften eines chinesischen Unternehmen passieren kann, wenn einen die USA auf dem Kieker haben, kann man am Beispiel Huawei derzeit eindrucksvoll ablesen.  

Deshalb betont ByteDance auch immer wieder, dass man bei TikTok völlig frei von Einflüssen der chinesischen Führung sei. Manchmal geht man bei dieser Distanzierung etwas zu weit ins Absurde. Gegenüber der «New York Times» sagte ein TikTok-Sprecher etwa, TikTok gehöre doch gar nicht einem chinesischen Unternehmen, weil ByteDance genau genommen auf den Caymaninseln beheimatet sei. Mit dieser semantischen Akrobatik sollte Mayer lieber nicht vorm US-Kongress auftauchen.

«Ich werde nicht jünger und dies ist eine so gute Chance», sagte Mayer über seine Ernennung zum TikTok-Chef zu «CNBC». Er sehe sich auch imstande, die Herausforderungen von TikTok im Bereich Datenschutz anzugehen, so Mayer.

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