Interview in L.A.

Ricky Gervais: «Der schlimmste Verlust sind die Haustiere»

Von Marlène von Arx

24.4.2020

2016: Bad Boy Ricky Gervais moderierte auch 2020 die Golden Globes.
Paul Drinkwater/Keystone

Darf man über Trauernde lachen? Der Komiker Ricky Gervais kennt auch in der zweiten Staffel der Netflix-Serie «After Life» keine Tabus. Im Interview spricht er über Fremdschäm-Momente – aber auch über seine Katzen und die Hundeliebe.

Krasse Witze sind sein Spezialgebiet. Egal wo und über wen. Bei den Golden Globes 2020 machte er sich über die ISIS und Jeffrey Epstein lustig. Keiner ist so frechschnauzig wie Ricky Gervais, 58.

Sein Eröffnungssatz an den Golden Globes 2020, jene Gala, die er auch moderierte, lautete: «Die meisten von euch haben weniger Zeit in der Schule verbracht als Greta Thunberg. Also, wenn du gewinnst, kommst du, nimmst deinen kleinen Preis entgegen, bedankst dich bei deinem Agenten und Gott – und verpisst dich. Okay?»

Mister Gervais, Hollywood-Stars zittern, wenn Sie die Golden Globes moderieren. Bei der Verleihung im Januar rieten Sie den Gewinnern, sich brav für die Auszeichnung zu bedanken und statt politische Reden zu schwingen die Klappe zu halten. Welche Note geben Sie sich als Gastgeber?

Eine gute. Mir hat’s gefallen. Es war das fünfte Mal, dass ich die Golden Globes moderierte, also musste ich mich etwas steigern. Ich hätte auch mit der Zeit gehen und schön versöhnlich sein können, aber ich tat das Gegenteil. Schliesslich habe ich diese Show nie für die 200 Leute im Saal moderiert, sondern für die 200 Millionen, die an den Bildschirmen zuschauen. Und die sind es müde, von diesen elitären, in Privatjets herumfliegenden Heuchlern belehrt zu werden.

Könnte man Sie auch als Heuchler blossstellen?

Mir ist nichts wirklich peinlich. Das heisst, doch: Wenn sich andere blamieren. Wenn einer einen plumpen Annäherungsversuch macht. Oder diese Typen bei «Big Brother» – wenn da zwei flirten, möchte ich am liebsten den Raum verlassen.

Ihre Netflix-Serie «After Life» handelt von einem verbitterten Mann, der nicht über den Tod seiner Frau hinwegkommt. Trauer als humoristische Grundlage – wie funktioniert das?

Man kann über alles Witze machen, das real ist. Ich versuche damit nicht zu provozieren oder an Grenzen zu gehen. Jedem Vierten geht es mental schlecht. Ich finde, man darf solche Tabu-Themen ruhig anpacken, sonst bleiben sie ewig tabu. Sie kompromisslos zu diskutieren, das schadet sicher niemandem.

Welche Erfahrung haben Sie persönlich mit Trauer gemacht?

Je älter ich werde, desto mehr Erfahrung habe ich damit natürlich. Meine Eltern sind gestorben, mein 73-jähriger Bruder letztes Jahr ebenfalls. Aber der schlimmste Verlust ist der der Haustiere. Unsere Katzen Wolf und dann Colin einschläfern zu müssen, das war furchtbar. Sie sind so unschuldige Wesen!

Sie sind ein grosser Katzen- und Hunde-Liebhaber …

Stimmt, ich gehe am Morgen spazieren, um im Park Hunde zu treffen. Und das ist jetzt nicht lustig, aber wahr: Meine Mutter weinte einmal am Tisch und sagte, mein Vater sei gestorben. Ich war etwa achtzehn Jahre alt. Ich sagte nur: «Oh nein!» Sie erklärte darauf, dass das nicht wahr sei, aber sie unseren Hund Betsy einschläfern musste. Da heulte ich los. Als der Vater nach Hause kam, erzählte sie ihm brühwarm, bei welcher Todesnachricht ich heulte und bei welcher nicht. Das erklärt wohl einiges.

Es erklärt, dass Ihr bissiger Humor von Ihrer Familie stammt?

Genau. Ich war der Nachzügler. Mein jüngster Bruder ist elf Jahre älter als ich. Ich musste irgendwie für Aufregung sorgen, damit man mich überhaupt wahrnahm. Als ich meine Mutter fragte, wieso alle Geschwister soviel älter sind als ich, sagte sie, ich sei ein Unfall gewesen. Ich fand, die anderen waren ein Unfall – so war der Humor in der Familie. Humor ist ein soziales Machtinstrument. Das habe ich früh kapiert.

Wie meinen Sie das?

Lustig zu sein stand bei mir immer an erster Stelle. Vor klug, nett und freundlich. Wenn du die Leute zum Lachen bringen kannst, darfst du in der Clique bleiben – auch wenn du nicht der härteste Kerl bist.

Wann kommen Ihnen die besten Ideen für Ihre Comedy?

Beim Joggen oder im Flugzeug. Da kann ich über Dinge nachdenken. Ich kann nicht an den Computer sitzen und etwas ausbrüten. Wenn ich also mit einer Idee vom Joggen nach Hause komme, frage ich meine Freundin, was sie davon hält. Und wenn sie mich bittet, das in der Öffentlichkeit lieber nicht zu sagen, weiss ich, dass die Pointe sitzt.

Lassen wir mal den Humor beiseite: Was sagen Sie jemandem, der wie Tony in «After Life» keinen Sinn im Leben mehr sieht?

Mir geht es ja auch so: Ich will ja auch nur noch etwas länger leben, damit ich noch mehr Wein trinken kann. Aber ich glaube, man kann einen Ausgleich finden. Ich trinke zum Beispiel tagsüber nicht. Ich habe gelesen, dass zwei Gläser Rotwein pro Tag ein bisschen gesünder ist als keines. Deshalb trinke ich manchmal vier – das ist dann gleich zweimal besser. [lacht]

«After Life» kommt also nicht von einer inneren Traurigkeit her?

Nein, ich war zum Glück nie depressiv oder hatte eine selbstzerstörerische Seite. Ich bin nur neurotisch. Wenn ich ein Kratzen im Hals spüre, denke ich, ich habe Krebs. Aber dann erwacht der Komiker in mir, der weiss, dass man daraus eine Punchline, eine Pointe, basteln kann.

Glauben Sie an ein Leben danach?

Nein, und das ist auch okay und macht mir keine Angst. Dreizehneinhalb Milliarden Jahre waren wir nirgends, dann erleben wir rund 80 Jahre lang ein Abenteuer des Bewusstseins, der Liebe, des Essens, Trinkens und der Hunde und Katzen – und dann sterben wir. Und dann kommt wieder das Gleiche wie die dreizehneinhalb Milliarden Jahre vorher.

Die 2. Staffel von «After Life» läuft ab heute auf Netflix.

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