Netflix-Doku «Harry & Meghan»

«Da ihnen nichts heilig ist, zerstören sie uns»

Von Bruno Bötschi

8.12.2022

Seit heute zeigt Netflix die Doku über Harry und Meghan. Die Erwartungen sind riesig: Kommt's gar zur Palast-Revolution? blue News Redaktor Bruno Bötschi hat sich die ersten drei Episoden bereits angesehen. Eine Kritik.

Von Bruno Bötschi

8.12.2022

«Da ihnen nichts heilig ist, zerstören sie uns»: Die Dokumentation «Harry und Meghan» ist noch keine drei Minuten alt, da lässt die Herzogin von Sussex eine erste Handgranate explodieren, und es fliessen erste Tränen.

Es ist jedoch nicht klar, wen Meghan mit «ihnen» meint:

Die royale Familie?

Die Medien?

Die Öffentlichkeit?

Oder alle zusammen?

Heute, Donnerstagmorgen, Punkt 9 Uhr wurden die drei ersten Episoden der TV-Doku «Harry und Meghan» von Netflix online gestellt. Drei Stunden Filmmaterial, das endlich die Wahrheit über die royale Familie und ein abtrünniges Liebespaar erzählen sollen – zumindest behaupten das Harry und Meghan.

Aber der Reihe nach.

Die Mutter, die ständig belästigt wurde

Er habe als Kind keine Ferien erlebt, sagt Harry eingangs von Episode eins, in der nicht irgendwann ein Paparazzo aus einem Gebüsch gesprungen sei. Er habe zudem kaum frühe Erinnerungen an seine Mutter. Etwas vergesse er jedoch nie: Ihr Lachen.

«Meine Mutter wurde während ihrer Ehe mit meinem Vater ständig belästigt. Und nachdem sie sich getrennt hatten, wurde es noch schlimmer», ergänzt der Prinz später.

Nach wenigen Minuten ist bereits klar, die Macher der TV-Doku wissen genau, wie sie das Publikum bei der Stange halten können: mit schöner Regelmässigkeit einen schlagzeilenträchtigen Satz raushauen.

Aber warum überhaupt ist diese Netflix-Doku entstanden?

Weiss Prinz Harry denn nicht, welch unschönes Aufsehen einst der BBC-Film «Royal Family» erregte? Die 1969 ausgestrahlte Dokumentation begleitete die Queen und ihre Familie über ein Jahr lang. Kaum ausgestrahlt, wurde dass Werk sofort im Archiv der Königsfamilie versteckt.

Und warum soll es jetzt besser werden? Die öffentliche Meinung über die Sussexes sind ja durchaus geteilt.

Doch zurück zum Plot und seinen Protagonisten: Harry ist von seiner Frau absolut angetan. «So viel von dem, was Meghan ist und wie sie ist, erinnert mich an meine Mutter. Sie hat dasselbe Mitgefühl, dieselbe Empathie, dasselbe Selbstbewusstsein. Sie strahlt die gleiche Wärme aus.»

Die britischen Royals leben allerdings in einem goldenen Käfig. Und es ist ja schon länger bekannt, dass Mitgefühl dort nicht gefragt ist. Nicht weiter verwunderlich also, dass die royale Familie sich weigerte, sagt zumindest Netflix, den Inhalt der Serie zu kommentieren. Das Königshaus sei gar nicht angefragt worden, heisst es inzwischen.

Die Freundin, die die royalen Benimmregeln googelt

«Meine Frau, mein Sohn, meine Tochter sind gemischter ethnischer Herkunft und ich bin stolz darauf.» Die zweite Episode der TV-Doku beginnt mit einer Paparazzi-Verfolgungsjagd. Meghan und Harry sitzen im Auto. Der Herzogin ist ihr Unwohlsein ins Gesicht geschrieben.

Jetzt wird auch klar, an wen Meghan denkt, wenn sie sagt: «Sie zerstören uns» – genau: die britische Boulevardpresse. Harry sagt, seine Frau sei ständig unfair und absolut rassistisch angegangen worden.

Es fällt auf, wie wenig Bezug die TV-Doku auf einzelne Mitglieder der royalen Familie nimmt – und wenn doch einmal, meist wohlwollend. Das Bild zeigt die verstorbene Queen und ihre engsten Verwandten (von links): Herzogin Camilla, Prinz Charles, Prinz George, Prinz William, Prinzessin Charlotte, Prinz Louis und Herzogin Kate.
Es fällt auf, wie wenig Bezug die TV-Doku auf einzelne Mitglieder der royalen Familie nimmt – und wenn doch einmal, meist wohlwollend. Das Bild zeigt die verstorbene Queen und ihre engsten Verwandten (von links): Herzogin Camilla, Prinz Charles, Prinz George, Prinz William, Prinzessin Charlotte, Prinz Louis und Herzogin Kate.
Bild: Jonathan Brady/PA Wire/dpa

Irgendwann habe er es nicht mehr ertragen können, so der Prinz, dass «meine Frau durch diesen Blutrausch gehen muss». Im Palast erntet er mit seinem Anliegen wenig Verständnis: Andere Frauen, die in die royale Familie eingeheiratet hätten, hätten dies auch durchmachen müssen.

Es gebe für Meghan deshalb keine Ausnahme. Harry entgegnet, bei seiner Freundin gehe es um viel mehr, es gehe um Rassismus. Derweil wird Meghan von ihren Freunden gefragt, ob Harry es wirklich wert, dass sie diesen medialen Dauerbeschuss auf sich nehme?

Dabei hat alles so wunderbar begonnen – schon fast wie bei einem normalen Liebespaar, das zu Beginn eine Fernbeziehung führt. Meghan lebt in Toronto (wo sie als Schauspielerin arbeitete), Harry weilt meist in London.

In Episode zwei wird die Schulzeit von Meghan thematisiert. Freund*innen erzählen, die Mutter ebenfalls. Viele private Bilder sind zu sehen. Und irgendwann sagt Meghan mit tränenerstickter Stimme, wie sie nach einem Konzert im Auto ihrer Mutter erstmals Zeugin von Rassismus wurde.

Derweil macht Harry immer wieder klar: Er will nicht, dass Meghan das Gleiche wie seiner ständig von Paparazzi gejagten Mutter widerfährt. Dies soll ja auch einer der Hauptbeweggründe sein, warum diese TV-Doku überhaupt entstanden.

Zu sehen sind aber auch durchaus witzige Momente. Etwa der, als Meghan während einer Autofahrt erfährt, dass sie nach dem Lunch die Queen, also Harrys Grossmutter, zum allerersten Mal treffen werde.

Harry: «Du weisst schon, wie man einen Hofknicks macht, oder?»

Meghan hält seine Ankündigung für einen Witz. Es ist aber keiner. Entsprechend unbeholfen fällt ihre Vorbeugung vor der Queen aus. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sie beim Erlernen der Höfischen Regeln kaum Hilfe hat. «Das meiste habe ich gegoogelt.»

Der Prinz, der den grössten Fehler seines Lebens macht

Längst ist dem Betrachter aufgefallen, wie wenig Bezug die TV-Doku auf einzelne Mitglieder der royalen Familie nimmt – und wenn doch einmal, meist wohlwollend. Eingangs der dritten Episoden sind Mini-Auftritte von Vater Charles, Stiefmutter Harry und Schwägerin Catherine zu sehen, bei denen alle unisono ihre Begeisterung über Meghan kundtun.

Zu den ungeschriebenen Pflichten der britischen Royals gehört auch, dass sie eine Show abliefern müssen. Tun sie es nicht, fallen sie rasch in Ungnade und werden für die Boulevardpresse zum Freiwild.

Zu hören ist dann auch, wie sich der junge Charles negativ über das Gebaren der Medien äussert: «Wenn man nicht versucht, seine eigenen Methoden zu finden, um in dieser Flut nicht unterzugehen, rastet man aus.»

Ob Charles ausrasten wird, falls er sich die TV-Doku über seinen Sohn und seine Schwiegertochter überhaupt anschaut?

Möglicherweise nicht.

Gegen Ende von Episode drei geht Harry in sich. Er sagt: «Es gebe viele unbewusste Vorurteile in der Familie.» An diesen habe jedoch niemand Konkretes schuld. Werde man jedoch darauf aufmerksam gemacht oder sich dessen bewusst, müsse man sie sich ihnen stellen. 

«Du weisst schon, wie man einen Hofknicks macht, oder?»: Harry zu Meghan, kurz bevor sie seine Grossmutter, Königin Elizabeth II., zum ersten Mal traf.
«Du weisst schon, wie man einen Hofknicks macht, oder?»: Harry zu Meghan, kurz bevor sie seine Grossmutter, Königin Elizabeth II., zum ersten Mal traf.
Bild: Martin Rickett/PA Wire/dpa

So wie es ihm nach dem grössten Fehler in seinem bisherigen Leben ergangen sei: Mit 20 besucht Harry, gekleidet in einer Nazi-Uniform, eine Kostümparty. Als der Prinz seine Schuld einsieht, trifft er sich mit einem Ober-Rabiner und spricht zudem mit einem Holocaust-Überlebenden. «Ich wollte aus meinem Fehler lernen.»

Keine Palast-Revolution in Sicht

Nun denn, wer nach den zwei vorab veröffentlichten Trailern dachte, die TV-Doku von Meghan und Harry werde zur knallharten Abrechnung mit der royalen Familie, dem sei verraten: falsch gedacht. 

Lösen Harry und Meghan eine Palast-Revolution aus? Mit den ersten drei Episoden ganz sicher nicht. Vielmehr zeigt sich das Paar offen, auch für die eigenen Fehler grad zu stehen.

Unklar bleibt aber weiterhin, warum Harry und Meghan mit ihrer TV-Doku an die Öffentlichkeit gehen, nachdem sie so viele schlechte Erfahrung mit den Medien gemacht haben.

Exemplarisch sei dazu eine Situation in der ersten Episode erwähnt:

«Warum lasst ihr mich nicht endlich in Ruhe?», schreit darin ein um sich schlagender 20-jähriger Harry die Medienmeute an.

Eines aber ist jetzt schon sicher: Ruhig werden die nächsten Wochen für die Familie Sussex definitiv nicht.


Die Dokumentation «Harry & Meghan» erscheint in zwei Teilen à drei Episoden beim Streamingdienst Netflix. Volume 1 wurde am heute Donnerstag, 8. Dezember, veröffentlicht. Volume 2 folgt am Donnerstag, 15. Dezember, also in einer Woche.


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