Udo Jürgens

Nach jahrelangem Streit gibt's jetzt endlich wieder Sahne

Von Hanspeter «Düsi» Künzler

15.12.2022

Lange tobte ein Rechtsstreit um Udo Jürgens' Nachlass. Nun, Jahre nach seinem Tod, erscheint ein neues Album. Seine Kinder und sein Manager lassen Jürgens' Leben mit «Da Capo» noch einmal Revue passieren.

Von Hanspeter «Düsi» Künzler

15.12.2022

Ach, die Freuden der YouTube-Algorhithmen: Gerade habe ich von Udo Jürgens «Der Teufel hat den Schnaps gemacht» genossen («Mancher, der so säuft wie du, hat’s später dann bereut …»), da erklingt ganz automatisch und als hätte die Maschine meine Gedanken gelesen von den Stranglers «Straighten Out» («I want to see the little girls and boys destroy their toys»).

Wahrhaftig, Udo Jürgens lebte in einer anderen Welt als die Punks. In einer anderen Welt auch als YouTube.

Die Melancholie des Verlassens, Vermissens und Vergessens beseelt einen grossen Teil seiner Lieder. Und ein ebenso grosser Teil kommt mit munteren Umpa-Umpa-Rhythmen und prächtigen Schunkel-Refrains daher – auch das Lied vom Teufel, dem Schnaps und dem Mädchen von der Heilsarmee.

Eine gnadenlos hymnischen Melodie

Und in diesem Punkt unterscheidet sich Udo Jürgens auf wohltuende Weise von den meisten anderen Vertreter*innen seiner Kunst, dem Schlagergesang: Von der klanglichen Stimmung her mochte er zwischen Kilbi und Abschied am Hafen pendeln, in seinen Texten schreckte er nicht davor zurück, schwierige Themen anzuschneiden.

Zum Autor: Hanspeter «Düsi» Künzler
Bild: zVg

Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Künzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie blue News und die NZZ. Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».

Die Einsamkeit der griechischen Gastarbeiter weit weg von ihren Familien in der Vorstadt-Kneipe ist eine andere als die des klassischen, unglücklich verliebten Hitparaden-Helden.

Dank einer gnadenlos hymnischen Melodie landete Udo Jürgens ausgerechnet mit «Griechischer Wein» einen seiner allergrössten Hits. Selten hat ein Songschreiber das Rezept von Mary Poppins («a spoonfull of sugar makes the medicine go down») effizienter in die Praxis umgesetzt.

Selbst seine für einmal wirklich zornig klingende, im selben Jahr wie «Straighten Out» veröffentlichte Single «Gefeuert» («Man wirft mich zum alten Eisen auf den grossen Müllplatz hin») schaffte es in die deutschen Top 30.

Kein lieblos zusammengeworfenes Schnellprodukt

Acht Jahre lang dauerte der Rechtsstreit zwischen Jürgens' Kindern aus erster Ehe mit Panja Meier, Jenny und John, und seinem Schweizer Manager und Verleger Freddy Burger.

Im Oktober vergangenen Jahres kam es zu einer Einigung. Jenny und John kümmern sich um die Tonträger ihres Vaters, Burger um die Verlagsrechte. Die Triple-CD-Box «Da capo, Udo Jürgens – Stationen einer Weltkarriere» ist das erste Resultat des neuen Arrangements.

Es sei ein «Geschenk an die Menschen, die in seine Konzerte gegangen sind, seine CDs und Platten gekauft haben, die seine Lieder zitieren», erklärte John dem «Spiegel». Tatsächlich ist «Da Capo» mehr als eine mit zwei, drei obskuren Perlen garnierte Best-of-Sammlung, wie sie von den Plattenfirmen gern aufgetischt werden, um einer einstmals goldenen Gans die letzten Federn auszurupfen.

Man verstehe «Da Capo» als ein Konzeptalbum, so die Erben, das in 61 Liedern «die Stationen der Weltkarriere» von Udo Jürgens nachzeichne. Die individuellen CDs sind thematisch gebündelt und tragen die Titel «Bis ans Ende meiner Lieder», «Traumtänzer-Jahre» und «Damals wollt’ ich erwachsen sein».

Natürlich darf «Merci Chérie» nicht fehlen, das Lied, das Jürgens 1966 den Sieg im Eurovision Song Contest und damit den ganz grossen Durchbruch verschaffte – aber wir bekommen die originale Live-Version vom Auftritt damals in Luxemburg zu hören.

«Griechischer Wein» und «Siebzehn Jahr, blondes Haar» tauchen in ihren englischen Fassungen «Come Share the Wine» und «Wayward Girl» auf. Seine frühen Tage als Jazz-Pianist und -Sänger sind mit zwei Originalaufnahmen von 1957 vertreten – allerdings ist seine junge Stimme den Tücken des Standards «All of Me» noch nicht gewachsen.

Niemand wird sich beschweren können, «Da Capo» sei ein lieblos zusammengeworfenes Schnellprodukt, um den Fans die letzten Groschen aus der Tasche zu ziehen.

Udo Jürgens war offen für Neues

Ob es «Da Capo» gelingen wird, eine neue Generation von Fans anzulocken, ist indes fraglich. Gemäss einer 2015 publizierten Statistik waren 65 Prozent der Käufer von Tonträgern mit Schlagerinhalt 50 Jahre alt und älter. Seither dürften es mehr geworden sein.

Tom Jones und Tony Christie, aber auch Rod Stewart und Robert Plant haben alle eine Renaissance erlebt, nachdem sie im Umfeld von Blues, Jazz und Folk einen neuen Stil gefunden hatten, der zur Alterspatina besser passt als das Bild eines röhrenden Hahns im Korb.

Mit Jahrgang 1934 wurde Udo Jürgens ein paar Jahre zu früh geboren, um von diesem Trend zu profitieren. Dabei wäre er – wie seine häufigen Experimente mit den neuesten Tricks und Ticks der anglo-amerikanischen Musikszene zeigen – offen gewesen für Neues.

Sein Erfolg war durchaus nicht auf den deutschen Sprachbereich reduziert: Seine Lieder wurden von Sammy Davis Jr. («If I Never Sing Another Song»)  ebenso gesungen wie von Matt Monroe («Walk Away» alias «Warum nur, warum?») Marty Robbins («Buenos Dias, Argentina») und Shirley Bassey («Reach for the Stars»).

Gute Laune, Schwofen und Schunkeln

Mit acht Seiten ist Udo Jürgens' englischsprachiger Wikipedia-Eintrag bloss drei Seiten kürzer als der von der Kölner Band Can, nebst Kraftwerk einflussreichste Band aus dem deutschen Sprachraum.

Als Songschreiber genoss Jürgens so lang Weltruhm, wie seine Lieder in die Schablonen der britischen Schnulzen- und der «Great American Songbook»-Tradition passten – also ungefähr, bis die Stranglers auf den Plan traten.

Die Lieder aber, mit denen er bei uns Goldene Schallplatten zuhauf einsammelte, waren in ihrem treuherzigen Glauben an gute Laune, Schwofen und Schunkeln selbst dann, wenn es in der Liebe und im Berufsleben haperte, unübersetzbar.

John und Jenny Jürgens haben das Versprechen abgelegt, erst dann über allfällige weitere Projekte zu reden, wenn sie das Archivmaterial gesichtet hätten.


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