Wo ist er bloss hin? – Spanien sucht seinen Ex-König 

tafi/Agenturen

4.8.2020 - 18:00

Ein letzter Brief an den Sohn – und dann nichts wie weg. Spaniens ehemaliger König Juan Carlos ist auf der Flucht. Vor den Sünden der Vergangenheit, der Staatsanwaltschaft und sich selbst. Wohin ihn sein Weg führt, weiss niemand.

Das spanische TV sprach von der «Nachricht des Jahres», und auch in den Cafés überall im Lande gab es trotz Pandemie und Maskenpflicht kein anderes Thema: Der der Korruption verdächtige Ex-König Juan Carlos verlässt Spanien und taucht unter. Die Flucht des ehemaligen Monarchen führt zu wilden Spekulation in klassischen und sozialen Medien.

Als das spanische Königshaus am Montagabend völlig unerwartet das Exil von Altkönig Juan Carlos bekanntgab, da war der 82-Jährige offenbar schon über alle Berge. Wobei Exil ein Wort ist, das nicht nicht überall gut ankommt. Schliesslich ist der Vater von König Felipe VI. in einen Korruptionsskandal verwickelt und fühlt sich offenbar von Justizermittlungen bedrängt.

Den Zarzuela-Palast nordwestlich von Madrid – seine Residenz der vergangenen 58 Jahre – hat Juan Carlos nach Medienberichten bereits am Sonntag verlassen. Er sei mit einem Wagen nach Galicien und von dort über die Grenze nach Portugal gefahren, hiess es. 

Mögliches Ziel: die Karibik

In Porto soll Juan Carlos dann einen Flieger Richtung Karibik bestiegen haben, wie unter anderem auch die den Royals sehr nahe stehende Zeitung «ABC» versicherte. In der Dominikanischen Republik habe das frühere Staatsoberhaupt Zuflucht bei einem engen Freund, dem Zuckermagnaten Pepe Fanjul, gesucht, hiess es. Sicher ist das freilich nicht.

Eine Stellungnahme der «Casa Real», des Königshauses,  oder der Regierung gab es dazu vorerst nicht. Das sorgte für Verwirrung. Der staatliche TV-Sender RTVE und auch die Menschen in den Cafés überall im Lande stellten deshalb immer wieder dieselbe Frage: «Wo ist Juan Carlos?»

Pablo Iglesias, der Chef des Juniorpartners der sozialistischen Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, des Linksbündnisses Unidas Podemos, beklagte eine «Flucht» des Altkönigs und erneuerte seine Forderung nach Abschaffung der Monarchie. «Eine demokratische Regierung darf da nicht wegschauen», schrieb er auf Twitter. Juan Carlos' Anwalt Javier Sánchez-Junco beteuerte, sein Mandant stehe der spanischen Justiz weiter zur Verfügung.

Hat der Sohn den Vater verjagt?

Die in Sachen Monarchie sehr gut informierte Zeitung «El Mundo» versicherte unterdessen, das Exil von Juan Carlos sei von Felipe und Sánchez vereinbart worden. Das Königshaus habe Juan Carlos zum Verlassen Spaniens «gezwungen», um die konstitutionelle Monarchie zu retten, so das Blatt. 

«El Mundo» meint, die «dramatische Geste» von Juan Carlos werde «den Kreuzzug» der Monarchiegegner um Iglesias nicht stoppen. Sorge auch im Ausland: Die Londoner «Times» warnte, die spanische Monarchie sei so beschädigt, «dass ihr langfristiges Überleben ungewiss ist».

Vom Vorzeige-König zum Skandal-Monarchen

Dabei galt Juan Carlos jahrzehntelang als Vorzeige-König. Erst recht, nachdem er 1981 die damals noch sehr junge spanische Demokratie nach einem Putschversuch energisch verteidigt hatte. Doch in den letzten zehn Jahren erregte er immer wieder Ärger: eine umstrittene Elefantenjagd, Medienberichte über angebliche Seitensprünge, ein Betrugsskandal, der sich über Jahre hinauszog und bei dem sein Schwiegersohn Iñaki Urdangarin zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

Und dann wurde zu allem Übel auch der ominöse Deal um den «Wüstenzug» aufgedeckt: Juan Carlos soll 2008 Schmiergeld in Höhe von 100 Millionen US-Dollar kassiert haben, damit der Bau einer rund 450 Kilometer langen Schnellbahnstrecke zwischen Mekka und Medina durch ein spanisches Konsortium zustande kam. Das Oberste Gericht leitete im Juni offiziell Ermittlungen gegen den von rund 20 Operationen körperlich stark geschwächten Juan Carlos ein.

Entzweiung mit Felipe

Juan Carlos hatte zuvor bereits im März einen heftigen Schlag erlitten, als sein Sohn nach einem Bericht des «Telegraph» mit ihm brach. Das britische Blatt hatte enthüllt, dass Felipes Name – offenbar ohne sein Wissen – als Begünstigter einer dubiosen Offshore-Stiftung aufgetaucht war, in der auch Teile der Saudi-Dollars deponiert sein sollen. Der König verzichtete auf sein Erbe und strich dem Vater auch noch das Jahresgehalt von umgerechnet 210'000 Franken.



Ans Licht waren die offenbar unsauberen Saudi-Geschäfte gekommen, als Medien 2018 Aufnahmen eines Gesprächs veröffentlichten, bei dem eine Deutsche dem Altkönig Korruption und Geldwäsche vorwirft. Die heute 55-Jährige war dem Bourbonen nach eigenen Angaben bis 2012 eng verbunden. Sie sei «eine innige Freundin» gewesen, sagte sie den Medien, die immer wieder gern über ihr Leben berichten.

Ein Brief zum Abschied

In einem vom Königshaus veröffentlichten Brief an seinen Sohn schrieb der Altkönig nun: Er wolle mit seiner Entscheidung, ins Ausland zu ziehen, die Arbeit von Felipe als Staatschef «erleichtern», «angesichts der öffentlichen Auswirkungen, die gewisse vergangene Ereignisse meines Privatlebens derzeit verursachen». «Es ist eine Entscheidung, die ich mit tiefen Gefühlen, aber mit grosser Ruhe treffe.»

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