Peter Maffay: «Mit Verlaub, das ist einfach dummes Zeug!»

Lukas Rüttimann

3.12.2018

Peter Maffay wurde kürzlich noch einmal Vater. 
Bild: Paterson /ZvG.

Aufregende Zeiten für Peter Maffay: Mit 69 wurde der Sänger kürzlich noch einmal Vater – und mit «Tabaluga» bringt er sein Kinderbuch-Universum ins Kino. «Bluewin» hat Maffay getroffen.

Töchterchen Anouk und «Tabaluga – Der Film»: Peter Maffay, Sie haben in diesen Tagen gleich zwei Geburten erlebt. Welche war schwieriger?

Anatomisch (schmunzelt)?

Vielleicht eher emotional.

Nun, der Film war sicher die längere Schwangerschaft. Obwohl ich sagen muss, dass ich hier gar nicht so stark mitgewirkt habe. Aber als Mit-Schöpfer musste ich darauf achten, dass die Dinge dorthin kommen, wo sie hingehören. Ich war sozusagen der «Watchdog» des Projekts. Von vielen technischen Dingen hatte ich aber keine Ahnung, da musste ich den Experten vertrauen. Um so glücklicher bin ich, dass der Film gut ankommt. Aber Sie haben gefragt, welche Geburt schwieriger war ...

... genau.

Man kann das nicht vergleichen. Die Geburt meiner kleinen Tochter war ein einschneidendes Erlebnis und hat die grösste Priorität in meinem Leben. Aber «Tabaluga» ist auch mein Baby, dieser Film ist mir sehr wichtig. Nicht zuletzt, weil er an die Aktivitäten der gleichnamigen Stiftung angedockt ist.

Ist es ein Problem für den Film, dass derzeit alle Welt über Ihr Vaterglück spricht?

Das wird sich schon wieder legen. Ich kenne das, der Sturm ist vorüber, bald kehrt Ruhe ein. Am Anfang war meine Vaterschaft für alle eine Überraschung, weil meine Freundin Hendrikje und ich sie so gut verheimlicht haben. Das gab natürlich schon zu reden.

Stören Sie die Diskussionen um Ihr Alter?

Das ist – mit Verlaub – einfach nur dummes Zeug. Erstens ist es eine private Angelegenheit. Zweitens sind die Parameter, die gewisse Leute in dieser Frage anlegen, wirklich gestrig. Drittens müsste man allen Richard Geres dieser Welt die gleiche Frage stellen. Ich würde mich in das Leben eines anderen Menschen nie soweit hinein wagen, um ihm zu sagen, wo er langzugehen hat. Das ist purer Voyeurismus. Ich lehne alle Kommentare in dieser Richtung ab, weil ich sie als unverschämt empfinde. Jede Familie muss mit ihrer Situation selber klarkommen, und das tun wir. Der Rest erübrigt sich.

Haben Sie die heftigen Reaktionen überrascht? Nach 50 Jahren Showbusiness wissen Sie ja, wie der Hase läuft.

Ach, da habe ich schon ganz anderes erlebt. Müsste ich das in Zahlen ausdrücken, wären diese Geschichten vielleicht zwei von 100. Damit kann ich ganz gut umgehen.

Peter Maffay spricht in Zürich. 
Bild: Paterson /ZvG.

Ihr Rockmärchen «Tabaluga» gibt es seit 35 Jahren. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ich glaube, wir sind mit dieser Figur immer vorsichtig und korrekt umgegangen. Alle fühlen sich ihr verpflichtet. Wir passen auf, dass die Figur nicht erodiert, dass sie inhaltlich keine falschen Impulse bekommt. «Tabaluga» ist unser Baby, und darauf passen wir auf.

Damals hatten Sie gerade den Sprung vom Schlagerstar zum Rocksänger geschafft. Hatten Sie nie Angst, dass Sie sich mit einem Kinderbuch den Ruf als Rocker ruinieren?

Und ob. Meine Plattenfirma sagte: «Dieses Projekt kommt überhaupt nicht in Frage, das wirst du nicht überstehen». Aber solche Warnungen haben mich damals schon nicht interessiert (lacht). «Tabaluga» war aus vielerlei Gründen ein enormes Risiko, nicht nur wegen meines Images. Aber wir hatten Glück, an die richtigen Leute zu geraten. Heute haben wir eine sehr homogene Familie, die sich mit Leib und Seele um die Nachhaltigkeit der Figur kümmert. Man wird Tabaluga nie in der Nähe von Waffen sehen: Das wäre ein absolutes No-Go.

Die Geschichte hat inzwischen einen starken politischen Unterton. Absicht?

Natürlich ist das Absicht. Die Karotte (des bösen Schneemanns – Anm. d. Red.) könnte auch eine andere Farbe haben. Sehen Sie, ich wurde in einem Land mit einem totalitären Regime geboren. Ich habe die Verwerfungen des Dritten Reichs über meine Eltern mitgekriegt. Ich habe in Rumänien die Erfahrung gemacht, wie es ist, einer Minorität anzugehören. Ich weiss, wie es sich anfühlt, Ausländer zu sein. Ich habe leibhaftig erlebt, wie die Mauer gefallen ist. Ich habe damals in Leipzig gespielt, in einer total aufgeladenen Stimmung, in der eine schlimme Eskalation drohte. Heute erlebe ich die Erosionen in einer sich radikalisierenden Gesellschaft. Ich bin jetzt als Musiker gefordert, Stellung zu beziehen. Das mache ich, zum Glück nicht allein. All das kommt zum Tragen, wenn man eine Figur wie Tabaluga gestaltet.

Peter Maffay will mit seinem Rockmärchen «Tabaluga» auch politische Botschaften vermitteln.
Bild: Sony Pictures

Wenn man Sie so reden hört: Verkraften Sie den Hass und die Intoleranz in den sozialen Medien – oder blenden Sie das einfach aus?

Natürlich lese ich das. Ich ziehe mir nicht alles rein, aber viel. Es ist wichtig zu wissen, was da draussen passiert. Ich bin auch noch jedes Jahr 300 Tage auf Achse. Gestern bin ich von Berlin nach München gefahren, heute früh um fünf Uhr von München nach Zürich. Das sind alles Begegnungen mit Menschen, nicht nur abgespulte Kilometer.

Woher kommt diese Energie?

Wir sind immer noch auf der Piste, um lebendig zu bleiben und um zu sehen, was draussen passiert. In diesem Zusammenhang ist es wirklich bedenklich, wie die Informationsquellen immer weniger Mittel haben, sorgfältig zu arbeiten. Und es ist bedenklich, wenn das Internet genutzt wird, um Menschen zu verletzen oder fertig zu machen, die sich kaum wehren können. Da ist die Gesellschaft gefordert, ein Regelwerk einzusetzen, das solche Mechanismen eindämmt. Und natürlich versuche ich als Musiker, meinen Beitrag zu leisten. Aber das geht nur, wenn man die Augen offen hält.

«Tabaluga – der Film» läuft ab Donnerstag, 6. Dezember, in den Schweizer Kinos.

Die Kino-Highlights im Dezember
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