Erst linksradikal, dann CIA Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Terroristen Bruno Bréguet

Von Marlène von Arx

14.6.2024

Der Tessiner Bruno Bréguet orchestriert Attentate, spioniert für die CIA und verschwindet spurlos. Ein neuer Kinofilm macht sich auf die Spur des vergessenen Terroristen. Historiker Adrian Hänni ordnet ein für blue News.

Von Marlène von Arx

14.6.2024

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • 1970 wird der kaum zwanzigjährige Gymnasiast Bruno Bréguet in Israel bei dem Versuch verhaftet, Sprengstoff für den palästinensischen Widerstand ins Land zu schmuggeln.
  • Während seiner Haft radikalisiert er sich und schliesst sich nach seiner Entlassung der Gruppe um den Terroristen Carlos an.
  • Im Jahr 1995 verschwindet er auf mysteriöse Weise.
  • In der Begegnung mit Bréguets ehemaligen Tessiner Weggefährt*innen rekonstruiert Regisseur Olmo Cerri seinen Fall.
  • Historiker und Bréguet-Forscher Dr. Adrian Hänni ordnet für blue News ein.
  • Der Dokfilm «La scomparsa di Bruno Bréguet» läuft zurzeit in den Schweizer Kino.

Es sind politisch bewegte Zeiten. Auch in der Schweiz. Ende der 1960er-Jahre schliesst sich der Gymnasiast Bruno Bréguet aus Minusio der Volksfront zur Befreiung Palästinas an und schmuggelt 1970 Sprengstoff nach Israel, wo er als erster nicht-arabischer Terrorist zu 15 Jahren Haft verurteilt wird.

Nach sieben Jahren kommt er frei und schliesst sich darauf der berüchtigten Terroristen-Gruppe um «Carlos» (auch bekannt als «the Jackal») an. Er ist an Terror-Anschlägen in Deutschland und Frankreich beteiligt, verbringt drei weitere Jahre im Gefängnis und läuft schliesslich zur CIA über. 1995 verschwindet er auf einer griechischen Fähre spurlos.

Der Dokumentarfilmer Olmo Cerri begibt sich im neuen Kino-Dokfilm «La scomparsa die Bruno Bréguet» auf die Suche nach dem mysteriösen Tessiner, der trotz hollywoodreifer Geschichte mehrheitlich in Vergessenheit geraten ist. Cerri spürt im Tessin harmlos wirkende Senior*innen auf, die damals Bréguets Weggefährten in der militanten, linksradikalen Szene waren.

blue News hat bei Dr. Adrian Hänni, Historiker und Autor von «Terrorist und CIA Agent: Die unglaubliche Geschichte des Schweizers Bruno Bréguet», nachgefragt, wie sich der Tessiner radikalisiert hat und was mit ihm passiert sein könnte.

Herr Hänni, inhaftiert in Israel, Anschläge in Deutschland und Frankreich, Spion für die USA – seine Geschichte ist filmreif und trotzdem kennt man den Schweizer Bruno Bréguet bei uns kaum. Weshalb ist das so?

Gute Frage. Weil er Tessiner ist und seine Familie aus dem Neuenburger Jura stammt, war er vielleicht in der Deutschschweiz ausserhalb der linksalternativen Szene weniger bekannt. Im Tessin kennt man ihn schon.

Bei einer Lesung in der Kantonsbibliothek letzten Dezember stand das Publikum bis in die Gänge. Nach dem «SpyScape: True Spies»-Podcast kam sogar ein Hollywood-Produzent auf mich zu. Er will eine Mini-Serie machen. Mal sehen, ob etwas zustande kommt.

Wie sind Sie ursprünglich auf Bruno Bréguet gestossen?

Ich habe zur Geschichte des Terrorismus geforscht und wollte einen Essay über das Phänomen «Carlos» schreiben. Da stiess ich darauf, dass ein Schweizer in seiner engeren Clique war, was mich sehr erstaunte. Je mehr ich seine Spur verfolgte, desto unglaublicher und faszinierender wurde seine Lebensgeschichte. Es war relativ schnell klar, dass ein Artikel nicht reichte, um ihm gerecht zu werden. Ich musste ein Buch schreiben.

In Olmo Cerris neuem Dokumentarfilm «La scomparsa die Bruno Bréguet» kommen vor allem Weggefährten von früher zu Wort. Bréguets Familie wollte sich nicht äussern. Hatten Sie je Kontakt mit der Familie?

Ich habe ausführlich mit seinem Bruder Ernesto gesprochen, der in vielen Belangen der interessanteste Zeitzeuge aus der Familie ist. Er stand Bruno in der Militanten-Phase sehr nahe, und er investierte auch nach seinem Verschwinden viel Energie, ihn zu finden.

Bruno Bréguets beide Lebenspartnerinnen sind nicht auf mein Gesprächsangebot eingegangen. Ich gehe auch davon aus, dass er die Familie nicht involvieren wollte und sie und die beiden Kinder daher nicht allzu viel wissen.

Können Sie für uns einordnen, in welchem politischen Umfeld Bruno Bréguet radikalisiert wurde?

Es gab zwei wichtige Faktoren: Das eine ist die 68er-Studentenbewegung und die damalige Entstehung der Neuen Linken. Bruno Bréguet, der 1968 ins Gymnasium in Lugano kam, las wie viele Jugendliche damals Texte von Che Guevara und Mao. Schon als Gymnasiast sprach er von einem dritten Weltkrieg, den revolutionäre Befreiungsbewegungen von Südamerika bis Vietnam bereits führten, und einer sozialistischen Weltrevolution, die im globalen Süden beginnen würde. Er interpretierte auch Palästina in diesem Kontext und schloss sich nicht der grösseren Fatah-Bewegung von Yasser Arafat an, sondern der kleineren, marxistischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).

Und der zweite Faktor war …

… die Globalisierung des Nahost-Konflikts: Nach dem 6-Tage-Krieg von 1967 realisierten die bewaffneten Palästinenser-Organisationen, dass die arabischen Staaten für sie nicht die Kohlen aus dem Feuer holen würden und sie ihr Schicksal selber in die Hand nehmen mussten. So fanden ab 1968 die ersten Terroranschläge und Flugzeugentführungen in West-Europa statt. Das Ereignis, das Bréguet stark geprägt hatte, war der Anschlag auf eine El-Al-Maschine in Kloten und der darauf folgende Winterthurer Prozess, der stark politisiert wurde und die Solidaritätsbewegung mit Palästina in der Schweiz ins Leben rief.

Kann man die Solidaritätsbewegung von damals mit der heutigen vergleichen?

Es entsteht wieder eine Solidaritätsbewegung mit Palästina, aber sie hat zumindest bis jetzt keinen so hohen Organisationsgrad wie in den 1970er-Jahren. Die marxistische und maoistische Ideologie, die damals vorherrschend war, ist heute kaum noch relevant. Damals wie heute umfasst die Bewegung indes neben linken Aktivisten auch Rechtsextreme, die Israel ebenfalls als erklärten Feind haben. Und damals wie heute besteht die Gefahr, ins Antisemitische abzurutschen.

Bewegte sich Bruno Bréguet auch in rechtsextremen Kreisen?

Der Schweizer Bankier François Genoud, der zeitlebens Nazi und Hitler-Verehrer war, organisierte Bréguet zweimal einen Strafverteidiger. Wie der überzeugte Kommunist Bréguet über viele Jahre eine persönliche Beziehung mit Genoud unterhalten konnte, bleibt mir ein Rätsel. Es gibt keine Briefe oder Tagebucheinträge, die das erklären. Vielleicht war er eine Art Vaterfigur für ihn, aber das ist jetzt eine hobby-psychologische Spekulation.

Bruno Bréguet reist also 1970 mit Sprengstoff nach Israel und wird prompt verhaftet. Stimmt es, dass er der erste nicht arabische Terrorist war, der in Israel angeklagt und verurteilt wurde?

Das ist tatsächlich so. Damals gab es Terrorismus als Strafbestand nicht explizit. Formal lautete die Anklage auf Mitgliedschaft in einer Freischärler-Organisation und illegalen Besitz von Sabotage-Material. Bréguet hatte Symbolfunktion für beide Seiten: Die PFLP konnte mit ihm zeigen, dass ihr Widerstand nicht nur eine arabische Angelegenheit sei, sondern dass sich auch die Jungen in Europa für die Palästinenser einsetzten.

Er wurde auch mehrmals auf die Liste gesetzt, wenn bei Entführungen politische Häftlinge gegen Geiseln ausgetauscht werden sollten. Und Israel wollte mit einer harten Strafe ein Exempel statuieren, um mögliche Nachahmer aus Europa abzuschrecken. Anfänglich forderte die Anklage sogar die Todesstrafe, die in Israel seit der Hinrichtung des Holocaust-Mitorganisators Adolf Eichmann 1962 nie mehr praktiziert worden war.

Dieser Antrag wurde während des Prozesses zurückgezogen. Wie hat Bruno Bréguet die Verurteilung verdaut?

Die harte Strafe von 15 Jahren störte ihn weniger, als dass er als unreifer Naivling dargestellt wurde, der lügnerischer Propaganda seitens der Palästinenser auf den Leim gekrochen sei. Er wollte sich vor Gericht nämlich als reflektierter, politischer Akteur präsentieren und der israelischen Bevölkerung das Elend vor Augen führen, das er in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon und in Syrien gesehen hatte.

Bruno Bréguet kommt nach sieben Jahren frei, schliesst sich der terroristischen Carlos-Gruppe an und kommt in Frankreich nach einem Anschlag erneut für drei Jahre hinter Gitter. Wieso wechselt er danach die Fronten und geht zur CIA?

Seine Motivation ist auch für mich ein Rätsel. Wenn die US-Quellenangaben nicht absolut eindeutig wären, könnte ich es selbst kaum glauben. Es gibt einige Hinweise, dass sich Bréguet damals von Carlos und seiner Bande entfremdet hatte. Ausserdem ging um 1990 die Welt des Kalten Krieges, in der die Carlos-Gruppe existieren konnte, zu Bruch. Ich kann mir vorstellen, dass Bréguet keine Zukunft mehr für die Carlos-Gruppe sah und nun seine Haut so teuer wie möglich verkaufen wollte.

Ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter, der seine Akte gelesen hat, glaubt wiederum, dass Bréguet einsah, dass Carlos’ Terroranschläge gegen Zivilisten falsch waren und dass er nun etwas wiedergutmachen wollte. Auch das ist möglich. Zumindest wollte er offenbar gegenüber der CIA diesen Eindruck vermitteln.

Zuletzt lebte Bruno Bréguet in Griechenland. Auf dem Weg in die Schweiz wurde ihm 1995 auf der Autofähre die Einreise nach Italien verweigert. Er musste mit der Fähre zurück nach Igoumenitsa, kam da aber nie an und ist seither verschwunden. Was glauben Sie, ist passiert?

Für mich gibt es drei plausible Theorien: Es gibt Hinweise, dass er sich nicht mehr sicher fühlte. Zudem sass er bereits 1991 ein paar Tage unter prekären Verhältnissen in Griechenland im Gefängnis. Vielleicht wollte er nun untertauchen und legte sich in der Fähre unbemerkt in einen Autokofferraum und kam so vom Schiff.

Die zweite Variante: Die CIA hat ihm eine neue Identität verschafft und er lebt irgendwo unerkannt. Und die dritte: Er wurde von einem seiner vielen Feinde umgebracht. Das scheint mir leider am wahrscheinlichsten.

Naheliegend ist, dass sich jemand aus der Carlos-Gruppe gerächt hat. Ich verfolge diese Spur in meinem Buch. Sein Tod könnte aber genauso gut mit seinen Tätigkeiten in Griechenland zusammenhängen, da Bréguet dort für die CIA in linksextremistischen Kreisen spioniert hatte.

Wie reagierte die Schweiz auf sein Verschwinden?

Die Bundesanwaltschaft unter Carla Del Ponte ging damals klar davon aus, dass es kein Verbrechen gab und Bréguet untergetaucht ist. Um ihn aus seinem Versteck zu locken, schlug Del Ponte 1996 der Bundespolizei vor, Bruno über seinen Bruder Ernesto eine Nachricht zukommen zu lassen: Es würde ihm in der Schweiz keine schwere Verurteilung drohen. Strafrechtlich hat Bréguet in der Schweiz schon lange nichts mehr zu befürchten. Es ist alles verjährt.

Trotzdem ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Wie forschen Sie weiter, um das Verschwinden definitiv aufzuklären?

Viele Rätsel bleiben ungelöst. Natürlich sein Verschwinden, aber auch, was Bréguet dazu bewog, für den amerikanischen Geheimdienst zu spionieren. In den nächsten Wochen werde ich mich hoffentlich mit seinem langjährigen Weggefährten Ilich Ramirez Sanchez, besser bekannt als «Carlos», treffen. Er verbüsst in Frankreich drei lebenslängliche Haftstrafen und die französische Justiz klärt derzeit ab, ob ich vertrauenswürdig genug bin, um zu ihm vorgelassen zu werden.

«La scomparsa di Bruno Bréguet» läuft derzeit im Kino.

«La scomparsa di Bruno Bréguet» im Fokus

  • Spezialvorführungen finden von «La scomparsa di Bruno Bréguet» finden an folgenden Tagen statt:
  • Sonntag, 16. Juni, 11 Uhr: Kino Riffraff, Zürich. Gespräch im Anschluss mit Protagonistin Marina Berta.
  • Freitag, 21. Juni, 18.15 Uhr: Cinématte Bern. Premiere in Anwesenheit des Regisseurs.

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