Jude Law: «Die Rolle des Mannes ist nicht klarer geworden»

Marlène von Arx

23.9.2020 - 23:30

Rory (Jude Law) als windiger Geschäftsmann in «The Nest».
Ascot Elite

Heute startet das 16. Zurich Film Festival. Darunter ist «The Nest» mit Jude Law. Im Psychodrama hadert er mit den Erwartungen, die er als Ehemann und Vater an sich stellt – genau wie im wahren Leben, wie er im Interview verrät. 

Unter den coronabedingt entschlackten ZFF-Galapremieren, die in den nächsten zehn Tagen stattfinden, sticht das Psychodrama «The Nest» von Sean Durkin heraus: Jude Law (47) spielt einen Financier, der seine Familie von Amerika zurück in seine Heimat Grossbritannien umsiedelt. Er will dort in einem letzten, riskanten Versuch das grosse Geld machen und den luxuriösen Lifestyle der Familie sichern.

Im Zoom-Interview erzählt der britische Schauspieler, wie er als Ehemann und sechsfacher Familienvater mit seinen eigenen Erwartungen umgeht – und wieso Festivals wie das ZFF wichtig sind.

Herr Law, Ihr neuester Film ‹The Nest› bekommt eine Gala-Premiere am ZFF. Sie können leider nicht dabei sein.

Jude Law: Ja, das ist schade. Film-Festivals sind vor allem für kleinere Filme wie unseren sehr wichtig. Wir Schauspieler und Filmemacher wollen die Leute dort ermuntern, dass sie unsere Produkte anschauen gehen.

Sie sind zu Hause in London, das Interview führen wir über Zoom. Glauben Sie, dass sich das langfristig einbürgert und Stars nicht mehr um die Welt jetten, um auf roten – oder im Fall von Zürich grünen – Teppichen ihre Arbeit zu promoten?

Das werden wir sehen. Momentan machen wir einfach das Beste aus der Situation. In Venedig hat das Schutz-Modell offenbar funktioniert. Es scheint keine Probleme gegeben zu haben. Ich bevorzuge den menschlichen Austausch im gleichen Raum, andererseits wäre es besser für die Umwelt, wenn wir nicht so viel fliegen würden. Wir werden wohl abwägen müssen, wie viel wir aufgeben, wenn Zoom-Treffs bleiben, und wie viel wir dafür gewinnen.

Was haben Sie neben Zoom-Interviews während des Lockdowns sonst noch gemacht?

Wie die meisten Leute habe ich mal aufgeräumt und im Haus Sachen erledigt, die ich seit Jahren vor mir hergeschoben habe, wie Flickarbeiten und knarrende Türen ölen. Ich habe auch viel Zeit im Garten verbracht. In dieser Zeit einen Garten zu haben, ist wirklich ein Privileg. Ich konnte zuschauen, wie er erblühte. Ich schnipsle jeden Tag an meinen wunderschönen Glyzinien, damit sie auch auf die andere Seite des Hauses rüberwachsen. Und dass ich viel Zeit mit der Familie verbringen konnte, war natürlich auch toll.

Sie konnten sozusagen also auch nisten. Der Film ‹The Nest› ist in der Habgier der 80er-Jahre angesiedelt. Ist das Erfolgsverständnis eines Familienvaters von damals auch jetzt noch relevant?

Die Rollen in der Familie waren damals noch etwas frauenfeindlicher verteilt, aber die Rolle des Mannes ist inzwischen nicht klarer geworden. Das Dilemma ist doch auch jetzt, wie wir als Männer unsere Verletzlichkeit und nach unserem Herzen leben, aber gleichzeitig alle Erwartungen als Ernährer und Aufsteiger erfüllen. Was mir an der Geschichte besonders gefiel: Sie schaut mitfühlend, nicht richtend auf meine Figur Rory. Er kommt aus einer gescheiterten Familie und will es besser machen. Trotzdem ist er eine Enttäuschung für seine Frau und Kinder.

Wie haben Sie für sich beantwortet, was ein erfolgreicher Mann, ein erfolgreicher Vater ist?

Ich kämpfe auch mit diesen Fragen, das ist wahr. Ich arbeite daran, herauszufinden, wer und was ich sein will – nicht, was die Welt oder die Nachbarn oder sonst wer von mir erwarten. Ich glaube, die Spur führt ins eigene Herz. Man muss lernen, einen Diskurs mit sich selbst zu führen. Ich sehe das Leben als eine Chance, zu wachsen und sich zu verbessern – als Vater, als Ehemann, als Freund, als Schauspieler, als Bürger der Welt. Und ‹The Nest› hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, dass im Kern einer Familie die Liebe wohnt. Dann kann man viel meistern.

Sie haben ja inzwischen sechs Kinder. Hätten Sie je gedacht, einmal eine so grosse Familie zu haben?

Nein, nie. Meine Eltern waren beide adoptierte Waisenkinder. Glücklich adoptiert, aber von schon etwas älteren Paaren, die dann früh starben. So war unsere Familie eigentlich sehr klein. Aber meine Schwester und ich machen einen Super-Job, die Law-Sippe zu erweitern. Das sorgt allerdings gerade jetzt für neue Herausforderungen.

Wie meinen Sie das?

Wir alle waren gerade zusammen, weil mein Sohn seinen 18. Geburtstag feierte. Wahrscheinlich ist es das letzte Mal für eine längere Zeit, dass wir so zusammenkommen können, denn in London gibt es bald neue Regeln für Zusammenkünfte von mehr als sechs Personen.

Welches der Kinder ist Ihnen am ähnlichsten?

Das weiss ich noch nicht. Mein ältester, Rafferty, sieht mir ähnlich und hat auch ähnliche Eigenschaften, aber er ist natürlich auch sehr seine eigene Person. Das sind sie alle und das ist ja auch das Schöne, wenn man ein bisschen von sich selbst und von der Mutter erkennt, aber gleichzeitig auch die Entwicklung einer eigenen Person vor sich sieht. Es war wirklich schön, all die Kids verschiedenen Alters und dazwischen meine Eltern versammelt zu sehen.

Es ist ja nicht nur die Coronapandemie, die Sie in London hält, sondern Sie sind inzwischen auch wieder am Arbeiten, richtig?

Ja, wir hätten gerade mit dem dritten ‹Fantastic Beasts›-Film anfangen sollen, als der Lockdown begann. Seither rattert das Auswendig-Gelernte durch meinen Kopf. Letzte Woche haben wir nun endlich angefangen. Wir mussten einen Drehort in ein anderes Land verlegen, aber sonst hat sich eigentlich nichts geändert. Aber mehr darf ich wirklich nicht verraten.

«The Nest» kommt am 26. November in die Kinos.

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