Er ist die Sendung, und deshalb wird es ohne ihn nicht gehen

Von Lukas Rüttimann

12.3.2021

Dieter Bohlen war während 18 Staffeln in der Jury von «Deutschland sucht den Superstar».
Keystone

Mit dem Aus von Dieter Bohlen bei «DSDS» und «Das Supertalent» geht eine Ära zu Ende. Obwohl sich die Entwicklung abgezeichnet hat – ein bisschen Wehmut darf schon sein.

Von Lukas Rüttimann

12.3.2021

Sonnenbrille, Solariumbräune, Grinsen im Gesicht – so hat man Dieter Bohlen die letzten 20 Jahre am TV erlebt. Das letzte Mal am vergangenen Samstag, das nächste Mal morgen im Rahmen der 18. Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» auf RTL.

Doch damit ist bald Schluss. Das Staffelfinale am 3. April wird Bohlens letzter Auftritt als «DSDS»-Zampano sein, und auch beim «Supertalent» scheidet der «Pop-Titan» als Chefjuror aus. Das kryptische Statement des Senders als Massstab («alle Beteiligten wurden im Vorfeld informiert») lässt vermuten: Der Abschied folgt kaum ganz freiwillig.

Quotentiefs und Skandal-Juroren

Bohlens Aus, das ist ein Erdbeben in der deutschen TV-Landschaft. Eines, das auch hierzulande zu spüren ist. Immerhin hat «DSDS» mit Luca Hänni und Beatrice Egli zwei Schweizer Gewinner vorzuweisen – und durchaus viele Fans. Allerdings kommt das Beben mit Ansage. Denn die Quoten der Castingshow sind seit Jahren rückläufig, zudem brachten Jury-Skandale um Xavier Naidoo (2020, Skandal-Video) und aktuell Michael Wendler (Verschwörungstheorien) die Showmacher in Bedrängnis.



Tatsächlich ist der aktuellen «DSDS»-Staffel der Druck anzumerken. Mit Elementen aus Model-Shows wie «Germany’s next Topmodel» (Umstylings, Fotoshootings) versucht man, beim jungen Publikum zu punkten; mit offensichtlichen Klamauk- und Krawall-Kandidaten soll mehr Reality-Flair in den Gesangswettbewerb rein. Das sorgt zwar für mehr Action, bei einem Grossteil des Publikums ist die Meinung dennoch gemacht: Endlich ist Bohlen weg, und «DSDS» soll man am besten gleich mit entsorgen. In sozialen Medien werden dem grossen Blonden und seiner Show denn auch nicht allzu viele Tränen nachgeweint.

Ein Unikum ohne Nachfolger

Das jedoch ist gegenüber dem «Mega-Produzent» («Bild») nicht nur fair. Denn Dieter Bohlen ist ein Unikum, wie man es heute nur selten am TV zu sehen kriegt. Ja, er kann nerven; ja, er ist ein alter Macker, der nicht mehr in die heutige Zeit passt; und ja, er ist eitel bis zum Geht-nicht-mehr. Aber er ist auch ein echter Typ. Einer, der erfrischend geradeaus sagt, was er denkt, und der zu sich steht.

Zudem hat sich Bohlen in seiner Rolle als Chefjuror von «DSDS» in den letzten Jahren gewandelt. Lebte er als TV-Kultfigur zu Beginn von grenzwertigen Sprüchen – «wie 3,5 Promille morgens aus der Disco», «wenn du jetzt 3'000 Prozent besser singst, könntest du eventuell Scheisse erreichen», «Deshalb haben irgendwelche Leute Drogen erfunden: um so was auszuhalten», usw. – ist Bohlen heute mehr väterliche Identifikationsfigur.

Ein Sonnenkönig ist er zweifellos, ein Macho alter Schule auch; aber einer mit Herz. So hält er sich inzwischen bei sensiblen Kandidaten auffällig zurück und spielte öfter mal den Seelsorger. Vor allem aber strahlt der 67-Jährige eine souveräne Gelassenheit aus – im Wissen, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Sogar über sich selbst konnte er zuletzt öfter lachen. Etwas, das zu Anfangszeiten seiner Karriere undenkbar war.

Nun soll also ein Neuer in seine Fussstapfen treten. RTL übergibt das Kommando an ein junges Team und verspricht sich von der neuen Jury «frische Impulse». Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen: Das wird nicht funktionieren. Denn Dieter Bohlen ist, respektive war «DSDS». Ohne ihn wird es künftig am Samstagabend vor dem TV vielleicht etwas weniger penetrant – garantiert aber auch langweiliger.