Schweizer Regisseurin dreht Film über Tabuthema Manager-Suizid

1.11.2018 - 14:20, Lukas Rüttimann

Der Schweizer Film «Manager» ist ein Psychodrama im Sitzungszimmer.
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Regie führt dabei Erfolgsregisseurin Sabine Boss (Mitte).
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Gezeigt wird, wie Top-Manager in Drucksituationen funktionieren.
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Die Hauptrollen übernehmen Stefan Kurt (links) und Ulrich Tukur (rechts). In der Mitte gibt Regisseurin Boss Anweisungen.
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Gedreht wird derzeit in Baar ZG.
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Der Film wird allerdings in Zürich spielen.
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Gute Laune trotz schwerem Thema: In «Manager» geht's um Suizid.
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Die fiktive Autozuliefererfirma Walser steht im Mittelpunkt.
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Erst Papa Moll, jetzt Top-Manager: Stefan Kurt.
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Schwere Kost für ein grosses Publikum: In Baar wird in diesen Tagen «Manager» gedreht – ein Drama von Sabine Boss, das auf einer Selbstmordwelle von Schweizer Topmanagern beruht.

Das Drumherum in Baar passt schon mal: Auf der Strassenseite gegenüber hat Rohstoff-Gigant Glencore seinen Sitz, am Drehort selbst gehen Businessleute unter anderem von Shell ein und aus. Hier, an der Baarermattstrasse, wird in diesen Tagen «Manager» gedreht – ein brisanter Film über den Druck von Topmanagern, der im Herbst 2019 ins Kino kommen soll.

Der Inhalt: Alexander Maier (Stefan Kurt) ist der perfektionistische Finanzchef der schlingernden Schweizer Firma Walser. Topmanager Hans Werner Bockmann (Ulrich Tukur) soll die Firma umstrukturieren. Bald herrscht zwischen den beiden Krieg. Maier realisiert, dass er alles verloren hat – seinen Ruf und seine Familie. Er sieht nur noch einen Ausweg.

Tabuthema Suizid

Inspiriert wurde «Manager» von einer Häufung an Manager-Suiziden in der Schweiz. Unter anderem von Pierre Wauthier, der bei der Zürich-Versicherung in einen Konflikt mit Josef Ackermann geriet, oder auch von Ex-Swisscom-CEO Carsten Schloter und Zürich-CEO Martin Senn, wie die Produktionsfirma in den Unterlagen ungewöhnlich direkt schreibt.

Man sei sich im Klaren darüber, dass das Thema sehr delikat sei, sagt Michael Steiger von Turnus Film («Wolkenbruch»). Entsprechend anstrengend sei die Finanzierung des 3,4 Millionen Franken teuren Projekts verlaufen. «Das ist diesmal keine schöne Geschichte wie ‹Wolkenbruch›, der uns sehr viel Freude macht und erfolgreich in den Kinos läuft. Aber gerade, weil dieser Film ein so schweres Thema behandelt, gehört er erzählt. Er ist er für uns ein Herzensprojekt.»

Erfolgsregisseurin Sabine Boss («Dr Goalie bin ig», «Ernstfall Havanna») ist sich der Brisanz des Themas bewusst. Es sei völlig klar, dass man nichts zeige, was Nachahmungstäter inspirieren könne, sagt sie. Auch platte Tränendrüsenszenen etwa aus dem Umfeld der Hinterbliebenen kommen in ihrem Film nicht vor. «Manager» sei eher ein subtiles Psychodrama, in dem sich zwei Alphatiere gegenseitig mit allem, was sie haben, bekämpfen. Boss sagt: «Der Film ist auch Denkanstoss: Wie gehe ich selber mit Druck um? Ordne ich meinem Job alles unter? Dieser Film ist ein Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte.»

«Papa Moll» als Manager

Spielen tut «Manager» (der Titel könnte noch geändert oder ergänzt werden) nicht etwa in der abgehobenen Welt der Hochfinanz, sondern im Umfeld der Zürcher Autozulieferer-Industrie. «Wir wollten Klischees vermeiden», erklärt Steiger den Entscheid. Sobald die Figuren mit Löhnen von mehreren Millionen Franken jonglieren, würden die Zuschauer den Bezug verlieren, so der Produzent. «Alexander Maier, die Hauptfigur, hat diesen traditionellen Betrieb mit aufgebaut. Nun kommt einer von aussen und schmeisst alles über den Haufen», ergänzt Boss. «Mit einer solchen Entwicklung können sich die Zuschauer identifizieren».

Tatsächlich gibt die an diesem Tag gefilmte Szene einen guten Einblick in das, was das Publikum erwartet. Stefan Kurt – den man kaum mehr als jenen Mann erkennt, der vor kurzem noch Papa Moll gespielt hat – steht mit angespannter Miene in Anzug und Krawatte vor einem Chart im Sitzungszimmer und berichtet von Verlusten, zum «vierten Mal in Folge». Immer wieder klingeln Handys (der Ton wird dabei von einem Regie-Assistenten mit Fingerschnippen simuliert), doch nur einer nimmt ab: Ulrich Tukurs Sanierer, der eine neue Hiobsbotschaft in Empfang nimmt und lakonisch lächelnd meint: «Willkommen bei Walser!»

Aufeinander aufpassen

Das System sei krank, sagt der bekannte deutsche Schauspieler Ulrich Tukur («Das Leben der Anderen») später im Interview, heute würde auf Top-Ebenen in der Wirtschaft nach dem Machiavelli-Prinzip miteinander umgegangen. «Alle sind Krieger, und am Ende gewinnt der Stärkere». Er habe seine Rolle in «Manager» vor allem zugesagt, weil ihm die schnellen Dialoge gefallen haben, so Tukur – und weil «der Dreh in der Schweiz so angenehm ist».  Wie sein Gegenspieler Stefan Kurt erhielt er Besuch von echten Topmanagern am Set. Stefan Kurt erzählt lachend: «Alle waren froh, dass sie nicht den Job des anderen machen mussten.»

Versöhnliche Töne stimmt auch Sabine Boss an, als sie nach der Kernaussage ihres Films gefragt wird. «Wir müssen gut aufeinander aufpassen. Der Spardruck wird für alle immer stärker, der Druck ist enorm. Man muss aufpassen, dass man nicht unter die Räder gerät.»


Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie darüber reden:

Dargebotene Hand: Telefon 143 oder www.143.ch
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: www.U25-schweiz.ch
Angebot der Pro Juventute: Telefon 147, www.147.ch
Kirchen: www.seelsorge.net


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